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Antidepressiva
Antidepressiva sind Medikamente, die vor allem zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden; einige sind auch für Angststörungen, Zwangsstörungen oder Schmerzen zugelassen. Sie unterscheiden sich in Wirkweise, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen; ihre Wirksamkeit ist nach der NVL Unipolare Depression weitgehend vergleichbar. Bis die Wirkung einsetzt, ist laut NVL mit 3 bis 4 Wochen ab Erreichen der Standarddosis zu rechnen.

Antidepressiva sind Medikamente zur Behandlung von Depressionen. Fast alle in Deutschland verfügbaren Antidepressiva erhöhen auf unterschiedlichem Weg die Menge der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, eventuell auch Dopamin, im Spalt zwischen zwei Nervenzellen. Ob ein Mangel an diesen Botenstoffen eine Depression verursacht, ist laut NVL Unipolare Depression heute umstritten; vermutet werden weitere Mechanismen, etwa ein Einfluss auf die Anpassungsfähigkeit von Nervenverbindungen (neuronale Plastizität). [1]
Die NVL hält Antidepressiva für klinisch bedeutsam, auch wenn ein Teil ihrer Wirkung auf Placebo- und unspezifische Effekte zurückgeht und der Unterschied zu Placebo eher klein ist. Eine allein medikamentöse Behandlung hält sie nicht für ausreichend und empfiehlt, Medikamente in ein Gesamtkonzept mit Gesprächen und weiteren unterstützenden Maßnahmen einzubetten. Wie Psychotherapie und Medikamente zusammenwirken, beschreibt die Seite Psychotherapie und Medikamente. [1]
Zugelassen sind Antidepressiva vor allem zur Behandlung von Depressionen. Einige Wirkstoffe sind laut ihrer Fachinformation auch für weitere Erkrankungen zugelassen: Sertralin etwa für Panikstörung, soziale Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung und Zwangsstörung, Duloxetin für die generalisierte Angststörung und für Schmerzen bei diabetischer Polyneuropathie, Imipramin für die langfristige Schmerzbehandlung und für Bettnässen bei Kindern ab 5 Jahren. [2, 3, 4]
Welche Gruppen von Antidepressiva gibt es?
Die NVL teilt die Antidepressiva nach ihrer chemischen Struktur oder ihrem Wirkmechanismus in Klassen ein. Die Tabelle fasst ihre Beschreibung zusammen; genannt sind die Wirkstoffe, die die NVL aufführt und die hier eine eigene Seite haben. [1]
| Gruppe | Wie sie wirken | Wirkstoffe |
|---|---|---|
| SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) | hemmen gezielt die Wiederaufnahme von Serotonin in die Nervenzelle; laut NVL die am meisten verordnete Gruppe bei Depressionen in Deutschland | Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin |
| SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) | hemmen gezielt die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin | Venlafaxin, Duloxetin, Milnacipran |
| Trizyklische Antidepressiva (tri- und tetrazyklische, TZA) | hemmen in unterschiedlichem Ausmaß die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin und blockieren zusätzlich weitere Andockstellen, zum Beispiel für Acetylcholin und Histamin; dadurch entstehen zusätzliche Wirkungen und Nebenwirkungen | Amitriptylin, Clomipramin, Doxepin, Imipramin, Trimipramin |
| MAO-Hemmer | blockieren das Enzym Monoaminooxidase (MAO), sodass mehr Serotonin, Noradrenalin und Dopamin für die Signalübertragung zur Verfügung steht; Moclobemid hemmt nur die Form MAO-A und das umkehrbar, Tranylcypromin beide Formen nicht umkehrbar (irreversibel) | Moclobemid, Tranylcypromin |
| Weitere Antidepressiva | unterschiedliche Wirkweisen: Mirtazapin blockiert Alpha2-Rezeptoren und setzt so mehr Serotonin und Noradrenalin frei; Bupropion hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin; Trazodon und Agomelatin blockieren bestimmte Serotonin-Rezeptoren, Agomelatin wirkt zusätzlich an Melatonin-Rezeptoren; Tianeptin fördert die Wiederaufnahme von Serotonin; Esketamin blockiert den NMDA-Rezeptor und hemmt so die Freisetzung von Glutamat; bei Johanniskraut ist der Mechanismus nicht abschließend geklärt | Mirtazapin, Bupropion, Trazodon, Agomelatin, Tianeptin, Esketamin, Johanniskraut |
Unter Tranylcypromin und in den 2 Wochen danach sind bestimmte Diätvorschriften einzuhalten, weil tyraminhaltige Nahrungsmittel wie reife Käsesorten eine Blutdruckkrise auslösen können; die Wirkung klingt nach dem Absetzen erst ab, wenn der Körper neue MAO gebildet hat, mindestens nach zwei Wochen (siehe Essen, Trinken und Psychopharmaka). [1]
Wirkstoffe der Gruppe
Agomelatinz. B. Agomelatin AbZ, Agomelatin-ratiopharm, ValdoxanDepression bei Erwachsenen
Amitriptylinz. B. Amitriptylin-CT, Amitriptylin neuraxpharmDepression, Nervenschmerzen, Vorbeugung von Spannungskopfschmerz und Migräne, nächtliches Einnässen bei Kindern
Bupropionz. B. Bupropion-ratiopharm, Elontril, ZybanDepressionen
Citalopramz. B. Cipramil, Citalopram Aristo, Citalopram HEXALDepression (Episoden einer Major Depression)
Clomipraminz. B. Anafranil, Clomipramin-neuraxpharmDepression, Zwangs- und Panikstörung, Phobien, chronische Schmerzen, Kataplexie
Desvenlafaxinz. B. DesveneuraxDepression
Doxepinz. B. Doxepin STADA Filmtabletten, Doxepin-ratiopharm Filmtabletten, AponalDepression, Angstzustände, Schlafstörungen bei Depression, leichte Entzugserscheinungen
Duloxetinz. B. Cymbalta, Duloxalta, Duloxetin AbZDepression, generalisierte Angststörung, Nervenschmerzen bei Diabetes
Escitalopramz. B. Cipralex, Escitalopram-ratiopharm, Escitalopram STADADepression, Angststörungen, Zwangsstörung
Esketaminz. B. SpravatoTherapieresistente Depression, psychiatrischer Notfall bei Depression
Fluoxetinz. B. Fluoxetin-ratiopharm 20 mg Tabletten, Fluoxetin-ratiopharm 20 mg Hartkapseln, Fluoxetin AbZ 20 mg HartkapselnDepression, Zwangsstörung, Bulimie
Fluvoxaminz. B. Fevarin, Fluvoxamin-neuraxpharmDepression, Zwangsstörung
Imipraminz. B. Imipramin-neuraxpharmDepression, Schmerzbehandlung, Bettnässen und Nachtangst bei Kindern
Johanniskrautz. B. Jarsin 300 mg, Jarsin 450 mgLeichte depressive Störungen (pflanzlich)
Milnacipranz. B. Milnacipran Glenmark, Milnacipran Micro Labs, MilnaneuraxDepression
Mirtazapinz. B. Mirtazapin-ratiopharmDepressionen (Episoden einer Major Depression) bei Erwachsenen
Moclobemidz. B. Aurorix, Moclobemid-1 A Pharma, Moclobemid-neuraxpharmDepression, soziale Phobie
Opipramolz. B. Insidon, Opipramol STADA, Opipramol-neuraxpharmGeneralisierte Angststörung, somatoforme Störungen
Paroxetinz. B. Paroxetin-ratiopharm, Paroxetin STADA, SeroxatDepressionen und Angststörungen wie Panik-, Zwangs- und soziale Angststörung
Sertralinz. B. Sertralin-ratiopharm, ZoloftDepression, Angststörungen, PTBS, Zwangsstörung
Tianeptinz. B. Tianeurax, TianesanEpisoden einer Major Depression bei Erwachsenen
Tranylcyprominz. B. Jatrosom, Tranylcypromin neuraxpharmDepression, wenn andere Antidepressiva nicht ausreichend helfen
Trazodonz. B. Trazodon-neuraxpharm, Trazodon HEXALDepressive Erkrankungen
Trimipraminz. B. Stangyl, Trimipramin STADADepressionen mit Schlafstörungen, Angst und innerer Unruhe
Venlafaxinz. B. Trevilor retard, Venlafaxin - 1 A Pharma, Venlafaxin AurobindoDepressionen, generalisierte Angststörung, soziale Angststörung, Panikstörung
Weil die Studien eine weitgehend vergleichbare Wirksamkeit der Antidepressiva nahelegen, soll die Auswahl laut NVL nach dem Sicherheits- und Wechselwirkungsprofil, Ihren Wünschen und der Erfahrung der Behandelnden erfolgen. Weitere Kriterien sind unter anderem Vorerkrankungen und andere Medikamente, frühere Erfahrungen mit Antidepressiva, der Aufwand für Kontrollen und die Darreichungsform. Als Tropfen gab es laut NVL (Stand 2021) Escitalopram, Amitriptylin, Trimipramin und Sertralin; welche Antidepressiva als Tropfen vorliegen, ändert sich häufig. Esketamin wird als Nasenspray angewendet; die NVL behandelt es unter den Möglichkeiten bei mehrfachem Nichtansprechen (siehe Ketamin und Esketamin). [1]
Nebenwirkungen im Vergleich
Welche Nebenwirkungen im Vordergrund stehen, unterscheidet sich zwischen den Gruppen und Wirkstoffen. Die NVL nennt in einer Übersicht die wichtigsten Nebenwirkungen je Gruppe; es gilt jeweils die aktuelle Fachinformation des Präparats. [1]
| Gruppe | Wichtige Nebenwirkungen |
|---|---|
| Trizyklische Antidepressiva | anticholinerge Wirkungen wie Mundtrockenheit und Störungen der Scharfeinstellung des Auges, Müdigkeit (Sedierung), Appetit- und Gewichtszunahme, Störungen der Erregungsleitung und des Herzrhythmus, Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen, Schwindel, niedriger Blutdruck, Verwirrtheitszustand (Delir) |
| SSRI | Übelkeit, Unruhe und Antriebssteigerung, Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Schwitzen, Zittern, Natriummangel (Hyponatriämie, SIADH); bei manchen Wirkstoffen eine Verlängerung der QT-Zeit im EKG |
| SNRI | Übelkeit, Unruhe und Antriebssteigerung, Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Schwitzen (vor allem nachts), Zittern, Bluthochdruck, Mundtrockenheit, Natriummangel; zum Teil ausgeprägte Absetzsymptome |
| MAO-Hemmer | Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen; unter Tranylcypromin Blutdruckkrisen |
| Mirtazapin und Mianserin | Müdigkeit, Appetit- und Gewichtszunahme, Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen, Albträume |
| Trazodon | Müdigkeit, Kreislaufregulationsstörungen beim Aufstehen |
| Bupropion | Unruhe, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Mundtrockenheit, Appetitverlust, Zittern, epileptische Anfälle |
| Agomelatin | Leberfunktionsstörungen, Müdigkeit, Albträume |
| Tianeptin | Appetitminderung, Schlafstörungen; missbräuchliche Verwendung möglich |
Die folgende Tabelle zeigt für jeden Wirkstoff mit Datensatz die höchste Häufigkeitsangabe seiner Produktinformation für einige Beschwerden, nach denen oft gefragt wird. Sie ist keine Rangliste: Eine Häufigkeit sagt, wie oft eine Beschwerde während der Behandlung beobachtet wurde, nicht, wie stark sie ist. Welches Mittel zu Ihnen passt, hängt laut NVL von vielen weiteren Kriterien ab. [1]
| Wirkstoff | Müdigkeit | Schlafstörungen | Unruhe und Nervosität | Gewichtszunahme | Weniger Lust auf Sex | Übelkeit | Mundtrockenheit | Vermehrtes Schwitzen |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Agomelatin | Häufig | Häufig | Gelegentlich | Häufig | nicht genannt | Häufig | nicht genannt | Gelegentlich |
| Amitriptylin | Sehr häufig | Gelegentlich | Häufig | Sehr häufig | Häufig | Sehr häufig | Sehr häufig | Sehr häufig |
| Bupropion | Häufig | Sehr häufig | Häufig | nicht genannt | nicht genannt | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig |
| Citalopram | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig | Gelegentlich | Häufig | Sehr häufig | Sehr häufig | Sehr häufig |
| Clomipramin | Sehr häufig | Häufig | Sehr häufig | Sehr häufig | nicht genannt | Sehr häufig | Sehr häufig | Sehr häufig |
| Desvenlafaxin | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig | Häufig | Häufig | Sehr häufig | Sehr häufig | Sehr häufig |
| Doxepin | Nicht bekannt | Nicht bekannt | Häufig | Nicht bekannt | Häufig | nicht genannt | Nicht bekannt | Nicht bekannt |
| Duloxetin | Sehr häufig | Häufig | Häufig | Gelegentlich | Häufig | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig |
| Escitalopram | Häufig | Häufig | Häufig | Häufig | Häufig | Sehr häufig | Häufig | Häufig |
| Esketamin | Sehr häufig | nicht genannt | Häufig | nicht genannt | nicht genannt | Sehr häufig | Häufig | Häufig |
| Fluoxetin | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig | nicht genannt | Häufig | Sehr häufig | Häufig | Häufig |
| Fluvoxamin | Häufig | Häufig | Häufig | nicht genannt | nicht genannt | nicht genannt | Häufig | Häufig |
| Imipramin | Häufig | Gelegentlich | Gelegentlich | Häufig | nicht genannt | Gelegentlich | Häufig | Häufig |
| Johanniskraut | Nicht bekannt | nicht genannt | Nicht bekannt | nicht genannt | nicht genannt | Nicht bekannt | nicht genannt | nicht genannt |
| Milnacipran | Häufig | Häufig | Häufig | nicht genannt | Gelegentlich | Sehr häufig | Häufig | Häufig |
| Mirtazapin | Sehr häufig | Häufig | Gelegentlich | Sehr häufig | nicht genannt | Häufig | Sehr häufig | nicht genannt |
| Moclobemid | nicht genannt | Sehr häufig | Häufig | nicht genannt | nicht genannt | Sehr häufig | Sehr häufig | nicht genannt |
| Opipramol | Häufig | Selten | Selten | Gelegentlich | nicht genannt | Selten | Häufig | Selten |
| Paroxetin | Häufig | Häufig | Häufig | Häufig | nicht genannt | Sehr häufig | Häufig | Häufig |
| Sertralin | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig | Häufig | Häufig | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig |
| Tianeptin | Häufig | Häufig | nicht genannt | nicht genannt | nicht genannt | Häufig | Häufig | nicht genannt |
| Tranylcypromin | Häufig | Sehr häufig | Häufig | Häufig | nicht genannt | nicht genannt | Häufig | Selten |
| Trazodon | Häufig | Häufig | Häufig | Gelegentlich | Nicht bekannt | Häufig | Häufig | Nicht bekannt |
| Trimipramin | Nicht bekannt | Nicht bekannt | Nicht bekannt | Nicht bekannt | nicht genannt | Nicht bekannt | Nicht bekannt | Nicht bekannt |
| Venlafaxin | Sehr häufig | Sehr häufig | Häufig | Häufig | Häufig | Sehr häufig | Sehr häufig | Sehr häufig |
Angaben aus der Packungsbeilage bzw. Fachinformation des jeweiligen Wirkstoffs; die Quellen stehen auf der Wirkstoffseite. "nicht genannt" heißt: Die Wirkstoffseite führt diese Beschwerde nicht als eigene Nebenwirkung mit Häufigkeit auf. Das bedeutet nicht, dass sie nicht auftreten kann; Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen der Produktinformation stehen ebenfalls auf der Wirkstoffseite. Maßgeblich ist die Packungsbeilage Ihres Präparats. Zeilen, die in der Produktinformation gesondert für Kinder oder Jugendliche aufgeführt sind, sind nicht berücksichtigt; sie stehen auf der Wirkstoffseite. Die Tabelle umfasst nur Wirkstoffe, die auf dieser Website mit geprüftem Datensatz beschrieben sind.
Nach der NVL sollen Wirkungen und typische Nebenwirkungen in der Behandlung aktiv erfragt werden, auch solche, die viele nicht von sich aus ansprechen, etwa sexuelle Funktionsstörungen. Mehr zu einzelnen Beschwerden: Gewichtszunahme, sexuelle Funktionsstörungen, Müdigkeit, vermehrtes Schwitzen, Natriummangel, Herz und QT-Zeit und emotionale Abstumpfung. [1]
Wirkungseintritt und Dauer

In der Regel soll die Behandlung laut NVL mit einer niedrigen Anfangsdosis beginnen; unter Berücksichtigung der Verträglichkeit sollte die Dosis dann so schnell wie möglich auf die empfohlene Standarddosis gesteigert werden. Ab dann rechnet die NVL mit einer Wirklatenz von 3 bis 4 Wochen, bei älteren Menschen mit bis zu 6 Wochen. Danach soll gemeinsam beurteilt werden, ob sich die Beschwerden im Sinne der vereinbarten Ziele bessern. In der Zeit bis dahin soll die Verträglichkeit sorgfältig überwacht werden, besonders auf Zeichen eines steigenden Suizidrisikos. [1]
Wirkt ein Antidepressivum, soll laut NVL die Fortsetzung bis zum Abklingen der Episode (Remission) und danach eine Erhaltungstherapie empfohlen werden: 6 bis 12 Monate über die Remission hinaus in gleicher Dosis wie in der Akutphase. Menschen mit 2 bis 3 oder mehr depressiven Episoden und bedeutsamen Einschränkungen in den letzten 5 Jahren sollte empfohlen werden, das Antidepressivum mindestens 2 Jahre lang einzunehmen. Spricht die Behandlung nicht an, sollen die möglichen Ursachen geklärt und das weitere Vorgehen gemeinsam entschieden werden. [1]
Mehr dazu auf den Seiten Wann wirken Psychopharmaka?, Wie lange werden Psychopharmaka genommen? und Wenn ein Antidepressivum nicht wirkt.
Absetzen
Beim Absetzen von Antidepressiva, besonders wenn es zu schnell geschieht, können unerwünschte Effekte auftreten. Typisch für ein Absetzsyndrom sind laut NVL unter anderem grippeähnliche Beschwerden, Kopfschmerz, Schlafstörungen, Übelkeit, Schwindel, stromschlagähnliche Missempfindungen sowie Angst und Reizbarkeit. Die Beschwerden sind überwiegend mild und bilden sich je nach Halbwertszeit innerhalb von 2 bis 6 Wochen zurück; von einem Rückfall der Depression sind sie laut NVL teilweise nur schwer abzugrenzen. [1]
Ein erhöhtes Risiko für Absetzsyndrome ist laut NVL bei MAO-Hemmern, trizyklischen Antidepressiva, Venlafaxin und Paroxetin zu erwarten. Am Ende einer Erhaltungstherapie soll ein Antidepressivum laut NVL schrittweise abgesetzt werden; ausgeschlichen werden sollte es über mindestens 8 bis 12 Wochen, wenn keine anderen Gründe dagegen sprechen. Treten dabei Absetzsymptome auf, soll wieder auf die vorherige Dosis erhöht und danach langsamer ausgeschlichen werden. [1]
Absetzen und Wechsel geschehen immer gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Ausführlich: Antidepressiva absetzen und Absetzsymptome; Beschwerden und Stimmung können Sie im Stimmungstagebuch festhalten. [1]
Worauf Sie achten sollten
Zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva kann nach der NVL aus der Aktivierung sowie aus Nebenwirkungen wie innerer und motorischer Unruhe, Schlafstörungen oder Angst ein erhöhtes Suizidrisiko entstehen, zum Beispiel bei SSRI und SNRI. Die Fachinformation von Imipramin nennt für junge Erwachsene unter 25 Jahren ein erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten unter Antidepressiva. Gehen Sie sofort zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt oder in ein Krankenhaus, wenn Sie Gedanken haben, sich selbst zu verletzen oder sich das Leben zu nehmen. [1, 2, 11]
Wechselwirkungen
Antidepressiva haben laut NVL ein hohes Potenzial für Wechselwirkungen über Abbau-Enzyme wie Cytochrom P450 und über Transporter im Körper; die NVL empfiehlt deshalb vor Behandlungsbeginn eine Prüfung, besonders bei Johanniskraut und wenn mehrere Medikamente eingenommen werden. Als wichtige Wechselwirkungen nennt sie unter anderem andere serotonerg wirkende Mittel, bei SSRI und SNRI gerinnungshemmende Medikamente und bei trizyklischen Antidepressiva anticholinerg wirkende Mittel, Alkohol und Mittel, die die QT-Zeit verlängern. Was beim Kombinieren gilt, erklärt Psychopharmaka kombinieren. [1]
Kontrollen und höheres Alter
Vor Beginn sollen laut NVL die für das jeweilige Medikament empfohlenen Untersuchungen erfolgen, danach Verlaufskontrollen nach eigenen Tabellen für trizyklische Antidepressiva, für die übrigen Antidepressiva und für Lithium, etwa von Blutbild, Nieren- und Leberwerten, Blutsalzen, EKG, Blutdruck, Puls und Körpergewicht. Die Abstände versteht die NVL als Orientierungswerte. Ältere Menschen mit körperlichen Vorerkrankungen haben laut NVL ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, bei trizyklischen Antidepressiva zum Beispiel für Delir, Herzrhythmusstörungen und Harnverhalt. Einzelheiten: Kontrollen während der Behandlung und Psychopharmaka im Alter. [1]
Schwangerschaft und Stillzeit
Embryotox zählt Sertralin zu den Antidepressiva der Wahl in Schwangerschaft und Stillzeit; eine stabil eingestellte Patientin sollte ihre Medikation laut Embryotox unverändert fortsetzen. Für Imipramin nennt Embryotox als besser geeignete Alternativen Amitriptylin, je nach Grunderkrankung auch Sertralin oder Citalopram bzw. Escitalopram. Wechseln Sie nicht selbst, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Angaben zu jedem Wirkstoff stehen auf seiner Seite, die Zusammenhänge auf den Seiten Schwangerschaft und Kinderwunsch und Stillzeit. [6, 7]
Kinder und Jugendliche
Die Zulassung unterscheidet sich je Wirkstoff. Fluoxetin ist laut Fachinformation ab 8 Jahren für mittelgradige bis schwere Depressionen zugelassen, wenn sie nach 4 bis 6 Sitzungen nicht auf eine psychologische Behandlung ansprechen, und nur zusammen mit einer psychologischen Behandlung. Sertralin ist bei Kindern und Jugendlichen von 6 bis 17 Jahren nur für die Zwangsstörung zugelassen, und Imipramin sollte nicht zur Behandlung von Depressionen unter 18 Jahren angewendet werden. Hinweise für Eltern stehen auf der Seite Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen. [2, 3, 5]
Alkohol
Die Produktinformationen, die diese Seite auswertet, raten ab oder mahnen zur Vorsicht, in unterschiedlicher Deutlichkeit. Laut Packungsbeilage von Imipramin dürfen Sie keinen Alkohol trinken, bei Sertralin wird Alkohol während der Behandlung nicht empfohlen, bei Fluoxetin wird geraten, keinen Alkohol zu trinken, und bei Duloxetin ist Vorsicht geboten. Mehr auf der Seite Psychopharmaka und Alkohol. [3, 4, 5, 11]
Abgrenzung zu verwandten Gruppen
Lithiumsalze zählen laut NVL im engeren Sinn nicht zu den Antidepressiva; sie beeinflussen die Signalübertragung in den Zellen auf komplexe Weise. Bei Depressionen kommen sie unter anderem zur Rückfallvorbeugung bei Suizidgefahr infrage. Benzodiazepine und Antipsychotika haben keine spezifisch antidepressive Wirkung, werden aber in bestimmten Situationen eingesetzt. Zu diesen Mitteln: Lithium, Stimmungsstabilisierer, Benzodiazepine und Antipsychotika. [1]
Johanniskraut ist ein pflanzliches Mittel; nach der Arzneimittelverschreibungsverordnung ist es nur zur Behandlung mittelschwerer Depressionen verschreibungspflichtig. Welcher Bestandteil des Extrakts über welchen Mechanismus wirkt, ist laut NVL nicht abschließend geklärt (siehe Pflanzliche Mittel). [1, 8]
Vom deutschen Markt genommene Antidepressiva
Vortioxetin (Brintellix) nahm der Hersteller Lundbeck 2016 vom deutschen Markt. Weil er sich mit dem GKV-Spitzenverband nicht auf einen Erstattungsbetrag einigen konnte, stellte er den Vertrieb in Deutschland zum 15. August 2016 ein und rief die Tabletten und Tropfen zurück; der Rückruf erfolgte nach seiner Angabe nicht aus Gründen der Arzneimittelsicherheit. Zugelassen blieb das Mittel nach Angabe des Herstellers auch in Deutschland, und die Zulassung in der Europäischen Union besteht laut EMA weiter. [9, 10]
Quellen
- Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung Version 3.2. Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien (Träger: Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF). Stand 07/2023. abgerufen am 22.10.2026
- Fachinformation Imipramin-neuraxpharm 10 mg, 25 mg, 100 mg Filmtabletten. neuraxpharm Arzneimittel GmbH. Stand 12/2020. abgerufen am 22.10.2026
- Fachinformation Sertralin-ratiopharm Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 09/2026. abgerufen am 22.10.2026
- Fachinformation Duloxetin-ratiopharm magensaftresistente Hartkapseln. ratiopharm GmbH. Stand 11/2025. abgerufen am 22.10.2026
- Fachinformation Fluoxetin-ratiopharm 20 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 08/2026. abgerufen am 22.10.2026
- Embryotox: Sertralin. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Universitätsmedizin Berlin. abgerufen am 22.10.2026
- Embryotox: Imipramin. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Universitätsmedizin Berlin. abgerufen am 22.10.2026
- Gesetz Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV), Anlage 1, Eintrag Johanniskraut. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (gesetze-im-internet.de). abgerufen am 22.10.2026
- Erstattungspreise: Lundbeck stellt Brintellix-Vertrieb ein (Bericht mit Herstellerangabe). APOTHEKE ADHOC. Stand 09.08.2016. abgerufen am 22.10.2026
- EMA-Produktinformation Brintellix (Vortioxetin): EPAR, Status zugelassen. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). abgerufen am 22.10.2026
- Gebrauchsinformation Imipramin-neuraxpharm 10 mg Filmtabletten. neuraxpharm Arzneimittel GmbH. Stand 12/2016. abgerufen am 22.10.2026
Weiterführend Antidepressiva auf Med-Nebenwirkungen.de
Häufige Fragen
Welche Antidepressiva gibt es?
Die NVL Unipolare Depression teilt Antidepressiva nach ihrem Wirkmechanismus ein, unter anderem in SSRI wie Sertralin und Citalopram, SNRI wie Venlafaxin und Duloxetin, trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin und Imipramin, MAO-Hemmer (Moclobemid, Tranylcypromin) und weitere Wirkstoffe wie Mirtazapin, Bupropion, Trazodon, Agomelatin, Tianeptin, Esketamin und Johanniskraut. Alle Wirkstoffe mit eigener Seite stehen in der Liste auf dieser Seite.
Welche Nebenwirkungen haben Antidepressiva?
Das hängt von der Gruppe und vom Wirkstoff ab. Die NVL nennt zum Beispiel für SSRI und SNRI unter anderem Übelkeit, Unruhe, Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen und Schwitzen, für trizyklische Antidepressiva unter anderem Mundtrockenheit, Müdigkeit, Gewichtszunahme, Schwindel und Herzrhythmusstörungen. Wie häufig eine Beschwerde bei einem bestimmten Wirkstoff ist, steht in seiner Packungsbeilage und auf seiner Wirkstoffseite.
Ab wann wirken Antidepressiva?
Nach der NVL Unipolare Depression ist ab Erreichen der Standarddosis mit einer Wirklatenz von 3 bis 4 Wochen zu rechnen, bei älteren Menschen mit bis zu 6 Wochen. Danach soll gemeinsam beurteilt werden, ob die Behandlung hilft. Nebenwirkungen können laut NVL dagegen schon auftreten, solange die Dosis noch gesteigert wird (Aufdosierungsphase).
Wie lange muss man Antidepressiva nehmen?
Nach der NVL soll die Einnahme 6 bis 12 Monate über das Abklingen der depressiven Episode hinaus empfohlen werden, in gleicher Dosis wie in der Akutbehandlung. Nach 2 bis 3 oder mehr Episoden mit bedeutsamen Einschränkungen in den letzten 5 Jahren sollte eine Einnahme über mindestens 2 Jahre empfohlen werden. Wie lange Sie behandelt werden, legen Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt fest.
Machen Antidepressiva abhängig?
Eine Abhängigkeit im Sinne der Definition ist laut NVL formell nicht gegeben: Von den Kriterien einer Abhängigkeitserkrankung sind nur Toleranzentwicklung und Entzugssymptome erfüllt. Beim Absetzen, besonders wenn es zu schnell geschieht, können aber Absetzsymptome auftreten. Bei Tianeptin nennt die NVL eine missbräuchliche Verwendung als Risiko.
Gibt es Antidepressiva ohne Rezept?
Johanniskraut ist nach der Arzneimittelverschreibungsverordnung nur zur Behandlung mittelschwerer Depressionen verschreibungspflichtig. Die übrigen Antidepressiva, die diese Seite nennt, sind verschreibungspflichtig; den Status zeigt der Steckbrief jeder Wirkstoffseite. Bei Johanniskraut können laut NVL schwerwiegende Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten; sprechen Sie vor der Einnahme mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke, besonders wenn Sie weitere Medikamente nehmen.
Darf man mit Antidepressiva Alkohol trinken?
Die Produktinformationen, die diese Seite auswertet, raten ab oder mahnen zur Vorsicht. Laut Packungsbeilage von Imipramin dürfen Sie keinen Alkohol trinken; bei Sertralin wird Alkohol während der Behandlung nicht empfohlen, bei Fluoxetin wird geraten, keinen Alkohol zu trinken, bei Duloxetin ist Vorsicht geboten. Was für Ihr Medikament gilt, steht auf der jeweiligen Wirkstoffseite.
Welches Antidepressivum macht keine Gewichtszunahme?
Eine Rangliste gibt diese Seite nicht. Die NVL nennt Appetit- und Gewichtszunahme als wichtige Nebenwirkung trizyklischer Antidepressiva und von Mirtazapin und Mianserin; wie häufig die Packungsbeilagen eine Gewichtszunahme angeben, zeigt die Vergleichstabelle auf dieser Seite. Welches Mittel für Sie infrage kommt, hängt laut NVL von vielen weiteren Kriterien ab und wird ärztlich mit Ihnen entschieden.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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Wirkstoffgruppen Trizyklische AntidepressivaTrizyklische Antidepressiva sind lange bekannte Mittel gegen Depressionen.
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