Behandlung
Psychopharmaka absetzen
Setzen Sie ein Psychopharmakon nicht auf eigene Faust ab. Für Antidepressiva, Benzodiazepine und Z-Substanzen, Antipsychotika, Lithium und Pregabalin sehen Leitlinien und Fachinformationen ein schrittweises Absetzen vor, das Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt planen. Wird zu schnell abgesetzt, können Absetz- oder Entzugssymptome auftreten, und bei manchen Erkrankungen steigt das Risiko, dass sie zurückkehren.

Ein Psychopharmakon von heute auf morgen wegzulassen, kann Beschwerden auslösen und bei manchen Erkrankungen das Risiko erhöhen, dass sie zurückkehren [1, 3, 4]. Für Medikamente, die zu einem schädlichen Gebrauch oder einer Abhängigkeit führen können, hält die S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen fest, dass die allermeisten Substanzen beim Absetzen langsam auszuschleichen sind [3]. Auch die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression und die Fachinformationen von Lorazepam, Zopiclon, Quetiapin, Clozapin, Lithium und Pregabalin sehen ein schrittweises Vorgehen vor [1, 6, 7, 8, 9, 10, 12]. Absetzen und Wechsel geschehen gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; wie Ihr Absetzen im Einzelnen aussieht, legt die Praxis mit Ihnen fest. Wie lange vorher behandelt wird, steht unter Wie lange behandeln?
Warum nicht von heute auf morgen
Beim Beenden einer Behandlung können verschiedene Dinge geschehen, die sich ähnlich anfühlen. Die S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen unterscheidet bei Benzodiazepinen drei Erscheinungen [3]:
- Absetzphänomene oder Rebound: eine Gegenreaktion des Körpers, mit der er sein Gleichgewicht neu einstellt, zum Beispiel mit Unruhe, Schlaflosigkeit oder Ängstlichkeit;
- Rückfall: Die Beschwerden der Erkrankung, wegen der das Mittel genommen wurde, kehren zurück, etwa Angst oder Schlafstörungen;
- Entzugssymptome im engeren Sinn, die sich zu schweren und bedrohlichen Zuständen entwickeln können, zum Beispiel mit Krampfanfällen, schwerer Depression, einem Delir (akuter Verwirrtheitszustand) oder Psychosen.
Die leichteren Beschwerden sind laut Leitlinie unspezifisch und oft schwer von der zurückkehrenden Erkrankung zu unterscheiden [3]. Bei Antidepressiva spricht die NVL außerdem von einer Rebound-Depression, wenn die Depression nach dem Absetzen in stärkerem Ausmaß als zuvor, mit zusätzlichen Beschwerden wie Ängsten oder Schlafstörungen oder schneller zurückkehrt [1]. Eine Abhängigkeit im Sinne der Definition liegt bei Antidepressiva laut NVL formell nicht vor, weil nur zwei Kriterien einer Abhängigkeitserkrankung erfüllt sind, die Gewöhnung und die Entzugssymptome [1]. Lorazepam dagegen hat laut Fachinformation ein primäres Abhängigkeitspotenzial; schon bei täglicher Einnahme über wenige Wochen besteht die Gefahr einer Abhängigkeit [6]. Bei Pregabalin können Entzugssymptome nach dem Absetzen laut Fachinformation auf eine Abhängigkeit hinweisen [12]. Mehr dazu unter Abhängigkeit und Absetzsymptome.
Wann Beschwerden beginnen, hängt auch davon ab, wie lange ein Wirkstoff im Körper bleibt. Ein Maß dafür ist die Halbwertszeit, die Zeit, in der die Menge des Wirkstoffs im Blut auf die Hälfte sinkt (mehr unter Halbwertszeit). Bei Antidepressiva treten Absetzsymptome laut NVL meist nach 36 bis 96 Stunden beziehungsweise nach etwa 3 bis 5 Halbwertszeiten auf [1]. Nach dem Beenden einer Benzodiazepin-Einnahme können laut S3-Leitlinie je nach Substanz, Dosis, Lebensalter und Leberfunktion noch mehrere Tage bis einige Wochen relevante Wirkstoffmengen im Körper sein und lang anhaltende Entzugssymptome auftreten. Das Hauptabbauprodukt von Diazepam, Nordazepam, hat eine sehr lange Halbwertszeit von bis zu 200 Stunden [3].
Was je nach Gruppe gilt
Antidepressiva
Ist geplant, ein Antidepressivum nach dem Abklingen der Depression am Ende der Erhaltungstherapie oder einer Rückfallvorbeugung abzusetzen, soll das laut NVL schrittweise geschehen, um einer Rebound-Depression und Absetzsymptomen vorzubeugen ("soll"). Dabei sollte über mindestens 8 bis 12 Wochen ausgeschlichen werden, wenn keine anderen Gründe dagegen sprechen ("sollte") [1]. Typische Absetzsymptome sind laut NVL unter anderem grippeähnliche Beschwerden, Schlafstörungen, Übelkeit, Schwindel, stromschlagähnliche Missempfindungen und Reizbarkeit. Sie sind überwiegend mild und bilden sich je nach Halbwertszeit innerhalb von 2 bis 6 Wochen von selbst zurück [1]. Wurden mehrere Antidepressiva kombiniert, sollen sie nicht gleichzeitig, sondern nacheinander ausgeschlichen werden [1]. Unterschiede zwischen den Wirkstoffen, den Ablauf und die Kontrolltermine beschreibt die Seite Antidepressiva absetzen.
Benzodiazepine und Z-Substanzen
Nach regelmäßiger, längerer Einnahme soll das Absetzen von Benzodiazepinen und Z-Substanzen laut S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen in schrittweiser Dosisreduktion erfolgen ("soll"); bei langjähriger Abhängigkeit und bei Abhängigkeit von hohen Dosen braucht das einen längeren Zeitraum [3]. Beim Beenden einer Benzodiazepin-Einnahme soll das Ausschleichen zusammen mit einer geeigneten psychosozialen Begleitung angeboten werden ("soll") [3]. Werden Benzodiazepine nach längerer regelmäßiger Einnahme, ab etwa sechs Wochen, plötzlich abgesetzt, treten laut Leitlinie bei einem beträchtlichen Teil der Betroffenen Beschwerden leichter Natur auf; nur ein kleiner Teil ist von schweren Symptomen betroffen [3].
Die Fachinformation von Lorazepam beschreibt, was zu schnelles Absetzen auslösen kann. Schon nach wenigen Tagen täglicher Einnahme sind nach dem Absetzen Entzugssymptome wie Schlafstörungen und vermehrtes Träumen möglich, besonders wenn plötzlich abgesetzt wird. Plötzliches Absetzen oder eine schnelle Dosisverringerung nach Langzeitanwendung kann Entzugssymptome auslösen, die lebensbedrohlich sein können, unter anderem mit Krampfanfällen, einem Delirium tremens (einem schweren Verwirrtheitszustand), Halluzinationen oder einer Psychose [6]. Durch eine allmähliche Verringerung der Dosis lassen sich diese Erscheinungen laut Fachinformation meist vermeiden. Nach längerer Anwendung und plötzlichem Absetzen können außerdem Schlafstörungen, Angst, Anspannung und innere Unruhe vorübergehend verstärkt wieder auftreten [6]. Für Zopiclon nennt die Fachinformation eine Rebound-Schlaflosigkeit, bei der die Schlafprobleme verstärkt wiederkehren können, und empfiehlt, die Behandlung durch schrittweise Verringerung der Dosis zu beenden [7]. Mehr dazu unter Benzodiazepine absetzen.
Antipsychotika
Eine Verringerung der Dosis und gegebenenfalls das Absetzen von Antipsychotika können laut S3-Leitlinie Schizophrenie in allen Stadien der Erkrankung im Sinne einer gemeinsamen Entscheidung angeboten werden ("kann"). Voraussetzungen sind eine ausreichende Stabilität, ausreichende psychosoziale Unterstützung, regelmäßige Kontrollen des Verlaufs und keine Hinweise auf eine Gefährdung Ihrer selbst oder anderer. In jedem Fall soll über das erhöhte Rückfallrisiko beim Absetzen aufgeklärt werden ("soll") [4]. Ist eine Verringerung der Dosis beschlossen, sollte sie laut Leitlinie kontrolliert und in sehr kleinen Schritten angeboten werden ("sollte"), unter Berücksichtigung der Empfehlungen zur Rückfallvorbeugung, entsprechend Ihren Wünschen, unter Einbezug von Vertrauenspersonen und eines Gesamtbehandlungsplans und mit Blick auf den bisherigen Verlauf und die Verträglichkeit [4].
Abruptes Absetzen kann laut Leitlinie eine Vielzahl körperlicher und psychischer Absetzerscheinungen nach sich ziehen; bei schneller Dosisverringerung oder abruptem, unkontrolliertem Absetzen ist ein erhöhtes Rückfallrisiko anzunehmen. Um Absetzerscheinungen zu vermeiden, hält die Leitlinie eine langsame Verringerung, teilweise über Monate, für sinnvoll [4]. Beschrieben werden unter anderem Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwitzen, Schwindel, Herzrasen, Zittern, grippeähnliche Beschwerden, Angst, Unruhe, Reizbarkeit, unwillkürliche Bewegungen (Absetzdyskinesien) und psychotische Beschwerden. Absetzsymptome können in der Regel innerhalb von Tagen bis Wochen nach einer deutlichen Dosisverringerung oder einem schnellen Absetzen auftreten [4]. Für Quetiapin empfiehlt die Fachinformation ein ausschleichendes Absetzen über mindestens 1 bis 2 Wochen, weil nach abruptem Absetzen akute Absetzsymptome wie Schlaflosigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Schwindel und Reizbarkeit beschrieben wurden [8]. Clozapin sollte laut Leitlinie nur langsam verringert und abgesetzt werden, weil hier ein erhöhtes Risiko für einen Rebound angenommen wird; die Fachinformation empfiehlt bei einer geplanten Beendigung eine schrittweise Verringerung über einen Zeitraum von 1 bis 2 Wochen [4, 9]. Mehr dazu unter Antipsychotika absetzen.
Lithium
Für ein geplantes Absetzen von Lithium empfiehlt die Fachinformation eines Lithium-Präparats, es über mindestens 2 Wochen schrittweise abzusetzen, damit die Grunderkrankung möglichst nicht zurückkehrt [10]. Die Packungsbeilage bittet, mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen, wie die Einnahme am besten beendet wird; Sie sollten nicht von einem Tag auf den anderen aufhören [11]. Laut S3-Leitlinie Bipolare Störungen kann es bei schnellem Absetzen von Lithium zu einem Rückfall kommen; die Leitlinie rät, Lithium immer sehr langsam auszuschleichen, wegen der Gefahr eines Rückfalls und besonders einer Manie, es sei denn, eine Vergiftung oder schwere Nebenwirkungen machen ein sofortiges Absetzen unumgänglich [5]. Zu Absetzsymptomen nach einer Lithium-Behandlung fand eine Übersichtsarbeit laut NVL nur wenig Daten; sie bestätigen eher milde, von selbst abklingende Beschwerden wie Reizbarkeit, Unruhe, Schwindel und Benommenheit [1]. Wie Lamotrigin, Valproinsäure und andere Stimmungsstabilisierer beendet werden, steht auf den jeweiligen Wirkstoffseiten.
Pregabalin
Pregabalin wird unter anderem zur Behandlung der generalisierten Angststörung angewendet. Nach dem Absetzen einer Kurzzeit- oder Langzeitbehandlung wurden laut Fachinformation Entzugssymptome beobachtet, unter anderem Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Angst, Durchfall, Grippesymptome, Nervosität, Schmerzen, Krampfanfälle, starkes Schwitzen und Benommenheit; nach einer Langzeitbehandlung können Auftreten und Schwere von der Dosis abhängen [12]. Unabhängig vom Anwendungsgebiet wird empfohlen, Pregabalin schrittweise über mindestens 1 Woche abzusetzen [12].
ADHS-Medikamente
Beim Absetzen von Methylphenidat ist laut Fachinformation eine sorgfältige Überwachung erforderlich, weil dabei Depressionen oder eine anhaltende Überaktivität zum Vorschein kommen können; manche Menschen brauchen möglicherweise Nachuntersuchungen über einen längeren Zeitraum [13]. Bei einer Behandlung über mehr als 12 Monate sieht die Fachinformation behandlungsfreie Zeitabschnitte vor, in denen die Ärztin oder der Arzt prüft, ob das Mittel noch gebraucht wird [13]. Mehr zu den ADHS-Medikamenten auf der Gruppenseite.
So wird ein Absetzen geplant

Bei Antipsychotika muss laut S3-Leitlinie Schizophrenie jeder Reduktionsprozess individuell gestaltet werden [4]. Aus Leitlinien und Fachinformationen ergeben sich für ein geplantes Absetzen diese Schritte:
- Gemeinsam entscheidenOb und wann abgesetzt wird, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Die Leitlinien nennen das partizipative oder gemeinsame Entscheidungsfindung; Grundlage ist eine vollständige und verständliche Aufklärung über Nutzen und Schaden [1, 3, 4].
- Gut vorbereitenFür ein Absetzen von Antipsychotika nennt die S3-Leitlinie Schizophrenie als Voraussetzungen unter anderem eine gute Vorbereitung, klare Ziele, einen Krisenplan mit Frühwarnzeichen und, wenn Sie einverstanden sind, die Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen [4]. Bei Zopiclon ist es laut Fachinformation wichtig, dass Sie um mögliche Rebound-Erscheinungen wissen, weil das die Angst vor ihnen verringern kann [7].
- Schrittweise und nacheinanderBei Antidepressiva, Benzodiazepinen und Z-Substanzen, Antipsychotika, Lithium und Pregabalin sehen die Quellen eine schrittweise Verringerung der Dosis vor; wie schnell, legt die Praxis für Sie fest. Wurden mehrere Antidepressiva kombiniert, sollen sie laut NVL nacheinander ausgeschlichen werden, weil beim gleichzeitigen Absetzen mehrerer Mittel ein erhöhtes Risiko für Absetz- und Rebound-Erscheinungen zu befürchten ist [1].
- Eng begleitetWährend des Ausschleichens eines Antidepressivums sollen Sie laut NVL engmaschig auf Absetzsymptome und eine zurückkehrende Depression untersucht werden, und Absetzsymptome sollen aktiv erfragt werden [1]. Für Antipsychotika nennt die S3-Leitlinie eine engmaschige psychiatrisch-psychotherapeutische Begleitung [4].
- Bei Beschwerden zur PraxisTreten Beschwerden auf, melden Sie sich, statt selbst etwas zu ändern. Treten beim Ausschleichen eines Antidepressivums Absetzsymptome auf, sieht die NVL vor, wieder auf die vorherige Dosis zu erhöhen und danach langsamer auszuschleichen; bei Antipsychotika sollte laut S3-Leitlinie bei einem aufkommenden Rückfall auf die zuvor genutzte Dosis zurückgegriffen werden. Das entscheidet die Ärztin oder der Arzt [1, 4].
- Auch danach in Kontakt bleibenAbsetzsymptome können laut NVL auch erst nach der vollständigen Beendigung auftreten. Nach der letzten Einnahme eines Antidepressivums soll der regelmäßige Kontakt laut NVL mindestens 6 Monate weiterlaufen [1]; die Patientenleitlinie nennt für diese Kontrolltermine mindestens 6 Wochen [2]. Nach dem Absetzen von Antipsychotika soll laut S3-Leitlinie für mindestens zwei Jahre ein kontinuierliches Monitoring von Zeichen eines Rückfalls angeboten werden [4].
Wann ein Mittel schneller abgesetzt wird
Ist geplant, ein Antidepressivum wegen gefährlicher oder stark belastender Nebenwirkungen abzusetzen, soll das laut NVL rasch oder abrupt geschehen ("soll"). Tritt die Unverträglichkeit schon zu Beginn der Einnahme auf, ist nach Erfahrung der Leitliniengruppe kaum mit Absetzsymptomen oder einem Rebound zu rechnen [1]. Bei den ersten Anzeichen einer Lithiumvergiftung soll die Behandlung laut Fachinformation sofort abgebrochen werden; welche Anzeichen das sind, steht auf der Seite Lithium [10]. Muss Clozapin abrupt abgesetzt werden, etwa bei einer Verminderung der weißen Blutkörperchen (Leukopenie), wird laut Fachinformation sorgfältig überwacht, ob die Psychose zurückkehrt und ob Zeichen eines sogenannten cholinergen Rebounds auftreten, wie vermehrtes Schwitzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall [9]. Ob ein solcher Fall vorliegt, beurteilt die Ärztin oder der Arzt. Melden Sie sich bei starken Nebenwirkungen sofort in der Praxis.
Absetzsymptome oder Rückfall?
Ob Beschwerden nach dem Absetzen vom Absetzen selbst kommen oder ob die Erkrankung zurückkehrt, ist schwer zu unterscheiden. Darauf weisen die NVL für Antidepressiva, die S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen für Benzodiazepine und die S3-Leitlinie Schizophrenie für Antipsychotika hin [1, 3, 4]. Kennzeichnend für Absetzsymptome bei Antidepressiva sind laut NVL ein enger zeitlicher Zusammenhang mit dem Absetzen, ein vorübergehender Verlauf und eine rasche Besserung, wenn das Medikament wieder eingenommen wird [1]. Psychotische Beschwerden nach dem Verringern eines Antipsychotikums lassen sich laut S3-Leitlinie nicht immer von der ursprünglichen Erkrankung unterscheiden; sie entstehen meist innerhalb von Tagen bis ungefähr sechs Wochen nach der Verringerung und bessern sich oft erst nach Wochen [4]. Die Leitlinie hält es deshalb für hilfreich, vor einer Dosisverringerung eine Liste von Frühwarnzeichen zu erstellen [4]. Was hinter Ihren Beschwerden steckt, beurteilt die Ärztin oder der Arzt.
Wann Sie sofort Hilfe brauchen
Achten Sie in der Zeit des Absetzens auch auf Ihre Stimmung. Einige Quellen nennen Suizidgedanken ausdrücklich. Bei Pregabalin gehören laut Fachinformation Depressionen und suizidale Gedanken zu den nach dem Absetzen beobachteten Entzugssymptomen [12]. Unter den schweren, auch lebensbedrohlichen Entzugserscheinungen nach plötzlichem Absetzen oder schneller Dosisverringerung von Lorazepam nach Langzeitanwendung nennt die Fachinformation Depression, Manie und Suizidalität [6]. Laut Fachinformation von Quetiapin müssen Ärztinnen und Ärzte das Risiko für suizidbezogene Ereignisse nach einer abrupten Beendigung der Behandlung berücksichtigen, das sich aus der behandelten Erkrankung ergibt [8]. Bei der bipolaren Störung zählt die S3-Leitlinie das abrupte Absetzen einer Phasenprophylaxe mit Lithium zu den Risikofaktoren für Suizidalität [5]. Laut Fachinformation von Pregabalin sollte Betroffenen und ihren Betreuungspersonen geraten werden, medizinische Hilfe zu holen, wenn Anzeichen für Suizidgedanken oder suizidales Verhalten auftreten [12]. Für Antidepressiva steht das Wichtigste dazu unter Antidepressiva absetzen.
Auch körperliche Notfälle sind beim Absetzen möglich. Krampfanfälle können laut Fachinformation von Lorazepam häufiger bei Menschen mit einem bestehenden Anfallsleiden auftreten und bei Menschen, die Arzneimittel nehmen, die die Krampfschwelle senken, zum Beispiel Antidepressiva [6]. Bei Pregabalin können Krampfanfälle laut Fachinformation auch kurz nach dem Absetzen auftreten [12].
Was Sie selbst tun können
Sprechen Sie Ihren Wunsch, ein Mittel abzusetzen, offen in der Praxis an, bevor Sie etwas verändern. Die Dosis eines Antidepressivums sollten Sie laut Patientenleitlinie auf keinen Fall eigenständig verändern [2]. Fragen Sie zum Beispiel, wie lange das Absetzen dauern soll, wann Kontrolltermine stattfinden, woran Sie Absetzsymptome erkennen und an wen Sie sich wenden, wenn es Ihnen schlechter geht. Dabei helfen die Fragen fürs Arztgespräch. Einen Krisenplan mit Frühwarnzeichen nennt die S3-Leitlinie Schizophrenie unter den Voraussetzungen für eine Dosisverringerung von Antipsychotika [4]; eine Vorlage bietet der Krisenplan.
Wenn Sie einverstanden sind, können Angehörige oder andere Vertrauenspersonen Sie begleiten. Die S3-Leitlinie Schizophrenie nennt ihre Einbeziehung und ihre Aufklärung über Absetzerscheinungen und Frühwarnzeichen ebenfalls unter den Voraussetzungen [4]; mehr unter Angehörige. Wenn Sie schwanger werden möchten oder vermuten, schwanger zu sein, setzen Sie nichts auf eigene Faust ab. Bei Lorazepam etwa sieht die Fachinformation vor, dass Sie sich dann an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt wenden, um über ein Absetzen zu entscheiden [6]. Mehr unter Schwangerschaft.
Quellen
- Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2 (AWMF-Register-Nr. nvl-005), Kapitel 3.4 und 4.4.8 (Absetzen von Antidepressiva). Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 07/2023 (verabschiedet 29.09.2022, gültig bis 29.09.2027). abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie Patientenleitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3.0. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 2024. abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen, Langfassung, Version 1.1 (AWMF-Register-Nr. 038-025), Kapitel 2.1, 3.0 und 3.2 (Benzodiazepine und Z-Substanzen). Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht). Stand Version 1.1, Stand 14.01.2021 (gültig bis Ende Juli 2025). abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie S3-Leitlinie Schizophrenie, Living Guideline, Langfassung, Version 5.0 (AWMF-Registernummer 038-009), Kapitel 9.5 (Dosierung, Behandlungsfrequenz und Absetzen). Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Stand Version 5.0, Fassung vom 13.06.2026 (PDF Juli 2026). abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen, Langversion 2.1 (AWMF-Register-Nr. 038-019), Kapitel 5.4 (Phasenprophylaxe), 6 (Suizidalität) und Anhang (Lithium). Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) und DGPPN. Stand Update Februar 2019, letzte Anpassung Mai 2020. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Lorazepam neuraxpharm 0,5 mg / 1 mg / 2,5 mg Tabletten. neuraxpharm Arzneimittel GmbH. Stand 02/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Zopiclon-ratiopharm Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 06/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Quetiapin-ratiopharm Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 05/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Clozapin-ratiopharm 100 mg und 200 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 06/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Quilonorm retard 450 mg Filmtabletten (Österreich). Teofarma S.r.l. (Zulassungsinhaber); veröffentlicht vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG), Österreich. Stand 07/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Gebrauchsinformation Quilonorm retard 450 mg Filmtabletten (Österreich). Teofarma S.r.l. (Zulassungsinhaber); veröffentlicht vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG), Österreich. Stand 07/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Pregabalin-ratiopharm Hartkapseln. ratiopharm GmbH. Stand 11/2025. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Methylphenidat-HCl-ratiopharm Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 09/2025. abgerufen am 23.10.2026
Weiterführend Medikamente absetzen: allgemeiner Ratgeber auf Med-Nebenwirkungen.de
Häufige Fragen
Kann man Psychopharmaka einfach absetzen?
Nicht auf eigene Faust. Für Antidepressiva, Benzodiazepine und Z-Substanzen, Antipsychotika, Lithium und Pregabalin sehen Leitlinien und Fachinformationen ein schrittweises Absetzen vor. Plötzliches Absetzen kann Absetz- oder Entzugssymptome auslösen; bei Antipsychotika ist laut S3-Leitlinie dann auch ein erhöhtes Rückfallrisiko anzunehmen. Planen Sie das Absetzen gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Wie lange dauert das Ausschleichen von Psychopharmaka?
Das hängt vom Mittel und von der Situation ab. Am Ende einer Erhaltungstherapie oder Rückfallvorbeugung mit einem Antidepressivum sollte laut NVL über mindestens 8 bis 12 Wochen ausgeschlichen werden, wenn keine anderen Gründe dagegen sprechen. Die Fachinformationen nennen zum Beispiel mindestens 1 bis 2 Wochen für Quetiapin, mindestens 2 Wochen für Lithium und mindestens 1 Woche für Pregabalin; bei Antipsychotika hält die S3-Leitlinie eine langsame Verringerung, teilweise über Monate, für sinnvoll. Den genauen Ablauf legt Ihre Praxis fest.
Was sind Absetzsymptome?
Beschwerden, die in engem zeitlichem Zusammenhang mit dem Absetzen oder Verringern eines Mittels auftreten. Bei Antidepressiva nennt die NVL unter anderem grippeähnliche Beschwerden, Schlafstörungen, Übelkeit, Schwindel, stromschlagähnliche Missempfindungen und Reizbarkeit. Bei Benzodiazepinen unterscheidet die S3-Leitlinie leichtere Absetzphänomene von Entzugssymptomen, die schwer verlaufen können.
Kann man Neuroleptika absetzen?
Laut S3-Leitlinie Schizophrenie können Verringerung und gegebenenfalls Absetzen von Antipsychotika (auch Neuroleptika genannt) gemeinsam entschieden und angeboten werden, wenn Sie ausreichend stabil sind, ausreichend Unterstützung haben, der Verlauf regelmäßig kontrolliert wird und keine Gefährdung besteht. Über das erhöhte Rückfallrisiko soll aufgeklärt werden. Abgesetzt wird langsam und begleitet, nie auf eigene Faust.
Ist ein Benzodiazepin-Entzug gefährlich?
Er kann es sein. Laut Fachinformation von Lorazepam kann plötzliches Absetzen oder eine schnelle Dosisverringerung nach Langzeitanwendung Entzugssymptome auslösen, die lebensbedrohlich sein können, etwa mit Krampfanfällen oder einem Delirium tremens. Durch eine allmähliche Verringerung der Dosis lassen sich diese Erscheinungen meist vermeiden. Setzen Sie ein Benzodiazepin deshalb nur gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ab.
Kann ich Psychopharmaka selbst reduzieren?
Bitte nicht. Die Dosis eines Antidepressivums sollten Sie laut Patientenleitlinie auf keinen Fall eigenständig verändern, und bei Benzodiazepinen und Antipsychotika kann eine zu schnelle Verringerung laut Fachinformation und Leitlinie Entzugs- oder Absetzerscheinungen auslösen. Absetzen und Wechsel geschehen gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, die oder der mit Ihnen festlegt, wie schnell es geht.
Woran erkenne ich, ob es Absetzsymptome oder ein Rückfall ist?
Das ist laut Leitlinien schwer zu unterscheiden. Kennzeichnend für Absetzsymptome bei Antidepressiva sind laut NVL ein enger zeitlicher Zusammenhang mit dem Absetzen, ein vorübergehender Verlauf und eine rasche Besserung, wenn das Medikament wieder eingenommen wird. Notieren Sie Ihre Beschwerden und besprechen Sie sie in der Praxis; beurteilen kann das nur die Ärztin oder der Arzt.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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