ErkrankungenErkrankung
Depression im Alter (Altersdepression)
Eine Altersdepression ist eine Depression im höheren Lebensalter, in dem Depressionen laut Nationaler VersorgungsLeitlinie die häufigste psychische Störung sind. Behandelt wird sie mit Psychotherapie, Medikamenten oder beidem; bei Antidepressiva ist das Risiko für Nebenwirkungen bei körperlichen Vorerkrankungen erhöht, und bevor die Wirkung beurteilt wird, kann ein längeres Abwarten von etwa 6 Wochen sinnvoll sein. Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, gibt es sofort Hilfe, etwa über den Notruf 112 oder die TelefonSeelsorge.

Depressionen können in jedem Lebensalter auftreten. Im höheren Lebensalter sind sie laut der Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression die häufigste psychische Störung; in stationären Einrichtungen der Altenpflege wird ihr Anteil auf bis zu 50 Prozent geschätzt [1]. Höheres Alter zählt die NVL zu den Risikofaktoren für eine Depression [1].
Eine eigene Diagnose "Altersdepression" gibt es in der in Deutschland verwendeten Klassifikation ICD-10-GM nicht. Verschlüsselt wird wie in jedem Alter als depressive Episode (F32) oder als rezidivierende depressive Störung (F33), deren erste Episode laut ICD-10-GM in jedem Alter zwischen Kindheit und Senium auftreten kann [8]. Ein eigenes Kapitel der NVL zu älteren Menschen ist in Version 3.2 noch in Bearbeitung; an mehreren Stellen nennt die Leitlinie aber Besonderheiten für das höhere Lebensalter [1].
Körperliche und seelische Erkrankungen beeinflussen sich laut NVL auf vielfältige Weise: Schwere körperliche Erkrankungen gehen häufig mit seelischen Belastungen einher, die das Ausmaß einer behandlungsbedürftigen Depression erreichen können. Umgekehrt haben Menschen mit Depressionen ein erhöhtes Risiko für körperliche Erkrankungen oder einen ungünstigeren Verlauf, unter anderem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und Diabetes mellitus [1]. Zwischen den ersten Beschwerden und einer Behandlung liegt bei Depressionen oft eine lange Zeit; als Grund nennt die NVL vor allem die Angst vor Stigmatisierung, besonders bei Männern und älteren Menschen [1].
Anzeichen einer Depression im Alter
Hauptsymptome einer depressiven Episode sind eine gedrückte Stimmung, der Verlust von Interesse oder Freude und ein verminderter Antrieb oder rasche Ermüdbarkeit. Dazu kommen Zusatzsymptome wie Verlust des Selbstwertgefühls, Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle, vermindertes Denk- oder Konzentrationsvermögen, innere Unruhe oder Verlangsamung, Schlafstörungen jeder Art, Appetitveränderungen und wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid [1]. Von einer Depression sprechen Fachleute laut Patientenleitlinie, wenn mindestens vier dieser Anzeichen vorliegen, davon mindestens zwei Hauptsymptome, und die Beschwerden mindestens zwei Wochen anhalten [2].
Laut NVL berichten Menschen mit Depressionen selten von sich aus über die Kernsymptome, häufiger über unspezifische Beschwerden. Als Hinweise auf eine depressive Störung nennt die NVL unter anderem Abgeschlagenheit und Kraftlosigkeit, Schlafstörungen mit frühem Erwachen, Appetitverlust und Gewichtsverlust, Verstopfung, diffuse Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Herzrasen oder andere Herz-Kreislauf-Beschwerden und Gedächtnisstörungen. Auffallen können auch eine vernachlässigte Körperpflege und Kleidung, ein verändertes Sprechen und eine verlangsamte Bewegung [1]. Schilderungen von Angehörigen oder engen Bezugspersonen können laut Patientenleitlinie zum Beispiel bei älteren Menschen helfen, die Anzeichen zu erheben [2].
Auch eine Dysthymie, eine leichtere depressive Verstimmung über mindestens zwei Jahre, kann im höheren Lebensalter auftreten, dann häufig nach einer depressiven Episode, einem Trauerfall oder einer anderen Belastung (siehe Dysthymie) [1]. Abgegrenzt wird außerdem eine depressive Anpassungsstörung, etwa eine Trauerreaktion nach dem Verlust des Partners. Für eine Anpassungsstörung sprechen laut NVL unter anderem ein enger zeitlicher Bezug zu einem klar benennbaren Auslöser, ein Nachlassen meist innerhalb von sechs Monaten, eine erhaltene Ansprechbarkeit für positive Ereignisse und das Fehlen schwerer Selbstzweifel oder starker Schuldgefühle (siehe Anpassungsstörung) [1].
Ursachen und Risiken
Erklärungsmodelle der NVL gehen von einem Zusammenspiel biologischer und psychosozialer Faktoren aus, deren Gewicht von Mensch zu Mensch erheblich schwanken kann; nach dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell entsteht eine Depression, wenn eine erhöhte Anfälligkeit mit aktuellen Belastungen zusammentrifft [1]. Als Risikofaktoren nennt die NVL unter anderem [1]:
- höheres Alter
- Vereinsamung, Verwitwung und soziale Isolation
- körperliche Risikofaktoren wie Stoffwechselstörungen, Infektionen und chronische Erkrankungen
- aktuell belastende Lebensereignisse wie Todesfälle oder die Diagnose einer schweren Erkrankung
- frühere depressive Episoden und Depressionen in der Familie
- Bewegungsmangel, Rauchen, niedriger sozioökonomischer Status und Armut
Getrennte, geschiedene und verwitwete Menschen und Menschen ohne enge Bezugspersonen erkranken laut NVL eher; eine vertrauensvolle persönliche Beziehung gilt als schützender Faktor [1]. Auch Medikamente, die Sie einnehmen oder abgesetzt haben, können Depressionen auslösen oder verstärken; die Patientenleitlinie nennt unter anderem einige blutdrucksenkende und kortisonhaltige Mittel [2]. Die NVL nennt außerdem Mittel gegen Tuberkulose und Interferon alpha [1].
Wie die Diagnose gestellt wird
Die Diagnose stellen Ärztinnen, Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im ausführlichen Gespräch über Haupt- und Zusatzsymptome, Verlauf und Dauer; dieses Gespräch nach festen Kriterien gilt laut NVL als Goldstandard [1]. Für ältere Menschen hält die NVL ein ergänzendes diagnostisches Vorgehen für notwendig, das ein eigenes, noch nicht veröffentlichtes Kapitel beschreiben soll [1]. Als Fragebogen, der sich im ambulanten Alltag zeitsparend und ohne Lizenzgebühren einsetzen lässt, nennt die NVL neben dem PHQ-9 die Geriatrische Depressionsskala (GDS). Fragebögen stützen einen Verdacht, die Diagnose folgt im Gespräch [1].
Depressive Beschwerden können auf eine körperliche Erkrankung zurückgehen. Treten schwere depressive Beschwerden neu auf, nennt die NVL als Anhaltspunkte für eine solche organische Ursache unter anderem neue Ausfälle des Nervensystems wie Lähmungen, Bewegungs- oder Gefühlsstörungen, ausgeprägte Einschränkungen von Gedächtnis und Denken, psychotische Beschwerden, schwere körperliche Begleiterkrankungen sowie auffällige Veränderungen wie starker Gewichtsverlust oder Fieber. Dann soll gemeinsam mit Ihnen abgewogen werden, welche weiteren Untersuchungen sinnvoll sind [1]. Bringen Sie laut Patientenleitlinie eine Liste aller Medikamente mit, auch der Mittel ohne Rezept [2]. Gesetzlich Versicherte, die gleichzeitig mindestens drei verordnete Arzneimittel anwenden, haben nach § 31a SGB V Anspruch darauf, dass eine Ärztin oder ein Arzt einen Medikationsplan erstellt und aushändigt [10].
Gedächtnisprobleme können zu einer Depression gehören. Kurze Tests zum Erkennen einer kognitiven Störung können laut S3-Leitlinie Demenzen eine Demenz nur unzureichend von kognitiven Störungen bei Depression abgrenzen. Vor einer ausführlichen neuropsychologischen Untersuchung sollen nach dieser Leitlinie möglicherweise behebbare Ursachen wie ein Delir, eine Depression oder Nebenwirkungen von Medikamenten ausgeschlossen oder bei der Auswertung der Testergebnisse berücksichtigt werden; depressive Beschwerden können auch ein frühes Zeichen einer beginnenden neurodegenerativen Erkrankung sein [3]. Bei Menschen mit leichter kognitiver Störung oder Demenz schlägt die S3-Leitlinie vor, Symptome einer Depression mit klinischen Interviews und Fragebögen standardisiert zu erfassen [3]. Mehr dazu unter Demenz und Delir.
Behandlung im Überblick
Eigene Behandlungsempfehlungen für ältere Menschen enthält die NVL in Version 3.2 noch nicht; ihre Empfehlungen zu Depressionen nennen an einigen Stellen aber das höhere Lebensalter [1]. Für Depressionen allgemein gilt ein Vorgehen nach dem Schweregrad: Bei einer leichten Episode sollen Maßnahmen mit niedriger Intensität angeboten werden, etwa angeleitete Selbsthilfe; bei einer mittelgradigen Episode soll gleichwertig eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung angeboten werden; bei einer schweren Episode soll eine Kombination aus beidem empfohlen werden [1]. Die Entscheidungen sollen gemeinsam mit Ihnen getroffen werden [1]. Ambulant bezahlt die gesetzliche Krankenversicherung Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie sowie Systemische Therapie [1]; mehr unter Psychotherapie und Medikamente.
Bei Depressionen, die auf mehrere Behandlungen nicht angesprochen haben, soll laut NVL eine Elektrokonvulsionstherapie (EKT) angeboten werden, insbesondere im höheren Lebensalter oder bei psychotischen Beschwerden [1]. Dabei lösen in kurzer Narkose Stromimpulse über Elektroden an der Kopfhaut einen Krampfanfall aus. Als wichtigste Nebenwirkung gelten laut NVL Störungen vor allem des Kurzzeitgedächtnisses, die sich innerhalb weniger Wochen zurückbilden [1]. Die Wirkung tritt laut Patientenleitlinie schnell ein [2]. Ein Versuch mit Lichttherapie kann laut NVL bei Depressionen ohne jahreszeitliches Muster angeboten werden; nach Einschätzung der Leitliniengruppe können auch ältere Menschen davon profitieren [1].
Menschen mit einer depressiven Störung, bei denen nichts gegen körperliche Belastung spricht, sollen laut NVL zu sportlicher Aktivität motiviert werden, idealerweise in einer Gruppe, und zu einem strukturierten, angeleiteten Training. Untersuchungen speziell bei älteren Menschen bestätigen laut NVL, dass körperliches Training depressive Beschwerden lindern kann; für Menschen mit Demenz reichen die Daten dafür nicht aus [1]. Für Depressionssymptome bei Demenz empfiehlt die S3-Leitlinie Demenzen eine Bewegungstherapie, bevorzugt in Gruppen, und bei leichter Demenz eine kognitive Verhaltenstherapie ("Wir empfehlen"); kognitive Stimulation, Erinnerungsarbeit (Reminiszenztherapie), Ergotherapie, Musik- oder Tanztherapie schlägt sie vor ("Wir schlagen vor") [3].
Bei mehreren Erkrankungen und vielen Medikamenten nennt die NVL eine Abstimmung mit den betreffenden Fachgebieten, mit Geriatrie, Gerontopsychiatrie oder Psychiatrie und gegebenenfalls mit der Apotheke [1]. Eine medizinische Rehabilitation für Menschen über 65 Jahre beschreibt die NVL als Versorgungsproblem: Nach Beginn der Altersrente ist die Rentenversicherung nicht mehr zuständig, und Rehabilitationen über die Krankenkasse sind selten [1]. Zur Behandlung im Krankenhaus siehe Klinik und Tagesklinik.
Medikamente bei Depression im Alter
Das Antidepressivum soll laut NVL nach Sicherheit und Wechselwirkungen, nach Ihren Wünschen, der Erfahrung der Behandelnden und weiteren Kriterien wie Begleiterkrankungen, anderen Medikamenten und früheren Erfahrungen ausgewählt werden [1]. Bei älteren Menschen mit körperlichen Vorerkrankungen ist laut NVL das Risiko für Nebenwirkungen erhöht, und es gibt mehr potenziell gravierende Komplikationen, bei trizyklischen Antidepressiva zum Beispiel Verwirrtheit (Delir), Störungen der Erregungsleitung und des Rhythmus am Herzen sowie Harnverhalt [1]. Bei Menschen, die viele Medikamente einnehmen, empfiehlt die Leitliniengruppe, vor dem Beginn eines Antidepressivums Wechselwirkungen zu prüfen oder eine Apothekerin oder einen Apotheker hinzuzuziehen [1]. Die Tabelle folgt der Reihenfolge der NVL und ist keine Rangfolge.
| Gruppe | Wirkstoffe | Was NVL und Packungsbeilage dazu sagen | Typische Nebenwirkungen (Beispiel) |
|---|---|---|---|
| Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) | Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin [1] | zu den wichtigen Nebenwirkungen zählt die NVL einen Natriummangel im Blut (Hyponatriämie); EKG vor Beginn und im ersten Monat bei Citalopram und Escitalopram [1]; laut Packungsbeilage von Sertralin haben ältere Menschen ein höheres Risiko für niedrige Natriumwerte [4] | Sertralin, laut Packungsbeilage sehr häufig (mehr als 1 von 10 Behandelten): Schlaflosigkeit, Schwindelgefühl, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Mundtrockenheit, fehlender Samenerguss, Müdigkeit [4] |
| Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) | Venlafaxin, Duloxetin, Milnacipran [1] | zu den wichtigen Nebenwirkungen zählt die NVL unter anderem Bluthochdruck und Natriummangel, dazu zum Teil ausgeprägte Absetzbeschwerden; EKG vor Beginn und im ersten Monat bei Venlafaxin [1] | Venlafaxin, laut Packungsbeilage sehr häufig: Schwindelgefühl, Kopfschmerz, Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit, Verstopfung, Schwitzen einschließlich Nachtschweiß [7] |
| Alpha2-Rezeptor-Antagonisten | Mirtazapin, Mianserin [1] | wirken laut NVL beruhigend und gewichtssteigernd, als Nebenwirkung nennt sie auch Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen (Dysorthostase) [1]; laut Packungsbeilage von Mirtazapin reagieren ältere Menschen möglicherweise empfindlicher auf die Nebenwirkungen von Antidepressiva [6] | Mirtazapin, laut Packungsbeilage sehr häufig: verstärkter Appetit und Gewichtszunahme, Schläfrigkeit oder Müdigkeit, Kopfschmerzen, trockener Mund [6] |
| Trizyklische Antidepressiva (TZA) | Amitriptylin, Clomipramin, Doxepin, Imipramin, Nortriptylin, Trimipramin [1] | bei älteren Menschen mit körperlichen Vorerkrankungen erhöhtes Risiko etwa für Delir, Herzrhythmusstörungen und Harnverhalt; Demenz und Delir nennt die NVL in ihrer Auswahl wichtiger Gegenanzeigen (Stand 2021) und verweist auf die jeweils aktuelle Fachinformation [1]; die Fachinformation von Amitriptylin führt beides nicht unter den Gegenanzeigen auf [9]; laut Packungsbeilage von Amitriptylin sind bei älteren Menschen bestimmte Nebenwirkungen wahrscheinlicher, etwa Schwindel beim Aufstehen wegen niedrigen Blutdrucks, und ein Delirium tritt selten auf, insbesondere bei älteren Menschen [5] | Amitriptylin, laut Packungsbeilage sehr häufig unter anderem: Schläfrigkeit, Zittern, Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Herzklopfen, Schwindelgefühl beim Aufstehen, Mundtrockenheit, Verstopfung, Übelkeit, starkes Schwitzen, Gewichtszunahme [5] |
Weitere Antidepressiva wie Agomelatin, Bupropion, Trazodon und MAO-Hemmer stehen auf der Seite Medikamente bei Depression und auf den Wirkstoffseiten. Ein erhöhtes Risiko für Knochenbrüche wurde laut den Packungsbeilagen von Sertralin und Amitriptylin bei Menschen beobachtet, die Arzneimittel dieser Gruppen einnahmen [4, 5]. Je nach Mittel empfiehlt die NVL Kontrollen etwa von Blutbild, Nierenwerten, Leberwerten, Blutsalzen, EKG, Blutdruck und Gewicht. Ein EKG vor Beginn und im ersten Monat sieht sie bei Citalopram, Escitalopram und Venlafaxin vor und unabhängig vom Mittel bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einem Risiko dafür; unter trizyklischen Antidepressiva sind regelmäßige EKG-Kontrollen vorgesehen (siehe Kontrollen und Blutwerte und Natriummangel) [1].
Ob ein Antidepressivum wirkt, soll laut NVL ab Erreichen der Standarddosis nach mindestens 3 bis 4 Wochen gemeinsam beurteilt werden. Bei älteren Menschen kann ein längeres Abwarten sinnvoll sein, etwa 6 Wochen, weil die Wirkung nach klinischer Erfahrung später einsetzen kann [1]. Solange die Dosis erhöht wird und die Wirkung noch nicht eingesetzt hat, soll die Verträglichkeit sorgfältig überwacht werden, besonders mit Blick auf Anzeichen eines erhöhten Suizidrisikos [1].
Bei Demenz
Bei einer Depression im Rahmen einer Alzheimer-Demenz schlägt die S3-Leitlinie Demenzen vor, Mirtazapin oder Sertralin einzusetzen; das ist eine schwache Empfehlung auf Grundlage von Studien mit niedriger Aussagesicherheit [3]. Für die medikamentöse Behandlung psychischer und Verhaltenssymptome bei Demenz, zu denen die Leitlinie auch die Depression zählt, gilt: Psychopharmaka sollten erwogen werden, wenn Behandlungen ohne Medikamente nicht wirksam oder nicht umsetzbar sind. Bei Antidepressiva sollte darauf geachtet werden, dass sie keine anticholinergen Nebenwirkungen haben, und Mittel, die Sturzgefahr und Blutungsneigung erhöhen, sollten vermieden werden. Die Behandlungsdauer richtet sich nach der NVL [3].
Beruhigungs- und Schlafmittel
Benzodiazepine bergen laut NVL Risiken wie Dämpfung (Sedierung), Beeinträchtigungen von Bewegungsabläufen und Denken sowie eine Sturzgefahr; laut Patientenleitlinie können sie besonders bei älteren Menschen zu Stürzen führen [1, 2]. Bei leichten depressiven Episoden sollen Benzodiazepine und Z-Substanzen laut NVL nicht eingesetzt werden; bei mittelgradigen sollten sie nicht eingesetzt werden, außer im begründeten Einzelfall zusätzlich zu Antidepressiva oder Psychotherapie, bei stark belastenden Schlafstörungen oder starker Unruhe, ohne Suchterkrankung in der Vorgeschichte, unter Beachtung der Risiken und für 2, höchstens 4 Wochen [1]. Mehr dazu unter Benzodiazepine.
Wie lange behandeln, Rückfall vorbeugen
Für Antidepressiva allgemein empfiehlt die NVL, das Mittel 6 bis 12 Monate über das Abklingen (Remission) einer depressiven Episode hinaus in gleicher Dosis weiter einzunehmen und es danach auszuschleichen, also schrittweise abzusetzen, wenn keine längere Rückfallvorbeugung nötig ist ("soll"). Nach zwei bis drei oder mehr Episoden mit bedeutsamen Einschränkungen in den letzten fünf Jahren sollte empfohlen werden, das Antidepressivum mindestens zwei Jahre weiter einzunehmen [1]. Bei der Frage einer langfristigen Rückfallvorbeugung spielt laut NVL auch das Alter eine Rolle: Die Gefahr weiterer Episoden ist höher, wenn bei jüngeren Menschen bereits mehrere Episoden aufgetreten sind, als wenn das bei älteren der Fall ist [1].
Nach einer ersten depressiven Episode erkranken laut NVL etwa 40 bis 60 von 100 Menschen erneut; das Risiko sinkt, je länger jemand ohne neue Episode bleibt [1]. Nach einer Psychotherapie soll eine angemessene Weiterführung angeboten werden, Menschen mit erhöhtem Rückfallrisiko eine längerfristige Psychotherapie [1]. Kontrolltermine sollten in den ersten 4 Wochen einer Behandlung wöchentlich stattfinden, im 2. und 3. Monat alle 2 bis 4 Wochen, danach in längeren Abständen [1]. Ob und wann Sie ein Antidepressivum absetzen, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; ändern Sie nichts eigenständig (siehe Antidepressiva absetzen).
Selbsthilfe und Alltag

Höchstleistungen sind laut Patientenleitlinie nicht nötig. Menschen aus der Selbsthilfe raten dort zu kleinen, erreichbaren Zielen wie einem Spaziergang an der frischen Luft und dazu, Angehörige oder Freunde um Unterstützung zu bitten, weil man sich gemeinsam leichter aufrafft [2]. Auch kleine Aktivitäten zählen, etwa ein Telefonat mit einem Freund, eine Verabredung, ein Gang zum Friseur oder ein selbst gekochtes Essen; ein kleiner Wochenplan kann als Erinnerung helfen, nicht als Pflicht [2].
Über Selbsthilfe- und Angehörigengruppen, Beratung durch andere Betroffene (Peer-Counselling) und Genesungsbegleitung sollen Sie laut NVL informiert werden [1]. Zu einer ausgewogenen und gesunden Ernährung soll ermuntert werden; Nahrungsergänzungsmittel sollen nicht empfohlen werden, wenn kein Mangel an Mikronährstoffen besteht [1]. Nehmen Sie verordnete Medikamente regelmäßig und wie verordnet ein, rät die Patientenleitlinie [2]. Was im Alltag mit Psychopharmaka im höheren Lebensalter zu beachten ist, steht unter Psychopharmaka im Alter.
Für Angehörige
Wenn die erkrankte Person einverstanden ist, sollen Angehörige laut NVL in Aufklärung, Information und Behandlung eingebunden werden [1]. Bei Einschränkungen von Gedächtnis und Denken nennt die NVL als Hilfe für eine regelmäßige Behandlung, An- und Zugehörige einzubeziehen und zu schulen, die Behandlung anzupassen und gegebenenfalls einen Pflegedienst hinzuzuziehen [1]. Die Patientenleitlinie gibt Angehörigen und Freunden unter anderem diese Hinweise [2]:
- Machen Sie sich bewusst, dass Sie helfen, aber nicht heilen können; das erwartet auch niemand von Ihnen.
- Kein Mensch wird absichtlich oder aus Versagen krank. Für die betroffene Person kann es eine große Anstrengung sein, sich zu einfachen Dingen aufzuraffen.
- Unterstützen Sie die Entscheidung, sich professionelle Hilfe zu suchen, und machen Sie klar, dass die Angst, als "verrückt" zu gelten, unbegründet ist.
- Begleiten Sie kleine Aktivitäten, etwa einen Spaziergang, Musik hören oder ein Gespräch; vereinbaren Sie dafür möglichst einen festen Termin und holen Sie die Person zu Hause ab.
- Behalten Sie die Behandlung im Blick, etwa die regelmäßige Einnahme der Medikamente und die Arztbesuche, ohne das Gefühl von Kontrolle zu vermitteln.
- Achten Sie auf Ihre eigenen Kräfte; Selbsthilfegruppen für Angehörige, sozialpsychiatrische Dienste und psychosoziale Beratungsstellen sind auch für Sie da.
Mehr dazu unter Angehörige.
Wann Sie sofort Hilfe brauchen
Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid gehören zu den Zusatzsymptomen einer Depression [1]. Laut NVL ist die Suizidrate bei Hochbetagten am höchsten, vor allem bei Männern; zu den Risikofaktoren zählt sie männliches Geschlecht und höheres Alter, vor allem bei Männern über 70 Jahre [1]. Ob Suizidgedanken bestehen, soll laut NVL bei allen Menschen mit einer depressiven Störung in jedem Gespräch eingeschätzt werden; die Leitliniengruppe sieht keinen Grund, das bei älteren Menschen weniger streng zu beurteilen [1]. Laut Patientenleitlinie sind Suizidgedanken auf jeden Fall ernst zu nehmen, und die behandelnde Praxis sollte davon erfahren [2]. Bei akuter Gefahr soll gemeinsam ein Notfallplan erstellt werden [1]; dabei hilft der Krisenplan.
Zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva können laut NVL innere Unruhe, Schlafstörungen oder Angst das Suizidrisiko erhöhen; als Beispiele für eine mögliche anfängliche Verstärkung nennt sie SSRI und SNRI [1]. Die Packungsbeilage von Sertralin fordert dazu auf, zur Ärztin oder zum Arzt zu gehen oder unverzüglich ein Krankenhaus aufzusuchen, wenn Gedanken auftreten, sich selbst zu verletzen oder sich das Leben zu nehmen [4].
Ist ein Mensch in akuter Gefahr, rät die Patientenleitlinie Angehörigen: die Person nicht allein lassen, bis Hilfe eintrifft; zuhören und die Situation ernst nehmen; das Gespräch in Gang halten; den Notruf 112 oder die Polizei unter 110 rufen; gefährliche Gegenstände beseitigen [2].
Alle Hilfsangebote mit Erreichbarkeit stehen unter Hilfe in der Krise.
Quellen
- Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2 (AWMF-Register-Nr. nvl-005). Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 07/2023 (verabschiedet 29.09.2022, gültig bis 29.09.2027). abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie Patientenleitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3.0. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 2024. abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie S3-Leitlinie Demenzen, Living Guideline, Langfassung, Version 6.1 (AWMF-Register-Nr. 038-013), Abschnitte 4.3 Diagnostik, 5.3.1.1 und 5.3.4 Depression. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Stand Fassung vom 27.04.2026. abgerufen am 23.10.2026
- Gebrauchsinformation Sertralin-ratiopharm 50 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 06/2025. abgerufen am 23.10.2026
- Gebrauchsinformation Amitriptylin-CT 25 mg Tabletten. AbZ-Pharma GmbH. Stand 11/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Gebrauchsinformation Mirtazapin-ratiopharm 15 mg/30 mg/45 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 07/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Gebrauchsinformation Venlafaxin-ratiopharm 37,5 mg/75 mg/150 mg Hartkapseln, retardiert. ratiopharm GmbH. Stand 09/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Behörde ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V, Gruppe F30 bis F39: Affektive Störungen. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand Version 2026. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Amitriptylin-CT Tabletten (25 mg und 75 mg). AbZ-Pharma GmbH. Stand 11/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Gesetz Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V), § 31a Medikationsplan (Abs. 1). Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (gesetze-im-internet.de). Stand SGB V zuletzt geändert durch Art. 1 G v. 26.06.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 195); Änderung durch Art. 1 G v. 24.07.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 228) textlich nachgewiesen; Änderung durch Art. 2 G v. 06.10.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 289) berücksichtigt. abgerufen am 23.10.2026
Häufige Fragen
Woran erkennt man eine Depression im Alter?
Typisch sind wie in jedem Alter eine gedrückte Stimmung, der Verlust von Interesse und Freude und ein verminderter Antrieb über mindestens zwei Wochen. Laut NVL berichten Betroffene selten von sich aus über diese Kernsymptome, eher über unspezifische Beschwerden wie Kraftlosigkeit, Schlafstörungen, Appetitverlust, Schwindel oder Gedächtnisprobleme. Schilderungen von Angehörigen können laut Patientenleitlinie bei älteren Menschen helfen, die Anzeichen zu erkennen.
Ist Vergesslichkeit im Alter ein Zeichen für Depression oder Demenz?
Beides ist möglich. Kurze Gedächtnistests können laut S3-Leitlinie Demenzen eine Demenz nur unzureichend von kognitiven Störungen bei Depression abgrenzen. Vor einer ausführlichen Untersuchung sollen möglicherweise behebbare Ursachen wie Delir, Depression oder Nebenwirkungen von Medikamenten ausgeschlossen oder berücksichtigt werden. Depressive Beschwerden können laut dieser Leitlinie auch ein frühes Zeichen einer beginnenden neurodegenerativen Erkrankung sein. Ob Gedächtnisprobleme zu einer Depression oder zu einer Demenz gehören, klärt eine ärztliche Untersuchung.
Welche Antidepressiva kommen für ältere Menschen infrage?
Die NVL nennt keine eigene Auswahl für ältere Menschen. Ausgewählt wird nach Sicherheit, Wechselwirkungen, Begleiterkrankungen, Nebenwirkungen und Ihren Wünschen; bei körperlichen Vorerkrankungen ist das Risiko für Nebenwirkungen im Alter erhöht, bei trizyklischen Antidepressiva etwa für Delir, Herzrhythmusstörungen und Harnverhalt. Bei Depression im Rahmen einer Alzheimer-Demenz schlägt die S3-Leitlinie Demenzen Mirtazapin oder Sertralin vor. Welches Mittel zu Ihnen passt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Wie lange dauert es, bis ein Antidepressivum im Alter wirkt?
Laut NVL soll nach Erreichen der Standarddosis mindestens 3 bis 4 Wochen abgewartet und dann gemeinsam beurteilt werden, ob das Mittel hilft. Bei älteren Menschen kann ein längeres Abwarten sinnvoll sein, etwa 6 Wochen, weil die Wirkung nach klinischer Erfahrung später einsetzen kann.
Gibt es einen Test für Altersdepression?
Einen Test, der die Diagnose stellt, gibt es nicht. In der Praxis kann ein Fragebogen wie die Geriatrische Depressionsskala (GDS) eingesetzt werden, die laut NVL im ambulanten Alltag zeitsparend und ohne Lizenzgebühren nutzbar ist. Die Diagnose entsteht im ausführlichen Gespräch in einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis.
Wie können Angehörige bei einer Depression im Alter helfen?
Laut Patientenleitlinie hilft es, Verständnis aufzubringen, die Erkrankung ernst zu nehmen und die Entscheidung für professionelle Hilfe zu unterstützen. Begleiten Sie kleine Aktivitäten wie einen Spaziergang zu einem festen Termin und behalten Sie die Behandlung im Blick, ohne zu kontrollieren. Wenn die erkrankte Person einverstanden ist, sollen Angehörige laut NVL in die Behandlung eingebunden werden. Achten Sie auch auf Ihre eigenen Kräfte.
Hilft Bewegung bei einer Depression im Alter?
Menschen mit Depression, bei denen nichts gegen körperliche Belastung spricht, sollen laut NVL zu sportlicher Aktivität motiviert werden, idealerweise in einer Gruppe. Untersuchungen speziell bei älteren Menschen bestätigen laut NVL, dass körperliches Training depressive Beschwerden lindern kann. Bei Depressionssymptomen im Rahmen einer Demenz empfiehlt die S3-Leitlinie Demenzen Bewegungstherapie, bevorzugt in Gruppen.
Bekommt man im Alter noch eine Reha bei Depression?
Die NVL beschreibt die medizinische Rehabilitation für Menschen über 65 Jahre als Versorgungsproblem: Nach Beginn der Altersrente ist die Rentenversicherung nicht mehr zuständig, und Rehabilitationen über die Krankenkasse sind selten. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt nach den Möglichkeiten in Ihrer Region.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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