ErkrankungenErkrankung
Dysthymie und chronische Depression
Eine Dysthymie ist eine depressive Verstimmung, die seit mindestens zwei Jahren besteht; die Beschwerden sind weniger ausgeprägt als bei einer depressiven Episode, belasten wegen ihrer Dauer aber stark. Die Nationale VersorgungsLeitlinie empfiehlt, sie wie andere chronische Depressionen zu behandeln, und bevorzugt dabei weder Psychotherapie noch Medikamente; hilft eines allein nicht, kommt eine Kombination infrage. Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, gibt es sofort Hilfe, etwa über den Notruf 112 oder die TelefonSeelsorge.

Eine Dysthymie ist eine depressive Verstimmung, die seit mindestens zwei Jahren anhält. Die Patientenleitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression nennt sie eine Form der chronischen Depression, deren Beschwerden schwächer sind als bei einer depressiven Episode und den Alltag weniger beeinträchtigen [2]. Weil die Verstimmung so lange andauert, geht sie laut NVL trotzdem mit beträchtlichem Leiden und Beeinträchtigungen einher [1].
In der in Deutschland verwendeten Klassifikation ICD-10-GM trägt die Dysthymie den Schlüssel F34.1 und gehört zu den anhaltenden affektiven Störungen. Die ICD-10-GM beschreibt sie als chronische, wenigstens mehrere Jahre andauernde depressive Verstimmung, die weder schwer noch in einzelnen Episoden anhaltend genug ist, um die Kriterien einer leichten, mittelgradigen oder schweren rezidivierenden depressiven Störung zu erfüllen. Unter F34.1 fallen auch die anhaltende ängstliche Depression, die depressive Neurose, die depressive Persönlichkeit oder Persönlichkeitsstörung und die neurotische Depression [3]. In der neueren ICD-11 ist die Dysthymie, wie im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5, den depressiven Störungen zugeordnet (Schlüssel 6A72) [1].
In der bundesweiten Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) wurde die Häufigkeit einer Dysthymie innerhalb von zwölf Monaten auf 1,7 Prozent der Allgemeinbevölkerung geschätzt [1]. Eine Dysthymie beginnt meist im frühen Erwachsenenalter. Sie kann aber auch im höheren Lebensalter auftreten, dann häufig nach einer depressiven Episode, einem Trauerfall oder einer anderen Belastung (siehe Depression im Alter) [1].
Anzeichen einer Dysthymie
Laut NVL fühlen sich Menschen mit Dysthymie müde und depressiv. Alles kostet sie Anstrengung, und sie können nichts genießen. Sie grübeln und beklagen sich, schlafen schlecht und fühlen sich unzulänglich, kommen mit den wesentlichen Anforderungen des täglichen Lebens in der Regel aber zurecht [1]. Die Verstimmung besteht seit mindestens zwei Jahren, ist aber nicht so ausgeprägt, dass sie die Kriterien einer leichten oder mittelgradigen depressiven Episode erfüllt [1].
In der Praxis berichten Menschen mit depressiven Störungen laut NVL selten von sich aus über die typischen Kernsymptome. Häufiger schildern sie unspezifische Beschwerden wie Schlafstörungen mit frühem Erwachen, wenig Appetit, allgemeine Kraftlosigkeit oder anhaltende Schmerzen [1]. Als weitere Hinweise auf eine depressive Störung nennt die NVL unter anderem diffuse Kopfschmerzen, Magendruck, Verstopfung oder Durchfall, ein Druckgefühl in Hals und Brust, Schwindelgefühle, Muskelverspannungen, Libidoverlust und Gedächtnisstörungen [1].
| Form | Was sie kennzeichnet | Einordnung |
|---|---|---|
| Depressive Episode | mindestens vier Anzeichen wie gedrückte Stimmung, Verlust von Interesse und Freude, verminderter Antrieb, Schuldgefühle oder Schlafstörungen, davon mindestens zwei Hauptsymptome, seit mindestens zwei Wochen [2] | ICD-10: F32 (einzelne Episode), F33 (wiederkehrende Episoden) [1, 3] |
| Dysthymie | depressive Verstimmung seit mindestens zwei Jahren, die für eine leichte oder mittelgradige depressive Episode nicht ausgeprägt genug ist [1] | ICD-10: F34.1; ICD-11: 6A72 [1, 3] |
| Doppelte Depression (double depression) | zu einer bestehenden Dysthymie kommt eine depressive Episode hinzu [1, 2] | Bezeichnung für das Zusammentreffen beider Formen [1] |
| Chronische (persistierende) Depression | eine depressive Episode hält ununterbrochen mehr als zwei Jahre an [1] | in der ICD-10 nicht von wiederkehrenden Formen unterschieden (F33), in der ICD-11 gesondert verschlüsselt [1] |
| Zyklothymie | anhaltender Wechsel von leicht gehobener und leicht depressiver Stimmung, zu schwach für eine bipolare Störung oder eine rezidivierende Depression [1] | ICD-10: F34.0; ICD-11: bei den bipolaren und verwandten Störungen (6A62) [1] |
Entwickelt sich aus einer Dysthymie zusätzlich eine depressive Episode, sprechen Fachleute von einer doppelten Depression, englisch double depression [1, 2]. Wechseln sich depressive Episoden und leichtere Phasen von Anfang an ab, ohne dass die Verstimmung zwei Jahre ununterbrochen besteht, verschlüsselt die ICD-11 eine depressive Episode in teilweiser Rückbildung (partielle Remission) [1]. Für die doppelte Depression hält die Leitliniengruppe der NVL eine intensivere Behandlung für angemessen (siehe Behandlung im Überblick) [1].
Ursachen und Risiken
Einzelne biologische oder psychosoziale Erklärungen haben laut NVL bisher nicht überzeugt. Erklärungsmodelle mit mehreren Faktoren gehen von einem Zusammenspiel biologischer und psychosozialer Einflüsse aus, deren Gewicht von Mensch zu Mensch erheblich schwanken kann. Nach dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell entsteht eine Depression, wenn eine erhöhte Anfälligkeit (Vulnerabilität) mit aktuellen seelischen, sozialen oder körperlichen Belastungen zusammentrifft [1]. Dass eine Depression dauerhaft wird, können laut Patientenleitlinie viele Umstände begünstigen, zum Beispiel eine erbliche Veranlagung, ein früher Krankheitsbeginn oder schlimme Erfahrungen in der Kindheit [2]. Für einen chronischen Verlauf depressiver Störungen nennt die NVL unter anderem diese Merkmale [1]:
- Depressionen bei mehreren Familienangehörigen, besonders chronische Depressionen
- ein früher Beginn der Erkrankung
- negative Erfahrungen in der Kindheit wie Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung
- belastende Lebensumstände wie Stress, Armut oder Arbeitslosigkeit
- ein geringer Selbstwert und anhaltendes Grübeln
Ein relevanter Teil der Menschen mit Depressionen berichtet über traumatische Erlebnisse in der Kindheit, etwa Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch. Bei chronischen Depressionen liegt ihr Anteil laut NVL bei bis zu 75 Prozent, was sich oft erst im Lauf der Therapie zeigt. Eine auf die Depression ausgerichtete Behandlung ist nach Einschätzung der NVL trotzdem meist erfolgversprechend. Stellt sich dauerhaft keine Besserung ein, können Verfahren aus der Traumatherapie hilfreich sein (siehe Posttraumatische Belastungsstörung) [1].
Wie die Diagnose gestellt wird
Ob eine Dysthymie vorliegt, klären Ärztinnen, Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im ausführlichen Gespräch. Sie fragen nach den Haupt- und Zusatzsymptomen einer Depression, nach Verlauf und Dauer; dieses Gespräch nach festen Kriterien gilt laut NVL als Goldstandard der Diagnostik [1]. In der Praxis kommt es laut NVL vor, dass eine Depression erst erkannt wird, wenn die Beschwerden schon seit Jahren bestehen [1]. Laut NVL zögert bei Depressionen die Hälfte der Betroffenen mehr als fünf Jahre, bevor sie ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe sucht, vor allem aus Angst vor Stigmatisierung [1].
Fragebögen können einen Verdacht stützen, die Diagnose folgt danach im Gespräch [1]. Für den ambulanten Alltag hält die NVL vor allem den Gesundheitsfragebogen PHQ-9 für geeignet [1]. Gefragt wird auch nach Zeiten mit auffällig gehobener oder gereizter Stimmung und vermehrtem Antrieb: Wechseln sich depressive Phasen mit solchen Phasen ab, liegt laut NVL mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bipolare Störung vor. Die Zyklothymie mit ihrem Wechsel leicht gehobener und leicht gedrückter Stimmung behandelt die NVL nicht; für Empfehlungen verweist sie auf die S3-Leitlinie zu bipolaren Störungen [1].
Depressive Beschwerden können mit körperlichen Erkrankungen verbunden sein, laut Patientenleitlinie unter anderem mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Infektionen, anhaltenden Schmerzen oder Erkrankungen des Gehirns. Auch Medikamente, die Sie einnehmen oder abgesetzt haben, können Depressionen auslösen oder verstärken, darunter einige blutdrucksenkende und kortisonhaltige Mittel. Die Patientenleitlinie rät deshalb, eine Liste aller Medikamente zum Termin mitzubringen, auch der Mittel ohne Rezept wie Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Mittel, etwa als Medikationsplan [2]. Besteht der Verdacht auf eine körperliche Ursache, soll laut NVL gemeinsam mit Ihnen abgewogen werden, welche weiteren Untersuchungen sinnvoll sind [1]. Abgegrenzt wird außerdem eine Anpassungsstörung, die in engem zeitlichem Bezug zu einem klar benennbaren Auslöser steht und meist innerhalb von sechs Monaten nachlässt [1].
Behandlung im Überblick
Für chronische Depressionen gibt die NVL zwei Grundsätze vor. Ist eine chronische Depression bisher nicht behandelt worden, soll nach den Empfehlungen für den jeweiligen Schweregrad einer akuten depressiven Episode vorgegangen werden. Ist sie trotz Behandlung chronisch geworden, sollen die Empfehlungen für das Vorgehen bei Nichtansprechen und Therapieresistenz gelten [1, 2]. Für die Dysthymie empfiehlt die Leitliniengruppe dasselbe Vorgehen wie bei anderen chronischen Formen, weil häufig ein hoher Leidensdruck und damit ein starker Behandlungsbedarf besteht [1].
Zur Behandlung der Dysthymie mit Medikamenten gibt es laut NVL mehr Studien als zur Psychotherapie, die Aussagekraft ist insgesamt aber gering, und in der Praxis gibt oft der Wunsch der Betroffenen den Ausschlag. Die Leitliniengruppe sieht deshalb keinen Anlass, eine der beiden Möglichkeiten bevorzugt zu empfehlen [1, 2]. Was für Sie infrage kommt, hängt laut Patientenleitlinie vor allem davon ab, was Ihnen bei der Behandlung wichtig ist [2]. Hilft eine einzelne Behandlung nicht, kommt laut NVL auch bei Dysthymie eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten infrage, obwohl es dafür keine überzeugenden Belege gibt. Bei einer doppelten Depression hält die Leitliniengruppe eine intensivere Behandlung mit einer solchen Kombination für angemessen [1].
Allein auf Maßnahmen mit niedriger Intensität wie angeleitete Selbsthilfe oder auf Online-Programme und Apps zu setzen, hält die Leitliniengruppe bei bisher unbehandelten chronischen Depressionen nicht für angemessen [1, 2]. Für chronische Formen wurde eine eigene Psychotherapie entwickelt, das kognitiv-verhaltenstherapeutisch-analytische Psychotherapie-System (CBASP). Es kommt laut NVL vor allem bei frühem Beginn der Depression oder für Menschen mit Traumatisierung infrage. Weil es nicht flächendeckend verfügbar ist und andere verhaltenstherapeutische Verfahren seine Elemente ebenfalls nutzen, spricht die NVL dafür keine eigene Empfehlung aus [1].
Ambulant bezahlt die gesetzliche Krankenversicherung vier Psychotherapieverfahren: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie sowie Systemische Therapie [1]. Mehr dazu steht unter Psychotherapie und Medikamente. Bei Depressionen ohne jahreszeitliches Muster kann laut NVL ein Versuch mit Lichttherapie angeboten werden, bei einem jahreszeitlichen Muster soll er angeboten werden [1].
Medikamente bei Dysthymie
In ihrer Auswertung der Studien zur medikamentösen Behandlung der Dysthymie beschreibt die NVL Untersuchungen zu selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und zu trizyklischen Antidepressiva (TZA); im direkten Vergleich fanden sich zwischen beiden Gruppen keine statistisch signifikanten Unterschiede [1]. Ein bestimmtes Mittel empfiehlt die NVL bei Dysthymie nicht. Für Antidepressiva allgemein gilt: Ausgewählt werden soll nach Sicherheit und Wechselwirkungen, nach Ihren Wünschen, der Erfahrung der Behandelnden und weiteren Kriterien wie Begleiterkrankungen, anderen Medikamenten, Nebenwirkungen und früheren Erfahrungen mit Antidepressiva [1]. Die Tabelle nennt die beiden Gruppen aus der Studienauswertung der NVL in deren Reihenfolge und ist keine Rangfolge.
| Gruppe | Wirkstoffe | Was die NVL dazu sagt | Typische Nebenwirkungen (Beispiel) |
|---|---|---|---|
| Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) | Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin [1] | bei der Auswahl zu bedenken sind unter anderem sexuelle Funktionsstörungen und eine mögliche Verstärkung von Suizidgedanken zu Beginn; EKG vor Beginn und im ersten Monat bei Citalopram und Escitalopram [1] | Sertralin, laut Packungsbeilage sehr häufig (mehr als 1 von 10 Behandelten): Schlaflosigkeit, Schwindelgefühl, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Mundtrockenheit, fehlender Samenerguss, Müdigkeit [4] |
| Trizyklische Antidepressiva (TZA) | Amitriptylin, Clomipramin, Doxepin, Imipramin, Nortriptylin, Trimipramin [1] | blockieren zusätzlich weitere Rezeptoren, was weitere Nebenwirkungen erklärt; bei älteren Menschen mit körperlichen Vorerkrankungen höheres Risiko etwa für Verwirrtheit (Delir), Herzrhythmusstörungen und Harnverhalt; regelmäßige Kontrollen unter anderem von Blutbild und EKG [1] | Amitriptylin, laut Packungsbeilage sehr häufig unter anderem: Schläfrigkeit, Zittern, Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Herzklopfen, Mundtrockenheit, Verstopfung, Übelkeit, starkes Schwitzen, Gewichtszunahme [5] |
Wofür ein Arzneimittel zugelassen ist, steht im Abschnitt über die Anwendungsgebiete der Packungsbeilage und der Fachinformation. Bei Sertralin nennen beide unter anderem die Depression, bei Amitriptylin die Depression bei Erwachsenen (Episoden einer Major Depression). Für die Dysthymie sind beide Wirkstoffe nicht eigens zugelassen [4, 5, 6, 7]. Dass Antidepressiva bei einer Dysthymie infrage kommen, geht auf die NVL zurück: Sie empfiehlt für die Dysthymie dasselbe Vorgehen wie bei anderen chronischen Depressionen [1]. Welche Anwendungsgebiete für die übrigen Wirkstoffe der Tabelle zugelassen sind, steht auf den Wirkstoffseiten; mehr unter Medikamente bei Depression. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, warum ein bestimmtes Mittel für Sie infrage kommt.
Antidepressiva wirken nicht sofort. Ab Erreichen der Standarddosis soll laut NVL mindestens 3 bis 4 Wochen abgewartet und dann gemeinsam beurteilt werden, ob sich die Beschwerden im Sinne der vereinbarten Behandlungsziele positiv entwickeln [1]. Solange die Dosis erhöht wird und die Wirkung noch nicht eingesetzt hat, soll die Verträglichkeit sorgfältig überwacht werden, besonders mit Blick auf Anzeichen eines erhöhten Suizidrisikos [1]. Je nach Mittel empfiehlt die NVL Kontrollen etwa von Blutbild, Nieren- und Leberwerten, Blutsalzen, EKG, Blutdruck und Gewicht (siehe Kontrollen und Blutwerte) [1]. Wie lange es dauert, bis ein Antidepressivum wirkt, erklärt die Seite Wirkungseintritt.
Wie lange behandeln, Rückfall vorbeugen
Eine Dysthymie beginnt laut NVL oft früh, dauert jahrelang an und besteht mitunter über den größeren Teil des Erwachsenenlebens [1]. Bei depressiven Störungen allgemein liegt das Risiko, dass die Beschwerden chronisch werden, in Studien bei etwa 15 bis 30 Prozent; laut Patientenleitlinie wird die Depression bei etwa 2 bis 3 von 10 Betroffenen chronisch [1, 2]. Depressive Störungen, die trotz Behandlung länger als zwei Jahre anhalten, zählt die NVL zu den therapieresistenten Formen; dann kommen Kombinations- oder Verstärkungsstrategien (Augmentation) infrage (siehe Wenn Antidepressiva nicht wirken) [1].
Für Antidepressiva allgemein empfiehlt die NVL: Nach dem Abklingen (Remission) einer depressiven Episode soll das Antidepressivum 6 bis 12 Monate in gleicher Dosis weiter eingenommen und danach ausgeschlichen, also schrittweise abgesetzt werden, wenn keine längere Rückfallvorbeugung nötig ist. Wer zwei bis drei oder mehr depressive Episoden und in den letzten fünf Jahren bedeutsame Einschränkungen im Alltag hatte, dem sollte empfohlen werden, das Antidepressivum mindestens zwei Jahre weiter einzunehmen [1]. Nach einer Psychotherapie soll eine angemessene Weiterführung angeboten werden, Menschen mit erhöhtem Rückfallrisiko eine längerfristige Psychotherapie [1].
Kontrolltermine sollten laut NVL in den ersten 4 Wochen einer Behandlung wöchentlich stattfinden, im 2. und 3. Monat alle 2 bis 4 Wochen, danach in längeren Abständen [1]. Ob und wann Sie ein Antidepressivum absetzen, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; ändern Sie nichts eigenständig. Mehr dazu unter Antidepressiva absetzen und Wie lange behandeln?
Selbsthilfe und Alltag

Menschen mit einer depressiven Störung, bei denen nichts gegen körperliche Belastung spricht, sollen laut NVL zu sportlicher Aktivität motiviert werden, am besten in einer Gruppe, und zu einem strukturierten, angeleiteten körperlichen Training [1]. Höchstleistungen sind laut Patientenleitlinie nicht nötig: Menschen aus der Selbsthilfe raten dort zu kleinen, erreichbaren Zielen wie einem Spaziergang an der frischen Luft oder einer kleinen Radtour und dazu, Angehörige oder Freunde um Unterstützung zu bitten, wenn es allein schwerfällt [2].
Weitere Ratschläge von Betroffenen für Betroffene: verordnete Medikamente regelmäßig einnehmen, kleine Aktivitäten wie ein Telefonat, eine Verabredung oder ein selbst gekochtes Essen als Erfolg sehen und einen kleinen Wochenplan als Erinnerung nutzen, nicht als Pflicht [2]. Über Selbsthilfe- und Angehörigengruppen, Beratung durch andere Betroffene (Peer-Counselling) und Genesungsbegleitung sollen Sie laut NVL informiert werden. Zu einer ausgewogenen und gesunden Ernährung soll ermuntert werden; Nahrungsergänzungsmittel sollen nicht empfohlen werden, wenn kein Mangel an Mikronährstoffen besteht [1].
Ob eine Krankschreibung sinnvoll ist, soll laut NVL vorher mit Ihnen besprochen werden, mit ihren Vor- und Nachteilen. Wer krankgeschrieben wird, soll immer auch eine passende Behandlung angeboten bekommen [1]. In manchen Fällen kann eine kurze Auszeit nach Einschätzung der Leitliniengruppe sinnvoll sein. Die Abwesenheit vom Arbeitsplatz kann aber auch Risikofaktoren für eine Verschlimmerung und Chronifizierung mit sich bringen, etwa einen Alltag ohne Struktur und den Verlust sozialer Kontakte [1]. Mehr dazu unter Arbeit und Beruf.
Für Angehörige
Eine Depression betrifft auch Partnerschaft, Familie und Freundschaften [2]. Wenn die erkrankte Person einverstanden ist, sollen Angehörige laut NVL in Aufklärung, Information und Behandlung eingebunden werden [1]. Die Patientenleitlinie gibt Angehörigen und Freunden unter anderem diese Hinweise [2]:
- Niemand trägt Schuld an der Erkrankung, weder Sie noch der erkrankte Mensch. Eine Depression ist auch kein Ausdruck von Unvermögen oder Nichtwollen.
- Bringen Sie Verständnis auf, nehmen Sie die Erkrankung ernst, ohne zu dramatisieren, und unterstützen Sie die Entscheidung, sich professionelle Hilfe zu suchen.
- Regen Sie kleine Aktivitäten an, etwa einen Spaziergang oder ein Gespräch zu einem festen Termin. Wird Ihr Vorschlag zurückgewiesen, zielt das nicht auf Sie; es ist der Erkrankung geschuldet.
- Versuchen Sie nicht, der Person ihre Erkrankung zu erklären, sie herunterzuspielen oder gut gemeinte Ratschläge zu geben.
- Behalten Sie die Behandlung im Blick, etwa die regelmäßige Einnahme der Medikamente, ohne das Gefühl von Kontrolle zu vermitteln.
- Achten Sie auf sich selbst: Selbsthilfegruppen für Angehörige, sozialpsychiatrische Dienste und psychosoziale Beratungsstellen sind auch für Sie da.
Weitere Hinweise stehen unter Angehörige.
Wann Sie sofort Hilfe brauchen
Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid gehören zu den Zusatzsymptomen einer depressiven Episode, die sich auch aus einer Dysthymie entwickeln kann [1]. Laut Patientenleitlinie sind Suizidgedanken auf jeden Fall ernst zu nehmen, und die behandelnde Praxis sollte davon erfahren [2]. Bei allen Menschen mit einer depressiven Störung soll laut NVL in jedem Gespräch eingeschätzt werden, ob Suizidgedanken bestehen. Bei akuter Gefahr soll gemeinsam ein Notfallplan erstellt werden [1]; dabei hilft der Krisenplan.
Zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva können laut NVL innere Unruhe, Schlafstörungen oder Angst das Suizidrisiko erhöhen; als Beispiele für eine mögliche anfängliche Verstärkung nennt sie SSRI und SNRI [1]. Laut der Packungsbeilage von Sertralin sind solche Gedanken wahrscheinlicher bei Menschen, die schon früher daran gedacht haben, sich das Leben zu nehmen oder sich selbst zu verletzen, und bei jungen Erwachsenen bis 25 Jahre. Sie fordert dazu auf, zur Ärztin oder zum Arzt zu gehen oder unverzüglich ein Krankenhaus aufzusuchen, wenn solche Gedanken auftreten [4].
Ist ein Mensch in akuter Gefahr, rät die Patientenleitlinie Angehörigen: die Person nicht allein lassen, bis Hilfe eintrifft; zuhören und die Situation ernst nehmen; das Gespräch in Gang halten; den Notruf 112 oder die Polizei unter 110 rufen; gefährliche Gegenstände beseitigen [2].
Alle Hilfsangebote mit Erreichbarkeit stehen unter Hilfe in der Krise.
Quellen
- Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2 (AWMF-Register-Nr. nvl-005). Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 07/2023 (verabschiedet 29.09.2022, gültig bis 29.09.2027). abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie Patientenleitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3.0. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 2024. abgerufen am 23.10.2026
- Behörde ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V, Gruppe F30 bis F39: Affektive Störungen. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand Version 2026. abgerufen am 23.10.2026
- Gebrauchsinformation Sertralin-ratiopharm 50 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 06/2025. abgerufen am 23.10.2026
- Gebrauchsinformation Amitriptylin-CT 25 mg Tabletten. AbZ-Pharma GmbH. Stand 11/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Sertralin-ratiopharm Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 09/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Amitriptylin-CT Tabletten (25 mg und 75 mg). AbZ-Pharma GmbH. Stand 11/2024. abgerufen am 23.10.2026
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Dysthymie und Depression?
Bei einer depressiven Episode liegen mindestens vier typische Anzeichen über mindestens zwei Wochen vor, davon mindestens zwei Hauptsymptome wie gedrückte Stimmung oder Verlust von Freude. Bei einer Dysthymie besteht die Verstimmung seit mindestens zwei Jahren, ist aber zu schwach für eine leichte oder mittelgradige depressive Episode. Die Patientenleitlinie nennt die Dysthymie eine Form der chronischen Depression, die den Alltag weniger beeinträchtigt als eine depressive Episode.
Wie lange dauert eine Dysthymie?
Definitionsgemäß besteht sie seit mindestens zwei Jahren. Laut NVL beginnt eine Dysthymie oft früh, dauert jahrelang an und besteht mitunter über den größeren Teil des Erwachsenenlebens. Kommt eine depressive Episode hinzu, spricht man von einer doppelten Depression, für die die Leitliniengruppe eine intensivere Behandlung für angemessen hält.
Welche Medikamente helfen bei Dysthymie?
Die NVL beschreibt Studien zu den Gruppen der SSRI, zu denen etwa Sertralin gehört, und der trizyklischen Antidepressiva, etwa Amitriptylin; ein bestimmtes Mittel empfiehlt sie nicht. Für die Dysthymie sind Sertralin und Amitriptylin laut Packungsbeilage und Fachinformation nicht eigens zugelassen; die NVL empfiehlt, eine Dysthymie wie andere chronische Depressionen zu behandeln. Ausgewählt wird nach Sicherheit, Wechselwirkungen, Begleiterkrankungen, Nebenwirkungen, früheren Erfahrungen und Ihren Wünschen. Welches Mittel zu Ihnen passt, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Kann man eine Dysthymie ohne Medikamente behandeln?
Ja, eine Psychotherapie ist laut NVL eine gleichrangige Möglichkeit; die Leitliniengruppe empfiehlt weder Psychotherapie noch Medikamente bevorzugt. Allein auf angeleitete Selbsthilfe, Online-Programme oder Apps zu setzen, hält sie bei bisher unbehandelten chronischen Depressionen nicht für angemessen. Hilft eine einzelne Behandlung nicht, kommt eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten infrage.
Gibt es einen Test, ob ich eine Dysthymie habe?
Einen Test, der die Diagnose stellt, gibt es nicht. Fragebögen wie der PHQ-9 können laut NVL einen Verdacht stützen; die Diagnose entsteht im ausführlichen Gespräch in einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis, in dem auch nach der Dauer der Beschwerden und nach Phasen gehobener Stimmung gefragt wird.
Welchen ICD-10-Schlüssel hat die Dysthymie?
In der ICD-10-GM hat die Dysthymie den Schlüssel F34.1 und gehört zu den anhaltenden affektiven Störungen. Dort fallen auch die anhaltende ängstliche Depression, die depressive Neurose, die depressive Persönlichkeit oder Persönlichkeitsstörung und die neurotische Depression darunter. In der ICD-11 lautet der Schlüssel 6A72.
Kann man mit einer Dysthymie arbeiten?
Menschen mit Dysthymie kommen laut NVL in der Regel mit den wesentlichen Anforderungen des täglichen Lebens zurecht; nach Erfahrung der Leitliniengruppe bringt die Dysthymie aber beträchtliches Leiden und Beeinträchtigungen im beruflichen und sozialen Leben mit sich. Ob eine Krankschreibung sinnvoll ist, soll laut NVL mit Ihnen besprochen werden, mit ihren Vor- und Nachteilen, und wer krankgeschrieben wird, soll immer auch eine passende Behandlung angeboten bekommen. Eine Krankschreibung kann entlasten, besonders bei längerer Dauer aber laut NVL auch zu einer Verschlimmerung und Chronifizierung beitragen.
Was ist der Unterschied zwischen Dysthymie und Zyklothymie?
Bei einer Dysthymie ist die Stimmung über mindestens zwei Jahre leicht gedrückt. Bei einer Zyklothymie wechseln sich laut NVL anhaltend leicht gehobene und leicht depressive Phasen ab, die für eine bipolare Störung oder eine rezidivierende Depression zu schwach sind. Die ICD-11 ordnet die Zyklothymie den bipolaren und verwandten Störungen zu; für Empfehlungen verweist die NVL auf die S3-Leitlinie zu bipolaren Störungen.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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