Behandlung

Machen Psychopharmaka abhängig?

Das hängt von der Wirkstoffgruppe ab: Für Benzodiazepine, Z-Substanzen wie Zopiclon und Zolpidem, Pregabalin und Methylphenidat nennen die Fachinformationen ein Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit. Bei Antidepressiva liegt laut Nationaler VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression formell keine Abhängigkeit im Sinne der Definition vor, auch wenn beim Absetzen Beschwerden auftreten können; einzelne Fachinformationen führen eine Abhängigkeit trotzdem als Nebenwirkung auf. Beenden Sie eine Behandlung nicht auf eigene Faust; sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Frau Ende fünfzig und ein Arzt in den Sechzigern sprechen ruhig miteinander an einem hellen Holztisch in einer Praxis
Bild: KI-generiert

Ob ein Psychopharmakon abhängig machen kann, hängt von der Wirkstoffgruppe ab. Für Benzodiazepine wie Lorazepam, für die Z-Substanzen Zopiclon und Zolpidem, für Pregabalin und für Methylphenidat nennen die Fachinformationen ein Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit [7, 9, 10, 11, 13]. Bei Antidepressiva liegt laut Nationaler VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression formell keine Abhängigkeit im Sinne der Definition vor, auch wenn beim Absetzen Beschwerden auftreten können [2]. Einzelne Fachinformationen von Antidepressiva, etwa die von Sertralin und Tranylcypromin, führen eine Abhängigkeit trotzdem als Nebenwirkung auf [5, 6]. Zwischen bestimmungsgemäßem Gebrauch, Fehlgebrauch, missbräuchlichem und abhängigem Gebrauch ärztlich verordneter Arzneimittel gibt es laut S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen einen fließenden Übergang [1]. Diese Leitlinie stammt in der Version 1.1 von 2021 und war laut eigener Angabe spätestens bis Ende Juli 2025 gültig; sie ist abgelaufen [1]. Was Psychopharmaka sind, erklärt die Seite Was sind Psychopharmaka?

Was eine Abhängigkeit ist

Für die Diagnose einer Abhängigkeit nennt die S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen die sechs Kriterien der internationalen Klassifikation ICD-10 [1]:

  • ein starker Wunsch oder Zwang, die Substanz einzunehmen;
  • eine verminderte Kontrolle darüber, wann die Einnahme beginnt und endet und wie viel eingenommen wird;
  • körperliche Entzugserscheinungen, wenn die Einnahme beendet oder verringert wird;
  • eine Gewöhnung (Toleranz): Für die ursprüngliche Wirkung sind zunehmend höhere Dosen nötig;
  • andere Interessen treten zugunsten der Einnahme immer mehr zurück, und Beschaffung, Einnahme und Erholung von den Folgen kosten mehr Zeit;
  • die Einnahme geht weiter, obwohl eindeutig schädliche körperliche oder seelische Folgen bekannt sind.

Nach ICD-10 müssen drei dieser Kriterien innerhalb eines Jahres immer wieder oder während eines Monats erfüllt sein. Liegen Entzugserscheinungen, eine Toleranz oder beides vor, spricht die Leitlinie von einer körperlichen Abhängigkeit. Eine psychische Abhängigkeit wird laut Leitlinie häufig als Ausdruck des Kontrollverlusts, einer zwanghaften Einnahme und eines starken Verlangens (Craving) beschrieben [1]. Von einem schädlichen Gebrauch spricht die ICD-10, wenn die Einnahme die körperliche oder seelische Gesundheit tatsächlich schädigt, aber keine Abhängigkeit vorliegt. Das Wort "Sucht" wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft gleichbedeutend mit Abhängigkeit verwendet; die Weltgesundheitsorganisation hat den Begriff laut Leitlinie 1964 zugunsten von "Abhängigkeit" aufgegeben [1].

Wer ein Arzneimittel in ärztlicher Absprache und nach angemessener Abwägung von Schaden und Nutzen weiter einnimmt, erfüllt laut S3-Leitlinie damit nicht das ICD-10-Kriterium für eine Abhängigkeit oder einen schädlichen Gebrauch. Erfüllt ist es dagegen, wenn jemand bei negativen Folgen das Mittel eigenständig weiter einnimmt oder die Dosis ohne oder gegen ärztliche Empfehlung steigert. Beides soll bei der Diagnose beachtet werden (Klinischer Konsenspunkt) [1]. Eine Gewöhnung zeigt sich laut Leitlinie darin, dass die Wirkung nach längerer Einnahme nachlässt; der Wirkverlust führt oft zu einer Dosissteigerung [1].

Abhängigkeit oder Absetzsymptome?

Wie Fachinformationen und Leitlinien Beschwerden beim Absetzen einordnen, unterscheidet sich je nach Gruppe. Für Benzodiazepine beschreibt die S3-Leitlinie drei Erscheinungen, die nach längerer regelmäßiger Einnahme, ab etwa sechs Wochen, bei einem abrupten Absetzen auftreten können [1]:

  • Absetzphänomene oder Rebound: eine Gegenreaktion des Körpers, mit der er sein Gleichgewicht neu einstellt, zum Beispiel mit Unruhe, Schlaflosigkeit oder Ängstlichkeit;
  • Rückfall: Die Beschwerden, wegen derer das Mittel genommen wurde, kehren zurück, etwa Angst oder Schlafstörungen;
  • Entzugssymptome im eigentlichen Sinn, die eine erhebliche Eigendynamik entfalten und sich zu schweren, bedrohlichen Zuständen entwickeln können, etwa mit Krampfanfällen, schwerer Depression, einem Delir oder Psychosen.

Die leichteren Beschwerden sind laut Leitlinie unspezifisch und von der zurückkehrenden Erkrankung oft schwer zu unterscheiden; auch die Abgrenzung von den eigentlichen Entzugssymptomen ist in der Praxis oft schwierig [1]. Abhängig werden kann man von Benzodiazepinen laut Leitlinie auch ohne steigende Dosis. Bei einer Niedrigdosisabhängigkeit wird eine niedrige Dosis, meist im therapeutischen Bereich, lange eingenommen, ohne dass die Dosis steigt, eine Toleranz entsteht oder die Kontrolle verloren geht; beim Absetzen treten aber belastende Beschwerden auf [1].

Beim Absetzen von Antidepressiva kann es laut NVL, besonders wenn es zu schnell geschieht, zu unerwünschten Effekten kommen. Eine Abhängigkeit im Sinne der Definition liegt laut NVL formell aber nicht vor, da von den Kriterien einer Abhängigkeitserkrankung nur zwei erfüllt sind, die Toleranzentwicklung und die Entzugssymptome [2]. Die Fachinformation von Paroxetin hält fest, dass Absetzsymptome nicht damit gleichzusetzen sind, dass das Arzneimittel süchtig oder abhängig macht [4]. Die Fachinformationen von Sertralin und Tranylcypromin führen allerdings eine Abhängigkeit als Nebenwirkung auf [5, 6]. Für Pregabalin schreibt die Fachinformation dagegen, dass Entzugssymptome nach dem Absetzen auf eine Arzneimittelabhängigkeit hinweisen können; darüber sollten Behandelte schon zu Beginn informiert werden [11]. Mehr zu Beschwerden beim Beenden einer Behandlung steht unter Absetzsymptome.

Was je nach Gruppe gilt

Benzodiazepine

Lorazepam hat laut Fachinformation ein primäres Abhängigkeitspotenzial. Schon bei täglicher Einnahme über wenige Wochen besteht die Gefahr einer seelischen und körperlichen Abhängigkeit, und zwar auch im therapeutischen Dosisbereich. Grundsätzlich sollten Benzodiazepine laut dieser Fachinformation nur für kurze Zeiträume verordnet werden, zum Beispiel höchstens 4 Wochen; eine Langzeitanwendung von Lorazepam wird nicht empfohlen [7]. Laut Fachinformation gibt es Hinweise auf eine Toleranz gegenüber der beruhigenden Wirkung, und die Packungsbeilage beschreibt, dass Sie nach Langzeitanwendung eine Verringerung der Wirksamkeit feststellen können [7, 8]. Die Patientenleitlinie zur NVL Depression schreibt, dass sich der Körper schon nach 2 Wochen an den Wirkstoff gewöhnen und sich nach 4 Wochen eine Abhängigkeit entwickeln kann [3].

Im Abhängigkeitsrisiko unterscheiden sich die Benzodiazepine laut S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen nur graduell; das Risiko steigt mit höheren Dosen und mit längerer Einnahme [1]. Menschen mit einer Angststörung sollen Benzodiazepine laut der inzwischen abgelaufenen S3-Leitlinie Angststörungen (Version 2 von 2021) wegen der gravierenden Nebenwirkungen, etwa der Entwicklung einer Abhängigkeit, nicht angeboten werden (Empfehlungsgrad A bei Panikstörung und generalisierter Angststörung, Klinischer Konsenspunkt bei sozialer Phobie); in Ausnahmefällen können sie nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken zeitlich befristet angewendet werden [17]. Bei einer leichten depressiven Episode sollen Benzodiazepine und Z-Substanzen laut NVL nicht eingesetzt werden; die Patientenleitlinie erklärt dazu, dass sie nicht gegen Depressionen helfen, aber abhängig machen können [2, 3]. Mehr unter Lorazepam und Abhängigkeit.

Z-Substanzen

Auch die Schlafmittel Zopiclon und Zolpidem können laut Fachinformation zu Missbrauch und zu körperlicher und seelischer Abhängigkeit führen. Das Risiko steigt mit der Dosis und der Dauer der Behandlung und ist höher bei psychiatrischen Erkrankungen und bei Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch in der Vorgeschichte [9, 10]. Hat sich eine körperliche Abhängigkeit entwickelt, wird ein plötzlicher Abbruch von Entzugserscheinungen begleitet, etwa von Kopf- oder Muskelschmerzen, außergewöhnlicher Angst, Anspannung, Unruhe, Verwirrtheit und Reizbarkeit [9, 10]. Die Behandlung sollte laut beiden Fachinformationen einschließlich der schrittweisen Absetzphase 4 Wochen nicht überschreiten. Eine längere Behandlung sollte nicht ohne erneute Beurteilung erfolgen, da das Risiko von Missbrauch und Abhängigkeit mit der Dauer steigt [9, 10]. In klinisch-pharmakologischer Hinsicht ähneln die Z-Substanzen laut S3-Leitlinie weitgehend den Benzodiazepinen [1].

Pregabalin

Pregabalin kann laut Fachinformation eine Arzneimittelabhängigkeit verursachen, die auch bei therapeutischen Dosen auftreten kann; über Missbrauch und nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch wurde berichtet. Vor der Verschreibung sollte das Risiko dafür sorgfältig geprüft werden, und Behandelte sollten auf Anzeichen wie Toleranzentwicklung, Dosissteigerung und wirkstoffsuchendes Verhalten überwacht werden. Bei Drogenmissbrauch in der Vorgeschichte kann das Risiko erhöht sein [11]. Laut S3-Leitlinie ist der Übergang von der therapeutischen Einnahme zum Fehl- und Übergebrauch nicht immer klar abzugrenzen, und Menschen mit einer Suchterkrankung sind eine Risikogruppe [1].

Mittel bei ADHS und Narkolepsie

Methylphenidat hat laut Fachinformation ein Potenzial für Fehlgebrauch, Missbrauch und Zweckentfremdung; Fälle von Missbrauch und Abhängigkeit wurden beschrieben. Chronischer Missbrauch kann zu ausgeprägter Toleranz und seelischer Abhängigkeit führen. Behandelte sollten auf Zweckentfremdung, Fehlgebrauch und Missbrauch hin überwacht werden, und bei bekannter Drogen- oder Alkoholabhängigkeit sollte Methylphenidat mit Vorsicht angewendet werden [13]. Was die Fachinformationen von Lisdexamfetamin und Dexamfetamin dazu sagen, steht auf den Wirkstoffseiten; einen Überblick gibt die Seite ADHS-Medikamente.

Das Narkolepsie-Mittel Natriumoxybat hat laut Fachinformation ein bekanntes Missbrauchspotenzial. Vor der Behandlung müssen Ärztinnen und Ärzte beurteilen, ob früher ein Drogenmissbrauch bestand oder eine Anfälligkeit dafür besteht; während der Behandlung sollten die Behandelten routinemäßig überwacht werden. Nach illegaler Anwendung häufig wiederholter Dosen oberhalb des therapeutischen Bereichs wurde über Fälle von Abhängigkeit berichtet. Bei Einnahme in therapeutischen Dosen gibt es laut Fachinformation keine eindeutigen Hinweise auf eine Abhängigkeit, die Möglichkeit lässt sich aber nicht ausschließen [14].

Antidepressiva

Einzelne Fachinformationen von Antidepressiva führen eine Abhängigkeit als Nebenwirkung auf, die Häufigkeit steht in der Tabelle unten: die von Sertralin eine Arzneimittelabhängigkeit, die des MAO-Hemmers Tranylcypromin eine psychische Abhängigkeit [5, 6]. Bei Drogen- oder Alkoholabhängigkeit in der Vorgeschichte ist laut Fachinformation von Tranylcypromin besondere Vorsicht geboten [6]. Für Tianeptin gibt es laut Patientenleitlinie Hinweise, dass es abhängig machen kann, und es kann missbraucht werden; bei Menschen, die früher von Medikamenten oder Alkohol abhängig waren, ist dort eine strenge Überwachung als notwendig beschrieben [3]. Ist geplant, ein Antidepressivum am Ende der Erhaltungstherapie oder Rückfallvorbeugung abzusetzen, soll das laut NVL schrittweise geschehen, um einer Rebound-Depression und Absetzsymptomen vorzubeugen [2]. Mehr unter Antidepressiva absetzen.

Antipsychotika

Bei Antipsychotika kann ein abruptes Absetzen laut S3-Leitlinie Schizophrenie eine Vielzahl körperlicher und seelischer Absetzerscheinungen nach sich ziehen, sodass ein vorbereitetes, langsames Verringern laut Leitlinie entscheidend für eine gute Verträglichkeit ist [16]. Für Quetiapin wurden laut Fachinformation Fälle von nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch und Missbrauch berichtet; bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit in der Vorgeschichte ist bei der Verschreibung Vorsicht geboten [15]. Mehr unter Antipsychotika absetzen.

Alle Wirkstoffe mit Datensatz im Überblick

Die Tabelle zeigt alle Wirkstoffe mit Datensatz auf Psychopharmakon.de, deren Produktinformation in der Liste der Nebenwirkungen eine Abhängigkeit nennt, jeweils mit der höchsten angegebenen Häufigkeit. Wie die Produktinformation die Angabe formuliert, steht in der rechten Spalte; bei einigen Mitteln nennt sie dort zusätzlich Missbrauch oder Entzugserscheinungen. Steht das Risiko nur in den Warnhinweisen einer Fachinformation, erscheint das Mittel nicht in der Tabelle. Beschwerden, die eine Produktinformation als Absetzsymptome führt, zeigt die Seite Absetzsymptome. Die Tabelle ist keine Rangliste; jede Klasse stammt aus der Produktinformation eines einzelnen Präparats. Um Mittel zur Substitution geht es auf den Seiten Opioidabhängigkeit und Substitutionsmittel.

Abhängigkeit und Entzugserscheinungen als Nebenwirkung: Angaben aus der Produktinformation
WirkstoffHäufigkeitAngabe in der Produktinformation
TianeptinGelegentlichArzneimittelmissbrauch und -abhängigkeit, besonders bei Menschen unter 50 Jahren mit einer früheren Alkohol- oder Arzneimittelabhängigkeit
NitrazepamSeltenAbhängigkeit, Entzugssyndrom, Arzneimittelmissbrauch
SertralinSeltenArzneimittelabhängigkeit
TranylcyprominSeltenPsychische Abhängigkeit
BuprenorphinSehr seltenAbhängigkeit, Stimmungsschwankungen (Pflaster)
ZolpidemSehr seltenKörperliche oder psychische Abhängigkeit
DexamfetaminNicht bekanntDrogenabhängigkeit
DikaliumclorazepatNicht bekanntKörperliche und seelische Abhängigkeit; laut Fachinformation wurde über missbräuchliche Anwendung von Benzodiazepinen berichtet
EszopiclonNicht bekanntEntwicklung einer Abhängigkeit, Entzugserscheinungen
FlurazepamNicht bekanntAbhängigkeit, Entzugserscheinungen
LevomethadonNicht bekanntAbhängigkeit
LorazepamNicht bekanntMissbrauch und Abhängigkeit von dem Arzneimittel · Entzugssyndrom
MethadonNicht bekanntAbhängigkeit
MethylphenidatNicht bekanntAbhängigkeit; Missbrauch und Abhängigkeit wurden berichtet
OxazepamNicht bekanntArzneimittelabhängigkeit · Entzugserscheinungen (Arzneimittelentzugssymptome)
PregabalinNicht bekanntAbhängigkeit von Pregabalin (Arzneimittelabhängigkeit)
TemazepamNicht bekanntKörperliche und seelische Abhängigkeit
TriazolamNicht bekanntArzneimittelmissbrauch, Arzneimittelabhängigkeit
ZopiclonNicht bekanntAbhängigkeit

Die Tabelle umfasst nur Wirkstoffe, die auf dieser Website bereits mit geprüftem Datensatz beschrieben sind (19 von 99). Auch andere Arzneimittel können diese Beschwerde auslösen. Maßgeblich ist die Packungsbeilage Ihres Präparats.

Wer ein höheres Risiko hat

Die Fachinformationen nennen Umstände, unter denen das Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit steigt. Bei Lorazepam wächst es mit der Dauer der Einnahme und der Dosis und ist höher bei Alkohol- oder Arzneimittelmissbrauch in der Vorgeschichte und bei schweren Persönlichkeitsstörungen [7]. Bei Zopiclon und Zolpidem ist es bei psychiatrischen Erkrankungen und nach früherem Missbrauch von Alkohol, Drogen oder Medikamenten größer [9, 10], bei Pregabalin kann es nach Drogenmissbrauch in der Vorgeschichte erhöht sein [11]. Bei Methylphenidat sind vor der Entscheidung über eine ADHS-Behandlung laut Fachinformation das Alter, Risikofaktoren für Suchtstörungen und ein früherer oder bestehender Missbrauch zu berücksichtigen [13].

Nach der S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen soll besonders auf Anzeichen eines schädlichen Gebrauchs oder einer Abhängigkeit geachtet werden bei Arzneimitteln mit kurzer Halbwertszeit oder schnellem Anfluten und bei Menschen mit weiteren psychischen Erkrankungen, vor allem mit einer bestehenden Suchterkrankung (Klinischer Konsenspunkt). Bei älteren Menschen, besonders wenn sie mehrere Medikamente nehmen, soll die Anwendung von Benzodiazepinen und verwandten Mitteln laut Leitlinie kritisch überwacht werden [1]. Laut Packungsbeilage von Lorazepam müssen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt informieren, wenn Sie illegale Drogen konsumiert haben oder konsumieren [8]. Vor der Anwendung von Pregabalin sollten Sie laut Packungsbeilage Ihre Ärztin oder Ihren Arzt informieren, wenn Sie jemals Alkohol, verschreibungspflichtige Arzneimittel oder illegale Drogen missbraucht haben oder davon abhängig waren [12].

Woran Sie eine Abhängigkeit bemerken können

Mann in den Fünfzigern repariert an einem sonnigen Herbstnachmittag ruhig einen hölzernen Gartenzaun
Bild: KI-generiert

Die Packungsbeilage von Pregabalin nennt Anzeichen, die darauf hindeuten können, dass Sie abhängig geworden sind [12]:

  • Sie müssen das Arzneimittel länger einnehmen, als Ihre Ärztin oder Ihr Arzt empfohlen hat.
  • Sie haben das Gefühl, mehr als die empfohlene Dosis einnehmen zu müssen.
  • Sie nehmen das Mittel aus anderen Gründen ein als denen, für die es verschrieben wurde.
  • Sie haben wiederholt erfolglos versucht, die Einnahme zu beenden oder zu kontrollieren.
  • Wenn Sie die Einnahme abbrechen, fühlen Sie sich unwohl, und es geht Ihnen besser, sobald Sie das Mittel wieder einnehmen.

Bemerken Sie eines dieser Anzeichen, besprechen Sie laut Packungsbeilage mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt den besten Behandlungsweg, auch wann und wie Sie die Einnahme sicher beenden können [12]. Die Packungsbeilage von Lorazepam weist darauf hin, die verordnete Dosis nicht zu ändern oder zu überschreiten [8]. Ist in begründeten Einzelfällen trotz einer Abhängigkeit medizinisch angezeigt, ein Mittel mit Abhängigkeitspotenzial weiter zu nehmen, sollte das laut S3-Leitlinie in Absprache mit einer Suchtmedizinerin oder einem Suchtmediziner beziehungsweise einer Psychiaterin oder einem Psychiater geschehen (Klinischer Konsenspunkt) [1].

Absetzen nur mit ärztlicher Begleitung

Nach regelmäßiger, längerer Einnahme soll das Absetzen von Benzodiazepinen und Z-Substanzen laut S3-Leitlinie in schrittweiser Verringerung der Dosis erfolgen ("soll"). Beim Beenden einer Benzodiazepin-Einnahme soll das Ausschleichen zusammen mit einer geeigneten psychosozialen Maßnahme angeboten werden [1]. Die Packungsbeilage von Lorazepam bittet, die Einnahme nicht plötzlich abzubrechen und die Ärztin oder den Arzt zu fragen, wie die Behandlung beendet werden kann; manche Entzugserscheinungen können lebensbedrohlich sein [8]. Bei Pregabalin wird laut Fachinformation empfohlen, die Behandlung unabhängig vom Anwendungsgebiet schrittweise über mindestens 1 Woche zu beenden [11]. Bei Methylphenidat ist beim Absetzen laut Fachinformation eine sorgfältige Überwachung erforderlich, da Depressionen oder eine anhaltende Überaktivität zum Vorschein kommen können [13].

Wie Ihr Absetzen im Einzelnen aussieht, legt die Praxis mit Ihnen fest. Absetzen und Wechsel geschehen gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Mehr unter Psychopharmaka absetzen und Benzodiazepine und Z-Substanzen absetzen.

Wann Sie sofort Hilfe brauchen

Ein plötzliches Absetzen oder eine schnelle Verringerung der Dosis von Lorazepam nach Langzeitanwendung kann laut Fachinformation Entzugssymptome auslösen, die lebensbedrohlich sein können. Zu den schwereren akuten Entzugserscheinungen zählen Delirium tremens, Depression, Halluzinationen, Manie, Psychose, Krampfanfälle und Suizidalität [7]; die Packungsbeilage nennt ausdrücklich Suizidgedanken und Suizidversuche [8]. Nach dem Absetzen von Pregabalin wurden laut Fachinformation Entzugssymptome beobachtet, darunter Depressionen, suizidale Gedanken und Krampfanfälle [11]. Bekommen Sie während oder kurz nach dem Beenden der Einnahme von Pregabalin einen Krampfanfall, kontaktieren Sie laut Packungsbeilage sofort Ihre Ärztin oder Ihren Arzt [12].

Beratung und Unterstützung

Bei Verdacht auf einen riskanten, schädlichen oder abhängigen Gebrauch von Benzodiazepinen soll laut S3-Leitlinie in der hausärztlichen Praxis eine standardisierte Beratung angeboten werden [1]. Alle Menschen mit Verdacht auf einen schädlichen Gebrauch oder eine Abhängigkeit von Arzneimitteln sollen laut Leitlinie Zugang zu Informationen über Hilfsangebote erhalten, zum Beispiel zu Adressen regionaler Suchtberatungsstellen. Liegt ein schädlicher Gebrauch oder eine Abhängigkeit vor, soll die Einbindung von Angehörigen angeboten und auf Selbsthilfegruppen hingewiesen werden [1]. Über die örtlichen Suchtberatungsstellen ist laut Leitlinie auch die Vermittlung in ambulante, teilstationäre oder stationäre Behandlung möglich [1].

Sprechen Sie Ihre Sorge offen in der Praxis an, die das Mittel verordnet hat; dabei helfen die Fragen fürs Arztgespräch. Wenn Sie befürchten, von Pregabalin abhängig zu werden, sollten Sie laut Packungsbeilage unbedingt mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sprechen [12]. Laut Packungsbeilage von Lorazepam dürfen Sie das Mittel nicht an Familie oder Freunde weitergeben; bewahren Sie es sicher auf, damit es anderen nicht schadet [8]. Mehr zur Erkrankung steht unter Medikamentenabhängigkeit, für Angehörige unter Angehörige.

Quellen

  1. Leitlinie S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen, Langfassung, Version 1.1 (AWMF-Register-Nr. 038-025), Kapitel 1.2 bis 1.4, 2.1, 3.2, 3.4 und 7.1. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht). Stand Version 1.1, Stand 14.01.2021 (gültig bis Ende Juli 2025, abgelaufen). abgerufen am 23.10.2026
  2. Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2 (AWMF-Register-Nr. nvl-005), Kapitel 4.4.8 und 5.1. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 07/2023 (verabschiedet 29.09.2022, gültig bis 29.09.2027). abgerufen am 23.10.2026
  3. Leitlinie Patientenleitlinie zur Nationalen VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3.0. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF (NVL-Programm). Stand 2024. abgerufen am 23.10.2026
  4. Fachinformation Paroxetin STADA 20 mg Filmtabletten. STADAPHARM GmbH. Stand 04/2024. abgerufen am 23.10.2026
  5. Fachinformation Sertralin-ratiopharm Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 09/2026. abgerufen am 23.10.2026
  6. Fachinformation Tranylcypromin neuraxpharm 10 mg, 20 mg und 40 mg Filmtabletten. neuraxpharm Arzneimittel GmbH. Stand 12/2021. abgerufen am 23.10.2026
  7. Fachinformation Lorazepam neuraxpharm 0,5 mg / 1 mg / 2,5 mg Tabletten. neuraxpharm Arzneimittel GmbH. Stand 02/2026. abgerufen am 23.10.2026
  8. Gebrauchsinformation Lorazepam neuraxpharm 0,5 mg / 1 mg / 2,5 mg Tabletten. neuraxpharm Arzneimittel GmbH. Stand 02/2026. abgerufen am 23.10.2026
  9. Fachinformation Zopiclon-ratiopharm Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 06/2024. abgerufen am 23.10.2026
  10. Fachinformation Zolpidem-ratiopharm 10 mg Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 02/2024. abgerufen am 23.10.2026
  11. Fachinformation Pregabalin-ratiopharm Hartkapseln. ratiopharm GmbH. Stand 11/2025. abgerufen am 23.10.2026
  12. Gebrauchsinformation Pregabalin-ratiopharm Hartkapseln (25 bis 300 mg). ratiopharm GmbH. Stand 11/2025. abgerufen am 23.10.2026
  13. Fachinformation Methylphenidat-HCl-ratiopharm Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 09/2025. abgerufen am 23.10.2026
  14. EMA-Produktinformation Xyrem 500 mg/ml Lösung zum Einnehmen (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation). UCB Pharma S.A. (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 05/2025 (zuletzt aktualisiert 12.05.2025). abgerufen am 23.10.2026
  15. Fachinformation Quetiapin-ratiopharm Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 05/2024. abgerufen am 23.10.2026
  16. Leitlinie S3-Leitlinie Schizophrenie, Living Guideline, Langfassung, Version 5.0 (AWMF-Registernummer 038-009), Kapitel 9.5 (Dosierung, Behandlungsfrequenz und Absetzen). Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Stand Version 5.0, Fassung vom 13.06.2026 (veröffentlicht 15.07.2026); laut DGPPN-Übersicht gültig bis 12.07.2027. abgerufen am 23.10.2026
  17. Leitlinie S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Langfassung, Version 2 (AWMF-Register-Nr. 051-028). Bandelow B., Beutel M. E. u. a. (Textredaktion B. Bandelow); Federführung laut DGPPN-Übersicht: Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Stand Version 2.0, Stand 06.04.2021 (nächste Überprüfung geplant 04/2026; laut DGPPN-Übersicht gültig bis 05.04.2026, abgelaufen). abgerufen am 23.10.2026

Häufige Fragen

Machen Antidepressiva abhängig?

Eine Abhängigkeit im Sinne der Definition liegt laut NVL Unipolare Depression formell nicht vor: Von den Kriterien sind nur zwei erfüllt, die Gewöhnung und die Entzugssymptome. Beim Absetzen können trotzdem Beschwerden auftreten, und einzelne Fachinformationen führen eine Abhängigkeit als Nebenwirkung auf, etwa die von Sertralin und Tranylcypromin. Ist geplant, ein Antidepressivum am Ende der Erhaltungstherapie oder Rückfallvorbeugung abzusetzen, soll das laut NVL schrittweise geschehen; Absetzen und Wechsel geschehen gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Ab wann kann man von Benzodiazepinen abhängig werden?

Bei Lorazepam besteht laut Fachinformation schon bei täglicher Einnahme über wenige Wochen die Gefahr einer seelischen und körperlichen Abhängigkeit, auch im therapeutischen Dosisbereich. Die Patientenleitlinie zur NVL Depression schreibt, dass sich der Körper schon nach 2 Wochen an den Wirkstoff gewöhnen und sich nach 4 Wochen eine Abhängigkeit entwickeln kann. Grundsätzlich sollten Benzodiazepine laut Fachinformation von Lorazepam nur kurz verordnet werden, zum Beispiel höchstens 4 Wochen.

Welche Schlafmittel machen nicht abhängig?

Für Benzodiazepine und die Z-Substanzen Zopiclon und Zolpidem nennen die Fachinformationen ein Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit, das mit Dosis und Dauer steigt. Die Behandlung mit Zopiclon oder Zolpidem sollte laut Fachinformation einschließlich der schrittweisen Absetzphase 4 Wochen nicht überschreiten. Welche Behandlung bei Ihren Schlafproblemen in Frage kommt, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Bin ich abhängig, wenn ich mein Medikament schon lange nehme?

Nicht automatisch. Wer ein Arzneimittel in ärztlicher Absprache und nach Abwägung von Schaden und Nutzen weiter einnimmt, erfüllt laut S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen damit nicht das ICD-10-Kriterium einer Abhängigkeit. Anders ist es, wenn jemand bei negativen Folgen das Mittel eigenständig weiter nimmt oder die Dosis ohne oder gegen ärztliche Empfehlung steigert. Bei Benzodiazepinen beschreibt die Leitlinie außerdem eine Niedrigdosisabhängigkeit ohne Dosissteigerung, die sich durch belastende Beschwerden beim Absetzen zeigt.

Kann Pregabalin abhängig machen?

Ja. Laut Fachinformation kann Pregabalin eine Arzneimittelabhängigkeit verursachen, auch bei therapeutischen Dosen; über Missbrauch wurde berichtet, und nach Drogenmissbrauch in der Vorgeschichte kann das Risiko erhöht sein. Entzugssymptome nach dem Absetzen können auf eine Abhängigkeit hinweisen. Wenn Sie befürchten, abhängig zu werden, sollten Sie laut Packungsbeilage unbedingt mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sprechen.

Machen ADHS-Medikamente abhängig?

Methylphenidat hat laut Fachinformation ein Potenzial für Fehlgebrauch, Missbrauch und Zweckentfremdung; Fälle von Missbrauch und Abhängigkeit wurden beschrieben, und chronischer Missbrauch kann zu ausgeprägter Toleranz und seelischer Abhängigkeit führen. Behandelte sollten laut Fachinformation auf Zweckentfremdung, Fehlgebrauch und Missbrauch hin überwacht werden. Die Angaben zu weiteren ADHS-Mitteln stehen auf den jeweiligen Wirkstoffseiten.

Machen Neuroleptika süchtig?

Für Quetiapin wurden laut Fachinformation Fälle von nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch und Missbrauch berichtet; bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit in der Vorgeschichte ist Vorsicht geboten. Ein abruptes Absetzen von Antipsychotika, auch Neuroleptika genannt, kann laut S3-Leitlinie Schizophrenie viele körperliche und seelische Absetzerscheinungen auslösen. Ein vorbereitetes, langsames Verringern ist laut Leitlinie deshalb entscheidend für eine gute Verträglichkeit; es geschieht gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Was ist der Unterschied zwischen Entzug und Absetzsymptomen?

Eine körperliche Abhängigkeit zeigt sich laut S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen in Entzugserscheinungen oder einer Toleranz. Bei Benzodiazepinen unterscheidet die Leitlinie leichtere Absetzphänomene, einen Rückfall der ursprünglichen Beschwerden und eigentliche Entzugssymptome, die bedrohlich werden können; in der Praxis ist die Abgrenzung oft schwierig. Bei Antidepressiva liegt laut NVL formell keine Abhängigkeit vor, und laut Fachinformation von Paroxetin sind Absetzsymptome nicht damit gleichzusetzen, dass das Mittel abhängig macht. Die Fachinformationen von Sertralin und Tranylcypromin nennen aber eine Abhängigkeit als Nebenwirkung.

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