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Atypische Antipsychotika (zweite Generation)
Atypische Antipsychotika, auch Antipsychotika der zweiten Generation genannt, sind eine uneinheitliche Gruppe von Mitteln gegen Psychosen, zu der etwa Aripiprazol, Clozapin, Olanzapin, Quetiapin und Risperidon gehören. Gemeinsam ist ihnen laut S3-Leitlinie Schizophrenie ein insgesamt geringeres Risiko für Bewegungsstörungen, vor allem im Vergleich zu hochpotenten klassischen Mitteln; Gewichtszunahme ist bei ihnen laut Leitlinie ein sehr ernstes Problem. Wofür jeder Wirkstoff zugelassen ist, legt seine Fachinformation fest.

Als atypisch wurde zuerst Clozapin bezeichnet. Damals galten Bewegungsstörungen als Bedingung für die antipsychotische Wirkung, und die Forschung suchte nach Stoffen, die solche Störungen schon im Tierversuch auslösten (Katalepsie). Clozapin löste im Tierversuch keine Katalepsie aus, und in ersten Studien traten unter ihm auch bei hoher Dosis keine Bewegungsstörungen auf, mit der seltenen Ausnahme einer Akathisie. Danach wurden laut S3-Leitlinie Schizophrenie ähnliche Stoffe ohne das Risiko einer Agranulozytose gesucht, einer schweren Blutbildveränderung unter Clozapin; so entstanden etwa Olanzapin, Quetiapin und Risperidon, die man als atypische Antipsychotika zusammenfasste. [1, 6]
Später wurde der Begriff erweitert: Ein atypisches Mittel sollte zusätzlich Negativsymptome und Denk- und Gedächtnisprobleme verringern, bei Behandlungsresistenz wirken und wenig Spätdyskinesien und Prolaktinanstieg verursachen. Laut Leitlinie ist für keinen Wirkstoff außer Clozapin nachgewiesen, dass er alle diese Kriterien erfüllt, und Vorteile wie eine überlegene Wirkung gegen Negativsymptome ließen sich nicht überzeugend belegen. Die Gruppe ist sehr uneinheitlich; gemeinsam ist allen Mitteln ein insgesamt geringeres Risiko für Bewegungsstörungen bei vorhandener antipsychotischer Wirkung, was sie vor allem von den hochpotenten klassischen Mitteln abgrenzt. [1]
Die S3-Leitlinie hält den Begriff atypisch inzwischen für ausgehöhlt und rät, ihn allenfalls in seinem historischen Sinn zu gebrauchen. Sie spricht lieber von Antipsychotika der zweiten Generation, englisch abgekürzt SGA, im Unterschied zu denen der ersten Generation (FGA); auch die zweite Generation umfasst allerdings pharmakologisch sehr unterschiedliche Stoffe. Grundlage dieser Seite ist vor allem die S3-Leitlinie Schizophrenie der DGPPN, Version 5.0 vom 13. Juni 2026, laut Leitlinienübersicht der DGPPN gültig bis 12. Juli 2027; ihre Empfehlungen gelten für Menschen mit einer Schizophrenie. [1, 2]
Wie sie wirken
Wie alle Antipsychotika können die Mittel der zweiten Generation laut S3-Leitlinie Dopamin-D2-Rezeptoren im Gehirn besetzen. Bei Risperidon und anderen späteren Stoffen ahmte man Eigenschaften des Clozapins nach, die als besonders bedeutsam galten, etwa eine ausgeprägte Blockade des Serotonin-Rezeptors 5-HT2A, so die Leitlinie. Laut Fachinformation von Quetiapin ist die höhere Selektivität für Serotonin-5-HT2- im Vergleich zu Dopamin-D2-Rezeptoren vermutlich mitverantwortlich für seine antipsychotischen Eigenschaften und die gering ausgeprägten Bewegungsstörungen. [1, 10]
Im Einzelnen unterscheiden sich die Bindungsmuster deutlich. Aripiprazol und Cariprazin haben laut ihren Fachinformationen an Dopamin-Rezeptoren eine partiell agonistische Wirkung, regen sie also teilweise an; im Tiermodell wirkte Aripiprazol bei einem Überangebot an Dopamin hemmend und bei einem Mangel anregend. Amisulprid bindet laut Fachinformation gezielt an D2- und D3-Rezeptoren und nicht an Serotonin-, Histamin- oder Acetylcholin-Rezeptoren. Clozapin bindet laut Fachinformation nur schwach an D2-Rezeptoren, hemmt aber stark Alpha-Rezeptoren für Adrenalin und Noradrenalin sowie Acetylcholin- und Histamin-Rezeptoren; nach seiner geringen D2-Bindung zählt die S3-Leitlinie es zu den niedrigpotenten Antipsychotika. [1, 3, 4, 5, 6]
Wofür sie zugelassen sind
Die Anwendungsgebiete unterscheiden sich je Wirkstoff und teils je Darreichungsform. Die Tabelle fasst Abschnitt 4.1 der jeweiligen Fachinformation zusammen, alphabetisch und ohne Rangfolge; die genauen Bedingungen stehen auf den Wirkstoffseiten. Für Spritzen und Depotspritzen können eigene Anwendungsgebiete gelten, wie die Zeile zu Paliperidon zeigt.
| Wirkstoff | Zugelassen für |
|---|---|
| Amisulprid | akute und chronische Schizophrenie, sowohl mit Wahn, Halluzinationen und Denkstörungen als auch mit vorwiegend negativen Zuständen wie Gefühlsverflachung und Rückzug [3] |
| Aripiprazol | Schizophrenie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren; mäßige bis schwere manische Episoden der Bipolar-I-Störung bei Erwachsenen und, für bis zu 12 Wochen, bei Jugendlichen ab 13 Jahren; Vorbeugung neuer manischer Episoden bei Erwachsenen, die überwiegend manische Episoden hatten und deren manische Episoden auf Aripiprazol angesprochen haben [4] |
| Cariprazin | Schizophrenie bei Erwachsenen [5] |
| Clozapin | Schizophrenie, wenn mindestens zwei andere Antipsychotika, darunter ein atypisches, trotz angemessener Dosis und Dauer nicht ausreichend geholfen haben oder schwere, nicht behandelbare neurologische Nebenwirkungen auslösen; die Tabletten mit 100 mg auch bei Psychosen im Verlauf einer Parkinson-Krankheit, wenn die Standardbehandlung versagt hat [6] |
| Olanzapin | bei Erwachsenen: Schizophrenie, auch um eine Besserung aufrechtzuerhalten; mäßig schwere bis schwere manische Episoden; Vorbeugung neuer Krankheitsphasen bei bipolarer Störung, wenn eine manische Episode auf Olanzapin angesprochen hat [7] |
| Paliperidon | Retardtabletten: Schizophrenie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren und schizoaffektive Störungen bei Erwachsenen; Depotspritze: Erhaltungstherapie der Schizophrenie bei Erwachsenen, die auf Paliperidon oder Risperidon eingestellt sind, unter bestimmten Bedingungen auch ohne vorherige Einstellung auf eine Form zum Einnehmen [8, 9] |
| Quetiapin | Schizophrenie; bipolare Störung, und zwar mäßige bis schwere manische Episoden, schwere depressive Episoden und die Vorbeugung neuer Episoden bei Menschen, die zuvor auf Quetiapin angesprochen haben; nur als Retardtablette auch zusätzlich zu einem Antidepressivum bei einer Depression, die auf das Antidepressivum allein nicht ausreichend anspricht [10, 11] |
| Risperidon | Schizophrenie; mäßige bis schwere manische Episoden bei bipolaren Störungen; Kurzzeitbehandlung bis zu 6 Wochen von anhaltender Aggression bei mäßiger bis schwerer Alzheimer-Demenz und bei Kindern ab 5 Jahren und Jugendlichen mit Verhaltensstörung und unterdurchschnittlicher intellektueller Funktion, jeweils unter den Bedingungen der Fachinformation [12] |
| Tiaprid | nur Spätdyskinesien, vorwiegend im Bereich von Mund, Wangen und Zunge, die durch Neuroleptika ausgelöst wurden [13] |
| Ziprasidon | Schizophrenie bei Erwachsenen; manische oder gemischte Episoden bis zu einem mäßigen Schweregrad bei bipolaren Störungen bei Erwachsenen und bei Kindern und Jugendlichen von 10 bis 17 Jahren; eine Vorbeugung von Episoden ist laut Fachinformation nicht nachgewiesen [14] |
Wirkstoffe der Gruppe
Amisulpridz. B. SolianAkute und chronische Schizophrenie
Aripiprazolz. B. ABILIFY, Aripiprazol-ratiopharm Tabletten, Aripiprazol AbZ TablettenSchizophrenie, manische Episoden bei Bipolar-I-Störung
Cariprazinz. B. ReagilaSchizophrenie
Clozapinz. B. Clozapin AbZ, Clozapin-ratiopharm, ElcritSchizophrenie, wenn andere Antipsychotika nicht wirken oder nicht vertragen werden; Psychosen bei Parkinson-Krankheit, wenn andere Behandlungen erfolglos waren
Olanzapinz. B. Olanzapin AbZ, Olanzapin-CT, Olanzapin-ratiopharmSchizophrenie, manische Episoden, Vorbeugung bei bipolarer Störung
Paliperidonz. B. Invega, Paliperidon AbZ, Paliperidon ALSchizophrenie und schizoaffektive Störungen (Retardtabletten), Erhaltungstherapie der Schizophrenie (monatliche Depotspritze)
Quetiapinz. B. Quetiapin - 1 A Pharma Retardtabletten, Quetiapin-ratiopharm Filmtabletten, Quetiapin-ratiopharm RetardtablettenSchizophrenie, bipolare Störung, Zusatzbehandlung bei Depression (nur Retardtabletten)
Risperidonz. B. Risperdal, Risperdal Consta, Risperidon AbZSchizophrenie, Manie, anhaltende Aggression bei Alzheimer-Demenz und bei Kindern mit Verhaltensstörung
Tiapridz. B. Tiaprid STADA, Tiaprid AL, Tiaprid NIOSpätdyskinesien durch Neuroleptika
Ziprasidonz. B. Ziprasidon-neuraxpharm, Zeldox, Ziprasidon MylanSchizophrenie, Manie bei bipolarer Störung
Bei einer Behandlungsresistenz, wenn also eine Schizophrenie trotz angemessener Behandlung nicht ausreichend anspricht, soll laut S3-Leitlinie zunächst Clozapin allein angeboten werden. Weil es eine Agranulozytose verursachen kann, wird das Blutbild nach festen Vorgaben kontrolliert, in den ersten 18 Behandlungswochen wöchentlich. Bei vorwiegenden Negativsymptomen, also etwa Antriebsmangel und verflachtem Gefühlsausdruck, sollte nach der Leitlinie Amisulprid in niedriger Dosis oder Cariprazin angeboten werden. [1]
Tiaprid ist laut Fachinformation ein atypisches Neuroleptikum aus der Gruppe der Benzamide; zugelassen ist es nur bei Spätdyskinesien durch Neuroleptika. Als Depotspritze verwendet werden in Deutschland laut S3-Leitlinie unter anderem Aripiprazol, Olanzapin, Paliperidon und Risperidon; vor einer Depotbehandlung sollten Wirksamkeit und Verträglichkeit in einer mindestens mehrwöchigen Behandlung mit der Form zum Einnehmen gesichert sein. Mehr unter Depot-Antipsychotika. [1, 13]
Nebenwirkungen im Vergleich
Das Risiko für Bewegungsstörungen ist bei Mitteln der zweiten Generation insgesamt geringer als bei hochpotenten klassischen, Bewegungsstörungen kommen aber vor. Bei Aripiprazol, Risperidon, Paliperidon, Olanzapin, Amisulprid und Ziprasidon sind laut S3-Leitlinie Bewegungsstörungen beschrieben, die von der Dosis abhängen, und auch innerhalb der Gruppe unterscheidet sich das Risiko. [1]
Gewichtszunahme nennt die Leitlinie ein sehr ernstes Problem, besonders bei Mitteln der zweiten Generation; grundsätzlich könne man annehmen, dass die Mittel der ersten Generation als Gruppe zu weniger Gewichtszunahme führen. Die Blockade von Histamin-Rezeptoren gilt als eines der wichtigsten pharmakologischen Merkmale, die mit einer Gewichtszunahme zusammenhängen; daneben spielen weitere Rezeptoren eine Rolle. Bei einigen Wirkstoffen wird zusätzlich ein direkter Einfluss auf den Zuckerstoffwechsel diskutiert; Menschen mit Schizophrenie haben schon vor einer Behandlung ein erhöhtes Diabetesrisiko. Auch Herz, Hormone und Verdauung können betroffen sein, etwa durch eine Verlängerung der QTc-Zeit im EKG, einen Anstieg des Prolaktins oder Verstopfung. [1]
Bei Clozapin nennt die Leitlinie zusätzlich unter anderem Entzündungen des Herzmuskels, die in der Regel in den ersten vier Behandlungswochen auftreten, Verstopfung, die schwerwiegende Komplikationen wie einen Darmverschluss nach sich ziehen kann, vermehrten Speichelfluss und Krampfanfälle. Einzelheiten stehen auf der Seite Clozapin. [1]
Die Tabelle zeigt für jeden Wirkstoff der Gruppe mit geprüftem Datensatz die höchste Häufigkeitsangabe seiner Produktinformation, ohne Rangfolge; eine Häufigkeit sagt nichts darüber, wie stark eine Beschwerde ist. Weitere Beschwerden wie Müdigkeit und Bewegungsstörungen vergleicht die Seite Antipsychotika.
| Wirkstoff | Gewichtszunahme | Erhöhter Blutzucker | Erhöhte Blutfette | Erhöhtes Prolaktin | Herzrhythmusstörungen | Verstopfung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Amisulprid | Häufig | Gelegentlich | Gelegentlich | Häufig | Selten | Häufig |
| Aripiprazol | Nicht bekannt | Häufig | nicht genannt | Gelegentlich | Nicht bekannt | Häufig |
| Cariprazin | Häufig | Gelegentlich | Häufig | nicht genannt | Häufig | Häufig |
| Clozapin | Häufig | Selten | Sehr selten | nicht genannt | Selten | Sehr häufig |
| Olanzapin | Sehr häufig | Häufig | Häufig | Sehr häufig | Gelegentlich | Häufig |
| Paliperidon | Häufig | Häufig | Gelegentlich | Häufig | Gelegentlich | Häufig |
| Quetiapin | Sehr häufig | Häufig | Sehr häufig | Häufig | Gelegentlich | Häufig |
| Risperidon | Häufig | Gelegentlich | Gelegentlich | Häufig | Gelegentlich | Häufig |
| Tiaprid | Gelegentlich | nicht genannt | nicht genannt | Häufig | Selten | Gelegentlich |
| Ziprasidon | Häufig | nicht genannt | nicht genannt | Gelegentlich | Gelegentlich | Häufig |
Angaben aus der Packungsbeilage bzw. Fachinformation des jeweiligen Wirkstoffs; die Quellen stehen auf der Wirkstoffseite. "nicht genannt" heißt: Die Wirkstoffseite führt diese Beschwerde nicht als eigene Nebenwirkung mit Häufigkeit auf. Das bedeutet nicht, dass sie nicht auftreten kann; Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen der Produktinformation stehen ebenfalls auf der Wirkstoffseite. Maßgeblich ist die Packungsbeilage Ihres Präparats. Zeilen, die in der Produktinformation gesondert für Kinder oder Jugendliche aufgeführt sind, sind nicht berücksichtigt; sie stehen auf der Wirkstoffseite. Die Tabelle umfasst nur Wirkstoffe, die auf dieser Website mit geprüftem Datensatz beschrieben sind.
Mehr zu einzelnen Beschwerden: Gewichtszunahme, Blutzucker und Blutfette, Prolaktin, Herz und QT-Zeit, Unruhe und Akathisie und Blutbild.
Wirkungseintritt und Dauer

Bis sich der Zustand bessert, kann es laut den Fachinformationen von Olanzapin und Aripiprazol mehrere Tage bis einige Wochen dauern; in dieser Zeit sollten Patientinnen und Patienten eng überwacht werden. Bei Cariprazin wirken sich Änderungen der Dosis laut Fachinformation wegen der langen Halbwertszeit erst über mehrere Wochen vollständig im Blut aus. Für die Prüfung des Ansprechens, die Rückfallvorbeugung und die Dauer der Behandlung gelten die Empfehlungen der S3-Leitlinie für alle Antipsychotika, beschrieben unter Antipsychotika: Wirkungseintritt und Dauer. [4, 5, 7]
Absetzen
Mehrere Fachinformationen empfehlen, schrittweise abzusetzen. Bei Risperidon wird ein ausschleichendes Absetzen empfohlen. Nach abruptem Absetzen von Quetiapin wurden laut Fachinformation unter anderem Schlaflosigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Schwindel und Reizbarkeit beschrieben; empfohlen wird ein Ausschleichen über mindestens 1 bis 2 Wochen. Für Clozapin empfiehlt die Fachinformation eine schrittweise Verringerung über 1 bis 2 Wochen; muss es plötzlich abgesetzt werden, etwa wegen einer Blutbildveränderung, wird auf ein Wiederauftreten der Psychose und auf Beschwerden wie vermehrtes Schwitzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall geachtet. Nach plötzlichem Absetzen von Olanzapin wurden laut Fachinformation selten Schwitzen, Schlaflosigkeit, Zittern, Angst, Übelkeit oder Erbrechen berichtet. [6, 7, 10, 12]
Setzen Sie ein Antipsychotikum nie eigenmächtig ab; Verringern und Absetzen geschehen gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Was die S3-Leitlinie dazu sagt, steht unter Antipsychotika: Absetzen, ausführlich unter Antipsychotika absetzen.
Worauf Sie achten sollten
Suizidales Verhalten gehört laut den Fachinformationen von Aripiprazol und Cariprazin zu psychotischen Erkrankungen, bei Aripiprazol auch zu affektiven Störungen; es wurde in einigen Fällen nach Beginn oder Wechsel einer antipsychotischen Behandlung berichtet, bei Cariprazin im Allgemeinen frühzeitig. Bei hohem Risiko sollte die Behandlung eng überwacht werden. Für Quetiapin hält die Fachinformation fest, dass eine Depression mit einem erhöhten Risiko für Suizidgedanken und Selbstverletzung verbunden ist, das anhält, bis die Beschwerden deutlich abgeklungen sind; in Kurzzeitstudien bei schweren depressiven Episoden einer bipolaren Störung traten bei jungen Erwachsenen unter 25 Jahren unter Quetiapin häufiger suizidbezogene Ereignisse auf als unter einem Scheinmedikament. Laut dieser Fachinformation sollen Patientinnen und Patienten und ihre Betreuenden darauf hingewiesen werden, bei einer Verschlechterung, bei Suizidgedanken oder ungewöhnlichen Verhaltensänderungen unverzüglich ärztlichen Rat einzuholen. Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, holen Sie sich sofort Hilfe. [4, 5, 10]
Ältere Menschen mit Demenz
Laut den Fachinformationen ist das Sterblichkeitsrisiko älterer Menschen mit Demenz unter atypischen Antipsychotika erhöht; die Fachinformationen von Amisulprid, Clozapin und Ziprasidon sprechen von einem leicht beziehungsweise geringfügig erhöhten Risiko unter Antipsychotika. In Studien mit einigen atypischen Antipsychotika war bei Menschen mit Demenz außerdem das Risiko für Schlaganfälle und andere Durchblutungsstörungen des Gehirns erhöht. [3, 4, 5, 6, 7, 10, 12, 13, 14]
Außer Risperidon ist keines der Mittel auf dieser Seite laut Abschnitt 4.1 seiner Fachinformation für Beschwerden bei Demenz zugelassen. Für Amisulprid, Clozapin, Quetiapin, Tiaprid und Ziprasidon halten die Fachinformationen ausdrücklich fest, dass sie für Psychosen beziehungsweise Verhaltensstörungen bei Demenz nicht zugelassen sind, für Aripiprazol, dass es dafür nicht angezeigt ist; Olanzapin wird bei Psychosen und Verhaltensstörungen im Rahmen einer Demenz nicht empfohlen, Cariprazin nicht bei älteren Menschen mit Demenz. Bei Demenz ist Risperidon nur für die Kurzzeitbehandlung anhaltender Aggression im Rahmen einer Alzheimer-Demenz zugelassen; Menschen mit anderen Demenzformen sollen laut Fachinformation nicht mit Risperidon behandelt werden. Mehr unter Demenz. [3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14]
Blutzucker, Blutfette und Gewicht
Unter atypischen Antipsychotika wurde laut den Fachinformationen über einen erhöhten Blutzucker und die Entstehung oder Verschlechterung eines Diabetes berichtet, mitunter zusammen mit schweren Komplikationen wie einem Koma. Unter anderem die Fachinformationen von Olanzapin, Quetiapin und Aripiprazol sehen vor, auf Anzeichen wie starken Durst, häufiges Wasserlassen, Heißhunger und Schwäche zu achten. Laut Fachinformation von Quetiapin sollten Gewicht, Blutzucker und Blutfette zu Beginn bewertet und während der Behandlung regelmäßig kontrolliert werden; die Fachinformation von Olanzapin nennt dafür beispielhafte Kontrolltermine. Bei einer Schizophrenie sollen laut S3-Leitlinie zu Beginn oder spätestens bei einer Gewichtszunahme um mehr als 3 Prozent Ernährungsberatung, Psychoedukation und Bewegungsprogramme angeboten werden. [1, 4, 7, 10]
Missbrauch, Schwangerschaft und Kinder
Bei Quetiapin wurden laut Fachinformation Fälle von nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch und Missbrauch berichtet; bei Menschen mit einer Alkohol- oder Drogenabhängigkeit in der Vorgeschichte ist bei der Verschreibung Vorsicht geboten. [10]
Auf seiner Informationsseite zu Psychosen nennt Embryotox unter "Mittel der Wahl" viele atypische Antipsychotika, insbesondere Quetiapin, als geeignet für Schwangerschaft und Wochenbett. Wechseln Sie nicht selbst, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Was sonst in Schwangerschaft und Stillzeit gilt, steht unter Antipsychotika: Worauf Sie achten sollten. Für Kinder und Jugendliche gelten die Altersgrenzen der Tabelle oben; Hinweise für Eltern stehen unter Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen. [15]
Abgrenzung zu verwandten Gruppen
Den Mitteln der zweiten Generation stehen die der ersten Generation gegenüber, auf dieser Website eingeteilt in hochpotente und nieder- und mittelpotente Antipsychotika. Dass Bewegungsstörungen unter Mitteln der zweiten Generation insgesamt seltener sind, gilt laut S3-Leitlinie besonders im Vergleich zu den hochpotenten klassischen Mitteln. Sulpirid, das hier zu den nieder- und mittelpotenten zählt, stufen nach Angabe der Leitlinie viele Autoren eher als atypisch ein. Einen Überblick über alle Gruppen gibt die Seite Antipsychotika. [1]
Vom deutschen Markt genommen: Lurasidon
Lurasidon (Latuda) brachte der Hersteller Takeda im November 2014 in Deutschland auf den Markt und nahm es laut Fachpresse im März 2015, nach rund vier Monaten, wieder zurück. Laut dem Bericht sah das Unternehmen nach der Nutzenbewertung keine Möglichkeit, das Präparat in Deutschland zu einem wirtschaftlichen Preis anzubieten. [18]
Die Zulassung in der Europäischen Union besteht laut EMA weiter; Inhaber der Zulassung ist Angelini. Laut EU-Fachinformation ist Lurasidon zur Behandlung der Schizophrenie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 13 Jahren zugelassen. Die S3-Leitlinie Schizophrenie schreibt in Fußnoten zu drei Tabellen (S. 47, 49 und 50), Lurasidon sei in Deutschland für die Behandlung der Schizophrenie zugelassen, könne aber nicht zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden; im Abschnitt zu den Nebenwirkungen (S. 94) nennt sie es "in Deutschland nicht mehr verfügbar". [1, 16, 17]
Quellen
- Leitlinie S3-Leitlinie Schizophrenie, Living Guideline, Langfassung, Version 5.0 (AWMF-Registernummer 038-009). Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Stand Version 5.0, Fassung vom 13.06.2026 (veröffentlicht 15.07.2026); laut DGPPN-Übersicht gültig bis 12.07.2027. abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinien (Übersicht der S3-Leitlinien mit Gültigkeit), Eintrag Schizophrenie. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Solian 100 mg/200 mg Tabletten, Solian 400 mg Filmtabletten. Sanofi-Aventis Deutschland GmbH. Stand 05/2023. abgerufen am 23.10.2026
- EMA-Produktinformation ABILIFY (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation) ABILIFY Tabletten. Otsuka Pharmaceutical Netherlands B.V. (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 01/2026. abgerufen am 23.10.2026
- EMA-Produktinformation Reagila (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation) Reagila Hartkapseln und Schmelztabletten. Gedeon Richter Plc. (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 01/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Clozapin-ratiopharm 100 mg und 200 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 06/2026 (Version 7). abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Olanzapin-ratiopharm Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 07/2020 (Version 4). abgerufen am 23.10.2026
- EMA-Produktinformation Xeplion (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation). Janssen-Cilag International NV (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 07/2024. abgerufen am 23.10.2026
- EMA-Produktinformation Invega (EPAR), Anhang I: Fachinformation Invega Retardtabletten, Abschnitt 4.1. Janssen-Cilag International NV (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 07/2024. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Quetiapin-ratiopharm Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 05/2024 (Version 10). abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Quetiapin-ratiopharm Filmtabletten (25/100/150/200/300 mg). ratiopharm GmbH. Stand 05/2024 (Version 8). abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Risperidon AbZ Filmtabletten. AbZ-Pharma GmbH. Stand 03/2026 (Version 3). abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Tiaprid STADA 100 mg Tabletten. STADAPHARM GmbH. Stand 04/2023. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Ziprasidon-neuraxpharm 20 mg/40 mg/60 mg/80 mg Hartkapseln. neuraxpharm Arzneimittel GmbH. Stand 09/2020. abgerufen am 23.10.2026
- Embryotox: Psychosen. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Universitätsmedizin Berlin. abgerufen am 23.10.2026
- EMA-Produktinformation Latuda (Lurasidon): EPAR, Status zugelassen, Zulassungsinhaber Angelini. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). abgerufen am 23.10.2026
- EMA-Produktinformation Latuda (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation), Abschnitt 4.1. Angelini Pharma S.p.A. (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 05/2026 (zuletzt aktualisiert 08.05.2026). abgerufen am 23.10.2026
- Neuroleptika: Latuda: Aus nach vier Monaten (Bericht mit Herstellerangabe). APOTHEKE ADHOC. Stand 02.03.2015. abgerufen am 23.10.2026
Häufige Fragen
Was sind atypische Neuroleptika?
So heißen Antipsychotika, die sich bei den Bewegungsstörungen "atypisch" verhalten: Der Begriff entstand mit Clozapin, das kaum Bewegungsstörungen auslöste. Heute fasst er laut S3-Leitlinie Schizophrenie eine sehr uneinheitliche Gruppe zusammen, deren gemeinsames Merkmal ein insgesamt geringeres Risiko für Bewegungsstörungen ist. Die Leitlinie spricht lieber von Antipsychotika der zweiten Generation.
Was ist der Unterschied zwischen typischen und atypischen Neuroleptika?
Typische oder klassische Antipsychotika sind die Mittel der ersten Generation, etwa Haloperidol. Mittel der zweiten Generation lösen laut S3-Leitlinie insgesamt seltener Bewegungsstörungen aus, besonders im Vergleich zu hochpotenten klassischen Mitteln; laut Leitlinie kann aber grundsätzlich angenommen werden, dass sie als Gruppe eher zu Gewichtszunahme führen. Vorteile wie eine bessere Wirkung gegen Negativsymptome ließen sich laut Leitlinie nicht überzeugend belegen, und auch innerhalb der zweiten Generation unterscheiden sich die Wirkstoffe, etwa im Risiko für Bewegungsstörungen.
Welche atypischen Antipsychotika gibt es?
Auf dieser Website zählen dazu Amisulprid, Aripiprazol, Cariprazin, Clozapin, Olanzapin, Paliperidon, Quetiapin, Risperidon, Tiaprid und Ziprasidon. Zugelassen sind sie für unterschiedliche Anwendungsgebiete, Tiaprid etwa nur für Spätdyskinesien durch Neuroleptika; die Tabelle auf dieser Seite fasst die Zulassungen zusammen. Lurasidon nahm der Hersteller laut Fachpresse 2015 vom deutschen Markt.
Machen atypische Antipsychotika dick?
Gewichtszunahme ist laut S3-Leitlinie ein sehr ernstes Problem, besonders bei Mitteln der zweiten Generation, aber nicht bei jedem Wirkstoff gleich ausgeprägt; wie häufig die Produktinformationen sie angeben, zeigt die Tabelle auf dieser Seite. Bei einer Schizophrenie sollen laut Leitlinie zu Beginn oder spätestens bei einer Zunahme um mehr als 3 Prozent Ernährungsberatung, Psychoedukation und Bewegungsprogramme angeboten werden. Setzen Sie wegen des Gewichts nichts eigenmächtig ab, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Sind atypische Antipsychotika besser verträglich?
Pauschal lässt sich das nicht sagen. Mittel der zweiten Generation lösen laut S3-Leitlinie insgesamt seltener Bewegungsstörungen aus; zugleich kann laut Leitlinie grundsätzlich angenommen werden, dass sie als Gruppe eher zu Gewichtszunahme führen als Mittel der ersten Generation, und die einzelnen Wirkstoffe unterscheiden sich deutlich. Die Leitlinie sieht vor, das Mittel gemeinsam mit Ihnen auszuwählen, unter anderem nach möglichen Nebenwirkungen und Ihren früheren Erfahrungen.
Welche atypischen Antipsychotika gibt es als Depotspritze?
In Deutschland verwendet werden laut S3-Leitlinie unter anderem Depotformen von Aripiprazol, Olanzapin, Paliperidon und Risperidon. Vor einer Depotbehandlung sollten Wirksamkeit und Verträglichkeit laut Leitlinie in einer mindestens mehrwöchigen Behandlung mit der Form zum Einnehmen gesichert sein. Mehr auf der Seite Depot-Antipsychotika.
Gibt es Lurasidon in Deutschland?
Lurasidon (Latuda) nahm der Hersteller Takeda laut Fachpresse im März 2015, rund vier Monate nach der Markteinführung, wieder vom deutschen Markt. Die EU-Zulassung besteht laut EMA weiter. Die S3-Leitlinie Schizophrenie nennt Lurasidon in Tabellenfußnoten (S. 47, 49 und 50) in Deutschland zugelassen, aber nicht zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig, auf S. 94 "in Deutschland nicht mehr verfügbar".
Kann man Quetiapin zum Schlafen nehmen?
Zugelassen ist Quetiapin laut Fachinformation nur für die Schizophrenie, die bipolare Störung und, als Retardtablette, zusätzlich zu einem Antidepressivum bei einer Depression; für Schlafstörungen ist es nicht zugelassen. Laut Fachinformation wurden Fälle von nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch und Missbrauch berichtet. Wenn Sie schlecht schlafen, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; einen Überblick gibt die Seite Schlafmittel.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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Wirkstoffgruppen Hochpotente klassische AntipsychotikaHochpotente Antipsychotika binden stark an Dopamin-Rezeptoren.
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Wirkstoffgruppen Nieder- und mittelpotente AntipsychotikaNiederpotente Antipsychotika binden schwächer an Dopamin-Rezeptoren.
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Wirkstoffgruppen Depot-AntipsychotikaDepot-Antipsychotika werden als Spritze in den Muskel gegeben und wirken lange.
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