ErkrankungenErkrankung
Essstörungen: Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung
Essstörungen sind psychische Erkrankungen, bei denen das Essverhalten und das Verhältnis zum eigenen Körper so gestört sind, dass ernste gesundheitliche Folgen entstehen; am häufigsten sind Magersucht (Anorexie), Bulimie und die Binge-Eating-Störung. Im Mittelpunkt der Behandlung steht eine Psychotherapie bei Fachleuten mit Erfahrung in Essstörungen; Medikamente kommen nur ergänzend infrage, zugelassen ist dafür nur Fluoxetin bei Bulimie von Erwachsenen zusammen mit einer Psychotherapie. Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, gibt es sofort Hilfe, etwa über den Notruf 112 oder die TelefonSeelsorge.

Essstörungen sind psychische Erkrankungen, bei denen die Art und Weise, wie und wie viel jemand isst, zu ernsten gesundheitlichen Problemen führt. Weil sie immer eine psychische Seite haben, zählen sie laut IQWiG nicht zu den Verdauungs- oder Stoffwechselkrankheiten, auch wenn die körperlichen Folgen ähnlich sein können [2]. Die drei häufigsten Essstörungen sind Magersucht (Anorexia nervosa, kurz Anorexie), Bulimie (Bulimia nervosa, auch Ess-Brech-Sucht) und die Binge-Eating-Störung. Oft treten auch besondere Formen auf, bei denen nicht alle typischen Symptome zutreffen, oder im Laufe des Lebens folgt eine Essstörung auf eine andere [2].
Die ICD-10-GM, die deutsche Fassung der internationalen Klassifikation der Krankheiten, führt die Essstörungen unter F50. Sie unterscheidet unter anderem die Anorexia nervosa (F50.0-) mit einem restriktiven und einem aktiven Typ, die atypische Anorexia nervosa (F50.1), die Bulimia nervosa (F50.2), die atypische Bulimia nervosa (F50.3) und Essattacken bei anderen psychischen Störungen (F50.4) [1]. Eine eigene Schlüsselnummer für die Binge-Eating-Störung enthält die ICD-10-GM nicht [1]. Die Fütterstörung im Kleinkind- und Kindesalter ist eigens unter F98.2 eingeordnet [1].
Es lässt sich laut IQWiG nicht genau sagen, wie viele Menschen eine Essstörung haben; Befragungen und Behandlungsdaten sprechen dafür, dass in Deutschland etwas mehr als 1 Prozent der Bevölkerung betroffen ist. Bulimie und vor allem die Binge-Eating-Störung sind wahrscheinlich häufiger als Magersucht [2]. Von 1000 Mädchen und jungen Frauen haben etwa 4 eine Magersucht und etwa 15 eine Bulimie [3, 4]. Etwa 1 Prozent der Bevölkerung hat eine Binge-Eating-Störung; hier sind laut IQWiG ein Drittel oder mehr der Betroffenen männlich [5]. Am häufigsten erkranken Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch Kinder und ältere Erwachsene können betroffen sein [2].
Für Diagnostik und Behandlung gibt es die deutsche S3-Leitlinie "Diagnostik und Therapie der Essstörungen" der Fachgesellschaften; die federführende Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) verweist dafür nur auf das Leitlinienregister der AWMF [14]. Frei zugänglich ist eine Übersichtsarbeit von Autorinnen und Autoren der Leitlinie vom Januar 2019, die die Empfehlungen der überarbeiteten Fassung zur Magersucht mit ihren Empfehlungsgraden zusammenfasst; auf diese Zusammenfassung stützen sich die Angaben zur Leitlinie auf dieser Seite [8]. Das IQWiG nennt für die Leitlinie den Stand 2018 und gibt an, dass sie überarbeitet wird [3]. Ein Gültigkeitsdatum nennen diese Quellen nicht.
Anzeichen einer Essstörung
Je nach Essstörung können unterschiedliche Beschwerden auftreten. Bei allen Essstörungen kommt es laut IQWiG aber zu Auffälligkeiten im Verhalten, in Gefühlen und Gedanken und am Körper [2]:
- Verhalten: ein verändertes Essverhalten, zum Beispiel heimliches oder sehr langsames Essen, Essanfälle oder der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel bis hin zu strengem Fasten; manche Betroffene versuchen, aufgenommene Nahrung wieder loszuwerden (Purging), etwa durch Erbrechen oder sehr viel Sport; viele ziehen sich zurück [2]
- Gefühle und Gedanken: Scham, Niedergeschlagenheit oder Ekel, Angst und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, oft ein übertriebenes Schlankheitsideal und Unzufriedenheit mit der Figur, auch bei überdurchschnittlich schlanken oder sportlichen Menschen [2]
- Körper: das Gewicht kann sich verändern, muss es aber nicht; durch Mangelernährung sind unter anderem Hautprobleme, Haarausfall und bei Frauen das Ausbleiben der Periode möglich [2]
| Essstörung | Kennzeichen | Körpergewicht |
|---|---|---|
| Magersucht (Anorexia nervosa, F50.0-) | ein absichtlich herbeigeführter oder aufrechterhaltener Gewichtsverlust; die Angst, dick zu sein, besteht als tief verwurzelte überwertige Idee, und Betroffene legen für sich eine sehr niedrige Gewichtsschwelle fest [1]; die Gedanken kreisen immer mehr um Essen und Figur, der eigene Körper wird oft ganz anders wahrgenommen als vom Umfeld [3] | typischerweise Untergewicht; vor allem zu Beginn muss das nicht so sein [3] |
| Bulimie (Bulimia nervosa, F50.2) | wiederholte Anfälle von Heißhunger und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts, daraus ein Verhaltensmuster von Essanfällen und Gegenmaßnahmen wie Erbrechen; die Sorge um Körperform und Gewicht ähnelt der bei Magersucht [1] | meist unauffällig, kann aber auch leicht erhöht oder etwas zu gering sein [4] |
| Binge-Eating-Störung | regelmäßige Essanfälle mit dem Gefühl, die Kontrolle über das Essen zu verlieren, oft schnell, ohne Hunger und heimlich; danach Niedergeschlagenheit, Ekel und Schuldgefühle; anders als bei der Bulimie keine Gegenmaßnahmen nach dem Anfall [5] | die meisten Betroffenen haben Übergewicht [5] |
Bei der atypischen Anorexia nervosa erfüllt das Bild laut ICD-10-GM einige, aber nicht alle Kriterien; es kann zum Beispiel die ausgeprägte Angst vor dem Dicksein fehlen, obwohl ein erheblicher Gewichtsverlust und gewichtsreduzierendes Verhalten bestehen [1]. Bei der Magersucht gibt es laut IQWiG auch Betroffene mit zwischenzeitlichen Essanfällen; manche erleben schon kleine Mahlzeiten als Essanfall [3]. Auch bei Jungen und Männern sind Essstörungen laut IQWiG keine Seltenheit; möglicherweise sind sie öfter betroffen als bislang erfasst [2].
Woran Angehörige eine Essstörung bemerken können
Eltern fällt laut IQWiG oft zuerst auf, dass sich ihr Kind zurückzieht und weniger offen mit ihnen spricht, häufiger Ausreden hat, um nicht essen zu müssen, oder behauptet, schon bei Freunden gegessen zu haben [7]. Manche Betroffene nehmen nur widerwillig an gemeinsamen Mahlzeiten teil, spucken Essen heimlich aus oder wiegen sich sehr oft [3]. Einer Bulimie sieht man den Menschen meist nicht an, weil das Gewicht oft unauffällig bleibt und die Anfälle häufig niemand mitbekommt [4].
Ursachen und Risiken
Bei einer Essstörung kommen laut IQWiG meist mehrere Ursachen zusammen, ähnlich den Teilen eines Puzzles. Dazu zählen unter anderem eine erbliche Veranlagung, krisenhafte Erfahrungen und bestimmte Muster im Umgang mit Konflikten und Problemen [2, 3]. Eine Rolle kann auch die Bedeutung spielen, die Essen und Körpergewicht in der Erziehung hatten, etwa wenn Essen oft als Belohnung diente oder strenge Diäten gehalten wurden. Bestimmte Sportarten, vor allem auf Leistungssport-Niveau, können das Risiko erhöhen [2].
Ob es zu einer Essstörung kommt, hängt meist auch von Auslösern ab. Das können laut IQWiG die körperlichen und emotionalen Veränderungen in der Pubertät sein, Krisen in der Partnerschaft oder eine Überlastung in Schule oder Beruf [2]. Bei einer Magersucht ist ein typischer Auslöser der Beginn der Pubertät; auf die Figur bezogenes Mobbing kann hinzukommen. Viele Betroffene waren schon vorher mit Figur und Gewicht unzufrieden [3]. Wer als Kind übergewichtig war, hat ein erhöhtes Risiko, als Teenager oder junger Erwachsener eine Bulimie zu entwickeln [4]. Bei der Binge-Eating-Störung gelten häufige Diäten, etwa in der Kindheit, und belastende Erfahrungen wie Schulstress oder eine Trennung der Eltern als Risikofaktoren [5].
Eltern fragen sich oft, ob sie schuld sind. Eine Essstörung hat laut IQWiG nie nur eine Ursache, und sie entsteht nicht allein dadurch, dass man einmal etwas Unpassendes oder Verletzendes gesagt hat [7].
Wie die Diagnose gestellt wird
Die Diagnose stellen ärztliche oder psychotherapeutische Fachleute [2]. Erste Anlaufstellen sind laut IQWiG die Hausarztpraxis, die Kinder- und Jugendarztpraxis, psychotherapeutische Praxen und Beratungsstellen; über die psychotherapeutische Sprechstunde lässt sich auch ohne Überweisung ein erstes Gespräch vereinbaren [3, 6]. Bis zur Diagnose dauert es oft lange: Betroffene verheimlichen ihre Erkrankung häufig, und die Diagnose beruht vor allem auf ihren eigenen Angaben zum Essverhalten, zu Gefühlen und Erfahrungen, bei Kindern auch auf denen der Eltern [2].
Um einzuschätzen, ob ein Arztbesuch sinnvoll ist, nennt das IQWiG einige Fragen: Beschäftige ich mich sehr intensiv und zeitraubend mit dem Thema Essen? Mache ich mir oft Sorgen, ich könnte zu dick sein? Habe ich manchmal das Gefühl, beim Essen die Kontrolle zu verlieren? Möchte meine Tochter oder mein Sohn nicht mehr an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen oder zieht sich danach oft auf die Toilette zurück? Ein einzelnes Ja bedeutet nicht zwingend eine Essstörung; bei Unsicherheit und vor allem wenn mehrere Kriterien zutreffen, ist ärztlicher oder psychotherapeutischer Rat nötig [2].
Zur Diagnostik gehören neben ausführlichen Gesprächen körperliche Untersuchungen. Die Ärztin oder der Arzt prüft auch, ob andere Gründe für die Beschwerden vorliegen, zum Beispiel eine Nahrungsmittelallergie, eine Schilddrüsenerkrankung oder andere psychische Erkrankungen wie eine Depression, die den Appetit beeinflussen können [3, 5]. Oft werden Bluttests oder weitere Untersuchungen gemacht, um zu prüfen, ob Organe geschädigt sind; bei einer Bulimie ist in der Regel auch ein Besuch in der Zahnarztpraxis nötig [3, 4]. Bei Magersucht empfiehlt die überarbeitete S3-Leitlinie laut der Zusammenfassung, begleitende Erkrankungen systematisch zu erfassen und in der Behandlung zu berücksichtigen (Expertenkonsens) [8]. Fast die Hälfte aller Menschen mit Magersucht hat laut IQWiG zusätzlich eine Depression, eine Sucht-, Angst- oder Zwangserkrankung [2].
Behandlung im Überblick
Fachleute empfehlen bei Essstörungen vor allem eine Psychotherapie; wichtig ist laut IQWiG, dass die Therapeutin oder der Therapeut Erfahrung mit der jeweiligen Essstörung hat [3, 4, 5, 6]. Welche Behandlung infrage kommt und ob sie ambulant, in einer Tagesklinik oder in einer Klinik stattfindet, hängt laut IQWiG vor allem von der Art der Essstörung, dem Alter und der Schwere ab. Gründe für einen Klinikaufenthalt können zum Beispiel starkes Untergewicht, mehrmals tägliche Essanfälle oder Gedanken und Absichten sein, sich das Leben zu nehmen (siehe Wann Sie sofort Hilfe brauchen) [6]. Eine frühe Behandlung ist wichtig, um schwerwiegende Folgen zu verhindern [6].
| Essstörung | Was empfohlen wird |
|---|---|
| Magersucht | ambulant als erste Wahl eine evidenzbasierte Psychotherapie durch Behandelnde mit Erfahrung in Essstörungen: bei Kindern und Jugendlichen familienbasierte Therapie, bei Erwachsenen eines von mehreren geprüften Verfahren, darunter eine erweiterte kognitive Verhaltenstherapie und eine fokale psychodynamische Therapie (Empfehlungsgrad B); die zwiespältige Haltung gegenüber Veränderung (Ambivalenz) und die Motivation sind während der ganzen Behandlung zentrale Aufgabe (Empfehlungsgrad A) [8]; ein wieder gesundes Gewicht ist ein wichtiger Baustein, dabei werden auch Blutwerte kontrolliert [3] |
| Bulimie | Psychotherapie, am ehesten eine kognitive Verhaltenstherapie, manchmal mit tiefenpsychologischem Ansatz; bei Kindern und Jugendlichen wird in der Regel die Familie einbezogen; oft zusätzlich Informationen zu gesunder Ernährung oder Ernährungsberatung [4] |
| Binge-Eating-Störung | vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie, manchmal andere Verfahren wie ein tiefenpsychologischer Ansatz; bei Übergewicht können Ernährungsberatung und Sport hinzukommen, zusammen mit einem weniger kritischen Umgang mit der eigenen Figur [5] |
Ein spezialisiertes Verfahren für die Magersucht ist einem anderen laut der Übersichtsarbeit nicht nachweislich überlegen [8]. Für eine stationäre Behandlung empfiehlt die überarbeitete Leitlinie Einrichtungen, die ein spezialisiertes Programm aus mehreren Bausteinen (multimodal) anbieten können (Empfehlungsgrad A). Zum Ende einer stationären Behandlung empfiehlt die Leitlinie, dass Betroffene ihr Gewicht zumindest eine Zeit lang halten und auf den Übergang in die ambulante Behandlung vorbereitet werden, um einen Rückfall weniger wahrscheinlich zu machen (Empfehlungsgrad B). Für Kinder und Jugendliche empfiehlt sie, nach kurzer stationärer Behandlung mit ausreichender körperlicher Stabilisierung einen Wechsel in eine Tagesklinik zu erwägen, wenn dasselbe Team weiterbehandelt und die Angehörigen eng einbezogen sind (Empfehlungsgrad A) [8].
Erwachsene mit Bulimie oder Binge-Eating-Störung können laut IQWiG zu Hause eine strukturierte Selbsthilfe nutzen, etwa um die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken: Informationsmaterial und Anleitungen für Übungen, die an eine kognitive Verhaltenstherapie angelehnt sind [4, 5]. Bei Magersucht reicht das in der Regel nicht aus [3]. Manchmal ist bei Lebensgefahr eine Behandlung gegen den Willen der erkrankten Person nötig; ob das so ist, beurteilen Ärztinnen und Ärzte, und eine Richterin oder ein Richter muss immer zustimmen [6]. Mehr unter Psychotherapie und Medikamente, Klinik und Tagesklinik und Unterbringung und Zwangsbehandlung.
Medikamente bei Essstörungen
Medikamente werden bei Essstörungen laut IQWiG ausschließlich ergänzend zu einer Psychotherapie empfohlen [6]. Sie bekämpfen laut BIÖG nicht die Ursachen und Auslöser einer Essstörung, sondern lindern Beschwerden oder Folgen, die häufig mit ihr einhergehen [13]. Begleitende Erkrankungen wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen werden mitbehandelt, dabei können auch Medikamente hinzukommen [6]. Zugelassen ist für Essstörungen in Deutschland nur ein Wirkstoff: Fluoxetin, und nur bei Bulimie von Erwachsenen als Ergänzung zu einer Psychotherapie [9, 13]. Für Magersucht und Binge-Eating-Störung hat kein Psychopharmakon eine Zulassung [13].
| Essstörung | Was die Quellen dazu sagen | Zulassung laut Fachinformation | Zu beachten (Beispiele) |
|---|---|---|---|
| Bulimie | reicht eine Psychotherapie nicht aus, kann zusätzlich versucht werden, die Ess-Brech-Anfälle mit Medikamenten zu verringern [4] | Fluoxetin: bei Erwachsenen als Ergänzung zu einer Psychotherapie, um Essattacken und selbst herbeigeführtes Erbrechen zu verringern [9] | Fluoxetin laut Fachinformation sehr häufig unter anderem Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Durchfall und Übelkeit; zu Suizidgedanken bei Antidepressiva siehe Wann Sie sofort Hilfe brauchen [9] |
| Magersucht | Antipsychotika (Neuroleptika) sind nicht geeignet, um eine Gewichtszunahme zu erreichen (Empfehlungsgrad A); Antidepressiva werden dafür nicht empfohlen, auch nicht zur Rückfallvorbeugung (Empfehlungsgrad A). Kreisen die Gedanken stark um Gewichtsangst und Essen und lässt sich ein übermäßiger Bewegungsdrang nicht anders beherrschen, kann im Einzelfall ein Versuch mit einem niedrig dosierten Antipsychotikum, vor allem Olanzapin, gerechtfertigt sein (Empfehlungsgrad 0), begrenzt auf die Dauer dieser Beschwerden und im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans; über den Einsatz außerhalb der Zulassung muss aufgeklärt werden [8] | Olanzapin ist laut Fachinformation nur bei Schizophrenie, manischen Episoden und zur Vorbeugung bei bipolarer Störung zugelassen, für Magersucht nicht zugelassen [10]; keines der Mittel ist laut IQWiG für Magersucht zugelassen [3] | Olanzapin laut Fachinformation sehr häufig unter anderem Schläfrigkeit und Gewichtszunahme [10] |
| Binge-Eating-Störung | Medikamente spielen eine eher geringe Rolle; hilft eine Psychotherapie nicht ausreichend, kommen laut IQWiG das ADHS-Medikament Lisdexamfetamin, bestimmte Antidepressiva und Mittel gegen Epilepsie infrage [5] | keines dieser Mittel ist für die Binge-Eating-Störung zugelassen, eine Verordnung ist nur außerhalb der Zulassung (off-label) möglich [5]; Lisdexamfetamin ist laut Fachinformation nur bei ADHS zugelassen [11] | Lisdexamfetamin laut Fachinformation sehr häufig unter anderem verminderter Appetit, Schlafstörungen, Mundtrockenheit und Kopfschmerzen [11] |
Bei Magersucht gibt es laut der Übersichtsarbeit bisher keine überzeugenden Belege, dass Medikamente die Kernsymptome bessern [8]. Wird ein Mittel außerhalb seiner Zulassung verordnet, ist laut BIÖG vorher eine umfassende Beratung und Aufklärung Pflicht, etwa zu Erfahrungen mit dem Wirkstoff bei dieser Essstörung, zu möglichen Vorteilen und belastenden Nebenwirkungen; die Anwendung sollte fachärztlich begleitet werden [13]. Bei Mangelernährung kann laut BIÖG vorübergehend eine gezielte, ärztlich verordnete Nahrungsergänzung nötig sein, zum Beispiel Zink nur bei Anzeichen eines Zinkmangels; von frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln rät das BIÖG ab [13].
Welche Nebenwirkungen die Packungsbeilagen nennen und wie die Mittel dosiert werden, steht auf den Wirkstoffseiten. Ob ein Medikament für Sie infrage kommt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; ändern oder beenden Sie eine Behandlung nicht eigenständig. Mehr unter SSRI und Gewichtszunahme durch Psychopharmaka.
Verlauf und Rückfall vorbeugen
Unbehandelt bleibt eine Essstörung laut IQWiG meist über Jahre bestehen, mit Phasen, in denen sie stärker oder schwächer ist; manchmal verschwindet sie von allein [2]. Ohne Behandlung verläuft eine Magersucht häufig chronisch, also schleichend schlechter, auch wenn sich das Essverhalten phasenweise etwas stabilisieren kann [3]. Ungünstig wirkt sich wahrscheinlich aus, wenn die Behandlung erst spät beginnt [3]. Auch eine Bulimie verläuft ohne Behandlung meist chronisch, die Binge-Eating-Störung oft [4, 5]. Bis eine Behandlung der Magersucht insgesamt abgeschlossen ist, kann es laut IQWiG Jahre dauern [3].
Alle Essstörungen können vor allem über Unter- oder Übergewicht schwere gesundheitliche Folgen haben. Von allen psychischen Erkrankungen kommt es laut IQWiG bei Essstörungen am häufigsten zu lebensbedrohlichen Komplikationen [2]. Mangelernährung kann bei Magersucht Wachstum und Entwicklung verzögern und Organe wie die Leber schädigen [2, 3]. Wiederholtes Erbrechen kann laut ICD-10-GM zu Störungen des Salzhaushalts (Elektrolytstörungen) und körperlichen Komplikationen führen [1]; die Magensäure greift Schleimhäute und Zähne an [4]. Der Missbrauch von Medikamenten, um nicht zuzunehmen, erhöht laut IQWiG das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Kreislaufprobleme und Nierenschäden [4]. Übergewicht bei einer Binge-Eating-Störung erhöht unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes [5].
Nach einer Therapie ist es wichtig, aufmerksam zu bleiben, ob sich alte Denk- und Verhaltensmuster einschleichen. Die Vorbereitung auf einen möglichen Rückfall ist laut IQWiG in der Regel fester Bestandteil der Behandlung, viele Behandelnde bleiben noch eine Zeit lang in Kontakt [2]. Nach einem Klinikaufenthalt bei Magersucht können sich ein Aufenthalt in einer Tagesklinik und ambulante Termine anschließen [3]. Mehr unter Wie lange behandeln?
Selbsthilfe und Alltag

Vielen Menschen mit einer Essstörung hilft laut IQWiG der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen, die sich zum Beispiel in Räumen von Beratungsstellen treffen; es gibt auch digitale Gruppen [3, 5]. Wichtig ist darauf zu achten, dass Gruppen, Foren und Communities die Genesung unterstützen und nicht zum Beispiel Untergewicht verherrlichen [3]. Nach einer Behandlung unterstützen Fachleute oft beim Wiedereinstieg in Schule, Ausbildung oder Beruf [4].
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) bietet Informationen und ein Beratungstelefon zu Essstörungen an, außerdem Hinweise auf Online-Beratung und Beratungsstellen vor Ort [12, 15]. Online-Beratung bietet laut BIÖG das höchste Maß an Anonymität; in einer Beratungsstelle erhalten Betroffene und Angehörige im persönlichen Gespräch Informationen und Hilfe [12].
Für Angehörige
Eine Essstörung belastet oft die ganze Familie; gemeinsame Mahlzeiten können laut IQWiG von Misstrauen, Sprachlosigkeit oder lauten Auseinandersetzungen geprägt sein [7]. Hilflosigkeit, Verzweiflung, Ärger und Wut sind natürliche Reaktionen der Eltern. Viele Betroffene wollen zunächst nicht wahrhaben, dass sie krank sind, und wehren sich gegen eine Behandlung; Eltern müssen deshalb unter Umständen gegen den Willen ihres Kindes ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat einholen [7]. Auch Geschwister sind belastet und manchmal an der Behandlung beteiligt, etwa bei der familienbasierten Therapie [7].
Das BIÖG gibt Familienmitgliedern und engen Bezugspersonen unter anderem diese Hinweise [12]:
- Nehmen Sie Ihre Wahrnehmung ernst und warten Sie nicht ab, ob die Essstörung von selbst verschwindet.
- Suchen Sie in einem ruhigen Moment das Gespräch und beschreiben Sie, was Ihnen aufgefallen ist. Vermeiden Sie Kritik an Essverhalten und Figur, und nehmen Sie den Menschen als Ganzes wahr.
- Bleiben Sie geduldig und beständig, auch wenn die Person anfangs nicht mit Ihnen sprechen möchte.
- Informieren Sie sich und wenden Sie sich selbst an eine Beratungsstelle oder eine Telefonberatung; dort erhalten Sie Hinweise, wie Sie zur Annahme professioneller Hilfe motivieren können.
Es ist auch wichtig und berechtigt, dass Angehörige gut für sich selbst sorgen, etwa mit eigener Beratung oder Therapie oder in Selbsthilfegruppen für Angehörige [7]. Mehr unter Angehörige und Kinder und Jugendliche.
Wann Sie sofort Hilfe brauchen
Die psychische Belastung kann das Leben gefährden: Das Suizidrisiko ist bei Menschen mit einer Essstörung laut IQWiG erhöht [2]. Magersucht erhöht das Risiko für einen Suizid und zählt deshalb und wegen der körperlichen Auszehrung zu den psychischen Erkrankungen, die am häufigsten lebensbedrohlich verlaufen [3]. Auch bei Bulimie ist das Suizidrisiko höher als bei Menschen ohne Bulimie, und manche Menschen mit Binge-Eating-Störung denken daran, sich das Leben zu nehmen [4, 5]. Bestehen Gedanken oder Absichten, sich das Leben zu nehmen, ist laut IQWiG meist ein Klinikaufenthalt nötig [5, 6].
Ein Klinikaufenthalt ist laut IQWiG außerdem ratsam, wenn durch Purging schwere Kreislaufprobleme drohen, und kann nötig sein, wenn eine Person trotz lebensbedrohlichen Untergewichts nicht behandelt werden will [3, 4]. Einen eigenen Plan für Krisen können Sie mit dem Krisenplan anlegen.
Alle Hilfsangebote mit Erreichbarkeit stehen unter Hilfe in der Krise.
Quellen
- Behörde ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V, Gruppe F50 bis F59: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand Version 2026, Stand 12.09.2025. abgerufen am 23.10.2026
- Essstörungen (gesundheitsinformation.de). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stand erstellt am 23.07.2025, nächste geplante Aktualisierung 2028. abgerufen am 23.10.2026
- Magersucht (Anorexie) (gesundheitsinformation.de). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stand erstellt am 23.07.2025, nächste geplante Aktualisierung 2028. abgerufen am 23.10.2026
- Bulimie (Bulimia nervosa) (gesundheitsinformation.de). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stand erstellt am 23.07.2025, nächste geplante Aktualisierung 2028. abgerufen am 23.10.2026
- Binge-Eating-Störung (gesundheitsinformation.de). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stand erstellt am 23.07.2025, nächste geplante Aktualisierung 2028. abgerufen am 23.10.2026
- Wie werden Essstörungen behandelt? (gesundheitsinformation.de). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stand erstellt am 23.07.2025, nächste geplante Aktualisierung 2028. abgerufen am 23.10.2026
- Essstörungen: Informationen für Eltern und Angehörige (gesundheitsinformation.de). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stand erstellt am 23.07.2025, nächste geplante Aktualisierung 2028. abgerufen am 23.10.2026
- Treatment of Anorexia Nervosa: New Evidence-Based Guidelines (Übersichtsarbeit zur überarbeiteten S3-Leitlinie Essstörungen, AWMF-Register-Nr. 051-026), J Clin Med 2019; 8(2): 153, DOI 10.3390/jcm8020153. Resmark G, Herpertz S, Herpertz-Dahlmann B, Zeeck A. Stand 29.01.2019. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Fluoxetin-ratiopharm 20 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 08/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Olanzapin-ratiopharm Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 07/2020. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Lisdexamfetamin-ratiopharm Hartkapseln. ratiopharm GmbH. Stand 04/2026. abgerufen am 23.10.2026
- Behörde Essstörungen: Informationen, Beratungstelefon und Beratungsangebote. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). abgerufen am 23.10.2026
- Behörde Essstörungen: Medikamente. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinien (Übersicht der federführenden Leitlinien), Eintrag Diagnostik und Therapie von Ess-Störungen (051-026, S3). Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). abgerufen am 23.10.2026
- Behörde Essstörungen: Telefonberatung (Beratungstelefon des BIÖG). Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). abgerufen am 23.10.2026
Häufige Fragen
Welche Essstörungen gibt es?
Die drei häufigsten Essstörungen sind laut IQWiG Magersucht (Anorexie), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und die Binge-Eating-Störung. Daneben gibt es besondere Formen, bei denen nicht alle typischen Symptome zutreffen, etwa die atypische Anorexia nervosa und die atypische Bulimia nervosa der ICD-10-GM. Manche Menschen entwickeln im Laufe des Lebens erst die eine und später eine andere Essstörung.
Gibt es einen Test für Essstörungen?
Einen Test, der die Diagnose stellt, nennen die Quellen nicht; die Diagnose stellen ärztliche oder psychotherapeutische Fachleute. Zur ersten Einschätzung nennt das IQWiG Fragen wie: Beschäftige ich mich sehr intensiv und zeitraubend mit Essen? Mache ich mir oft Sorgen, zu dick zu sein? Verliere ich beim Essen manchmal die Kontrolle? Ein einzelnes Ja bedeutet nicht zwingend eine Essstörung; bei Unsicherheit oder mehreren Ja ist fachlicher Rat nötig.
Welche Medikamente helfen bei Essstörungen?
Medikamente werden laut IQWiG nur ergänzend zu einer Psychotherapie empfohlen. Zugelassen ist in Deutschland nur Fluoxetin, und nur bei Bulimie von Erwachsenen zusammen mit einer Psychotherapie. Für Magersucht und Binge-Eating-Störung ist laut BIÖG kein Psychopharmakon zugelassen; bei Magersucht sind laut der Zusammenfassung der überarbeiteten S3-Leitlinie Antipsychotika nicht geeignet und Antidepressiva nicht empfohlen, um an Gewicht zuzunehmen. Ob ein Mittel außerhalb der Zulassung infrage kommt, entscheiden Sie nach Aufklärung gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Welche Folgen hat Bulimie, zum Beispiel für die Zähne?
Durch die Magensäure im Erbrochenen können laut IQWiG Schleimhäute in Mund und Speiseröhre gereizt oder entzündet werden, auf Dauer werden die Zähne angegriffen. Wiederholtes Erbrechen kann laut ICD-10-GM zu Störungen des Salzhaushalts und körperlichen Komplikationen führen. Bei einer Bulimie ist das Suizidrisiko erhöht und die Lebenserwartung niedriger; zur Diagnostik gehört in der Regel auch ein Besuch in der Zahnarztpraxis.
Wie wird eine Binge-Eating-Störung behandelt?
Fachleute empfehlen laut IQWiG in erster Linie eine Psychotherapie, vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie, in der Regel ambulant als Einzel- oder Gruppensitzungen. Erwachsene können eine strukturierte Selbsthilfe nutzen, etwa während der Wartezeit auf einen Therapieplatz. Bei Übergewicht können Ernährungsberatung und Sport hinzukommen, zusammen mit einem weniger kritischen Umgang mit der eigenen Figur. Für die Binge-Eating-Störung ist laut BIÖG kein Psychopharmakon zugelassen.
Bekommen auch Jungen und Männer Essstörungen?
Ja. Magersucht und Bulimie werden laut IQWiG bei Mädchen und Frauen häufiger festgestellt, aber auch bei Jungen und Männern sind Essstörungen keine Seltenheit und möglicherweise häufiger als erfasst. Bei der Binge-Eating-Störung ist das Verhältnis ausgewogener: Ein Drittel oder mehr der Betroffenen sind männlich.
Welchen ICD-10-Code haben Essstörungen?
Die ICD-10-GM führt Essstörungen unter F50: F50.0- Anorexia nervosa (F50.00 restriktiver Typ, F50.01 aktiver Typ, F50.08 sonstige und nicht näher bezeichnete), F50.1 atypische Anorexia nervosa, F50.2 Bulimia nervosa, F50.3 atypische Bulimia nervosa, F50.4 Essattacken bei anderen psychischen Störungen, F50.5 Erbrechen bei anderen psychischen Störungen, F50.8 sonstige und F50.9 nicht näher bezeichnete Essstörung. Eine eigene Schlüsselnummer für die Binge-Eating-Störung enthält die ICD-10-GM nicht.
Was können Eltern tun, wenn sie eine Essstörung bei ihrem Kind vermuten?
Das BIÖG rät, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und nicht abzuwarten. Suchen Sie in einem ruhigen Moment das Gespräch, beschreiben Sie, was Ihnen aufgefallen ist, und vermeiden Sie Kritik an Essverhalten und Figur. Auch Eltern können sich an eine Beratungsstelle oder das Beratungstelefon wenden, um zu klären, ob ihre Sorge berechtigt ist. Erste Anlaufstellen für eine Untersuchung sind laut IQWiG die Kinder- und Jugendarztpraxis, die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Praxis.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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