ErkrankungenErkrankung

Autismus (Autismus-Spektrum-Störung)

Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die von früher Kindheit an besteht und in der Regel lebenslang bleibt; betroffen sind die soziale Interaktion und Kommunikation, dazu kommen eingeschränkte, sich wiederholende Verhaltensweisen und Interessen. Im Mittelpunkt der Behandlung stehen laut S3-Leitlinie autismusspezifische Therapien mit klar festgelegten Zielen; Medikamente, die die Kernsymptome bessern, gibt es nicht, sie kommen nur bei bestimmten Begleitbeschwerden infrage. Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, gibt es sofort Hilfe, etwa über den Notruf 112 oder die TelefonSeelsorge.

Mann Anfang dreißig mit Kopfhörern sitzt ruhig an einem aufgeräumten Holztisch am Fenster und sortiert Buntstifte in ordentlichen Reihen
Bild: KI-generiert

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die das Miteinander mit anderen Menschen, die Kommunikation und das Verhalten betrifft. Die ICD-10-GM, die deutsche Fassung der internationalen Klassifikation der Krankheiten, ordnet die Formen des Autismus den tief greifenden Entwicklungsstörungen zu (F84). Kennzeichen dieser Gruppe sind qualitative Abweichungen in den wechselseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern und ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten; diese Auffälligkeiten sind in allen Situationen ein grundlegendes Merkmal [5]. Laut IQWiG ist Autismus angeboren und die Folge einer Entwicklungsstörung des Gehirns [6].

Die ICD-10-GM unterscheidet unter anderem den frühkindlichen Autismus (F84.0), bei dem sich eine abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung vor dem dritten Lebensjahr zeigt, den atypischen Autismus (F84.1), der später beginnt oder nicht in allen Bereichen Auffälligkeiten zeigt, und das Asperger-Syndrom (F84.5). Beim Asperger-Syndrom fehlt eine allgemeine Entwicklungsverzögerung, und Sprache und kognitive Entwicklung bleiben nicht zurück [5]. Laut S3-Leitlinie lassen sich diese Untergruppen nicht verlässlich voneinander abgrenzen. Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 fasst sie deshalb in einer einzigen Kategorie zusammen, der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) [1].

Grundlage dieser Seite ist die S3-Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen der Fachgesellschaften DGKJP und DGPPN. Teil 1 (Diagnostik, Textstand 23. Februar 2016) war laut Leitlinienübersicht der DGPPN bis zum 4. April 2021 gültig, Teil 2 (Therapie, Textstand 2. Mai 2021) bis zum 23. März 2026 [1, 2, 4]. Beide Teile sind damit abgelaufen. Eine neuere Fassung führt die Übersicht nicht; Teil 1 wird laut IQWiG überarbeitet [4, 6].

Laut S3-Leitlinie wird insgesamt eine Häufigkeit von 0,9 bis 1,1 Prozent angenommen; mindestens 1 von 160 Kindern ist betroffen [1]. Das IQWiG gibt an, dass etwa 1 von 100 Menschen in Deutschland eine Autismus-Spektrum-Störung hat [6]. Jungen und Männer sind laut Leitlinie etwa zwei- bis dreimal so häufig betroffen. Einige Studien legen nahe, dass Mädchen und Frauen häufiger unerkannt bleiben und, vor allem ohne Intelligenzminderung, später diagnostiziert werden [1]. Eine Intelligenzminderung liegt laut Leitlinie bei etwa der Hälfte der Menschen mit Autismus vor [1].

Anzeichen von Autismus

Die Kernsymptome bestehen laut S3-Leitlinie von frühester Kindheit an und bleiben lebenslang präsent. Das Erscheinungsbild verändert sich aber erheblich vom Kleinkindalter bis ins Erwachsenenleben, weil jede Lebensphase andere Anforderungen an Kontakt und Kommunikation stellt [1].

Bereiche, in denen sich Autismus zeigt (nach S3-Leitlinie, Teil 1, 2016, und IQWiG)
BereichWas sich zeigen kann
Soziale InteraktionSchwierigkeiten, Beziehungen in Familie, Freundschaft und Partnerschaft und mit Gleichaltrigen in Kindergarten, Schule und Beruf aufzunehmen, aufrechtzuerhalten und zu gestalten [1]; seltener Blickkontakt, abwesend oder in sich gekehrt wirken, manche sind auch sehr kontaktfreudig, verhalten sich dabei aber mitunter ungewöhnlich; Gefühle und Bedürfnisse anderer zu verstehen fällt schwerer [6]
KommunikationAuffälligkeiten in der Sprachentwicklung und vor allem in der nichtsprachlichen Kommunikation mit Gestik, Mimik und Blickverhalten; bei kognitiv gut begabten Menschen auch beim Verständnis übertragener Bedeutungen, etwa in Sprichwörtern, Humor oder Ironie [1]; manche lernen später sprechen oder sprechen gar nicht mit anderen, andere wiederholen Begriffe und Sätze oder sprechen sehr genau und ausgefeilt [6]
Wiederholende Verhaltensweisen und InteressenSpezialinteressen, ritualisierte Tagesabläufe und eine starke Abneigung gegen Veränderungen der eigenen Lebensumstände [1]; wiederholte Bewegungen, zum Beispiel mit den Armen wedeln; Routinen und verlässliche Abläufe sind sehr wichtig, Flexibilität und Spontaneität fallen schwer [6]
Wahrnehmungmanchmal besonders empfindliche oder auch unempfindliche Reaktionen auf Reize wie Geräusche, Gerüche oder Berührungen [6]

Neben diesen Merkmalen zeigt sich beim frühkindlichen Autismus laut ICD-10-GM häufig eine Vielzahl weiterer Probleme, etwa Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche und Aggressionen, auch gegen sich selbst [5]. Herausforderndes Verhalten wie Selbstverletzung, starke Wutanfälle und Aggressionen ist laut IQWiG meist ein Zeichen dafür, dass Betroffene überfordert sind oder sich missverstanden fühlen [6]. Was in einer Krise hilft, steht unter Wann Sie sofort Hilfe brauchen.

Erste Anzeichen bei kleinen Kindern

Bei einem Teil der Kinder fällt laut Leitlinie schon im ersten Lebensjahr vor allem ein geringes Interesse an Kontakt und Spiel auf; bei der Mehrzahl zeigen sich die Symptome aber erst nach dem ersten Lebensjahr. Bei etwa einem Drittel der Kinder kommt es im zweiten Lebensjahr zu einem Verlust bereits erworbener sprachlicher, sozialer oder anderer Fertigkeiten [1]. Ab dem Alter von 24 Monaten sollte ein Kind laut Leitlinie umgehend an eine auf Autismus spezialisierte Stelle überwiesen werden, wenn Eltern berichten oder bei den Früherkennungsuntersuchungen U7 bis U9 auffällt, dass es eines oder mehrere dieser Merkmale zeigt und sich der Verdacht erhärtet [1]:

  • mangelnder oder fehlender Blickkontakt [1]
  • es bringt keine Dinge, um sie zu zeigen, und zeigt nicht mit dem Finger, um Interesse mitzuteilen [1]
  • wenig oder kein Als-ob-Spiel [1]
  • Rückschritt oder Verlust bereits erworbener Fähigkeiten in der Sprache oder im Kontakt mit anderen [1]

An eine Abklärung kann man laut Leitlinie auch denken, wenn Eltern in dieser Zeit zunehmend Sorgen über die Entwicklung ihres Kindes äußern [1]. Erste Anlaufstelle ist laut IQWiG die Kinder- und Jugendarztpraxis, auch im Rahmen der regelmäßigen U-Untersuchungen [6].

Bei Erwachsenen

Manche Menschen leben laut IQWiG viele Jahre oder Jahrzehnte mit Autismus, ohne dass er erkannt wird [6]. Bei Menschen ohne Intelligenzminderung können laut Leitlinie selbst erarbeitete Ausgleichsstrategien autistische Symptome verdecken und so die Diagnose erschweren [1]. Das IQWiG nennt das "Masking"; außerdem können andere Erkrankungen wie Persönlichkeits- oder Angststörungen ähnliche Symptome haben [6].

Ursachen und Risiken

Autismus-Spektrum-Störungen sind laut S3-Leitlinie ursächlich noch nicht abschließend erforscht. Es ist aber sicher davon auszugehen, dass frühe biologisch wirksame Risikofaktoren die Entwicklung des Nervensystems beeinflussen. Psychosoziale Faktoren sind vor allem für die Förderung und den Umgang mit den autistischen Verhaltensweisen wichtig und können den Verlauf mit beeinflussen [1]. Als gut belegte und mehrfach bestätigte Risikofaktoren nennt die Leitlinie (Teil 1, 2016) unter anderem [1]:

  • genetische Faktoren, zum Beispiel Spontanmutationen, Mikrodeletionen und Mikroduplikationen, Chromosomenstörungen und häufige genetische Varianten [1]
  • ein höheres Alter von Mutter und Vater [1]
  • Valproat und andere Mittel gegen Epilepsie (Antiepileptika) in der Schwangerschaft [1]
  • eine Röteln-Infektion der Mutter in der Schwangerschaft [1]
  • ein Migrationsstatus der Eltern [1]

Die genetische Veranlagung hat laut IQWiG einen starken Einfluss. Haben Eltern bereits ein Kind mit Autismus, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind ebenfalls betroffen ist, im Durchschnitt bei 10 bis 20 Prozent [6]. Nehmen Schwangere bestimmte Antiepileptika ein, vor allem Valproinsäure, erhöht das laut IQWiG ebenfalls das Risiko [6]. Auch Embryotox beschreibt nach Valproat in der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen [15]. Setzen Sie ein verordnetes Medikament wegen einer Schwangerschaft oder eines Kinderwunschs nicht eigenmächtig ab; besprechen Sie das mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Mehr unter Psychopharmaka in der Schwangerschaft.

Mehrere Ursachen, die öffentlich diskutiert wurden, schließt die Leitlinie klar aus: Impfungen, auch der Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln, gehen nicht mit einem erhöhten Autismus-Risiko einher, ebenso wenig Magen-Darm-Erkrankungen des Kindes einschließlich Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Alkohol in der Schwangerschaft ist laut Leitlinie mit deutlichen kognitiven Einschränkungen, Fehlbildungen und anderen Verhaltensauffälligkeiten beim Kind verbunden, nicht aber mit Autismus [1]. Auch die Erziehung durch die Eltern löst laut IQWiG keinen Autismus aus [6].

Wie die Diagnose gestellt wird

Bei Verdacht auf Autismus soll laut Leitlinie in zwei Stufen vorgegangen werden: Zunächst erfolgt zeitnah eine orientierende Abklärung mit einem geprüften, altersgerechten Fragebogen (Screening) und einer ersten klinischen Einschätzung. Erhärtet sich der Verdacht, soll die Person an eine auf Autismus spezialisierte Stelle überwiesen werden, die eine vollständige Diagnostik und die Abgrenzung von anderen Erkrankungen leisten kann [1].

Ein Fragebogen kann laut Leitlinie eine Diagnose weder stellen noch ausschließen, und ein Screening der ganzen Bevölkerung soll nicht stattfinden [1]. Die umfassende Diagnostik soll in einer spezialisierten Stelle stattfinden, bei Kindern und Jugendlichen unter Einbeziehung einer Fachärztin oder eines Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder einer dafür speziell qualifizierten Kinder- und Jugendärztin. Bei Erwachsenen soll eine Fachärztin oder ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder für Neurologie und Psychiatrie beteiligt sein [1]. Laut IQWiG sind dafür mehrere Termine nötig [6].

Zur Abklärung sollen laut Leitlinie in jedem Alter unter anderem gehören: die Erfassung der Symptome nach den Kriterien der ICD-10, eine ausführliche Befragung zur Entwicklung und zu früheren und aktuellen Beschwerden, auch bei Angehörigen, eine direkte Beobachtung des Verhaltens, bei Kindern und Jugendlichen eine standardisierte Entwicklungs- oder Intelligenzdiagnostik, eine Einschätzung, wie gut der Alltag in Familie, Schule oder Beruf gelingt, eine körperliche und neurologische Untersuchung und die Abklärung weiterer Erkrankungen [1].

Neben der betroffenen Person soll laut Leitlinie mindestens eine nahestehende Person einbezogen werden, die sie seit der Kindheit kennt. Zusätzlich sollen Unterlagen aus Kindheit und Lebenslauf herangezogen werden, etwa Berichte aus dem Kindergarten, Schulzeugnisse oder frühere Befunde. Fehlen sie, verhindert das bei Erwachsenen nicht zwingend die Diagnose [1]. Mögliche Hör- und Sehstörungen sollen ausgeschlossen werden [1].

Häufig bestehen weitere Störungen, laut Leitlinie am häufigsten Entwicklungsstörungen der Sprache, der Motorik und der kognitiven Entwicklung, bei mehr als der Hälfte der Betroffenen. Etwas weniger als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen erfüllt die Kriterien einer ADHS; häufig sind auch emotionale Probleme, Angststörungen und oppositionelles Verhalten, bei kleinen Kindern Schlafstörungen. Bei Erwachsenen ohne Intelligenzminderung kommen unter anderem Persönlichkeitsstörungen, affektive Störungen wie Depressionen, Angststörungen, ADHS, Tic-Störungen und psychotische Störungen häufig vor; unter den körperlichen Erkrankungen sind Epilepsien am häufigsten [1]. Die Diagnose soll laut Leitlinie die spezialisierte Stelle vermitteln. Als unterstützend erleben Betroffene und Angehörige unter anderem eine ausführliche Aufklärung über Symptome, Ursachen, Prognose und mögliche Hilfen; sehr wichtig ist es, Ängste und Schuldgefühle zu Ursachen und Folgen konkret anzusprechen [1].

Behandlung im Überblick

Menschen mit Autismus leben laut S3-Leitlinie in der Regel mit einer dauerhaften Störung oder Behinderung mit wechselndem Verlauf. Die Diagnose bedeutet nicht von selbst, dass fortlaufend Therapie oder Unterstützung nötig ist [3]. Jede Therapie soll mit klaren, konkreten Zielen und für einen begrenzten Zeitraum geplant werden; die betroffene Person, bei Kindern und Jugendlichen auch die Sorgeberechtigten, soll an der Festlegung der Ziele beteiligt werden. Übergeordnetes Ziel soll sein, die Lebensqualität und die Teilhabe von Menschen mit Autismus und ihren Familien zu verbessern, mit möglichst großer Selbstständigkeit [3].

Empfehlungen der S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2 Therapie (Stand 2021, Gültigkeit abgelaufen), zur Förderung von Kontakt und Kommunikation (Nummer der Empfehlung in Klammern)
Für wenWas die Leitlinie empfiehltEmpfehlungsgrad
Klein- und Vorschulkinderfrüh beginnende autismusspezifische Therapie, spätestens ab dem Alter von zwei Jahren oder direkt nach der Diagnose; individuell, an der Entwicklung ausgerichtet und verhaltenstherapeutisch begründet, nach geprüften Therapiehandbüchern und mit Anleitung der Eltern; mindestens ein Jahr lang und mindestens zwei Stunden pro Woche [3]"soll", Grad A (10)
Klein- und Vorschulkinder mit Verdacht auf Autismusautismusspezifische Therapie schon bei Verdacht; die Diagnose nach spätestens zwölf Monaten erneut überprüfen [3]"soll", Expertenkonsens (9)
Schulkinder und Jugendliche ohne Intelligenzminderungeine auf drei bis sechs Monate befristete, geprüfte Gruppentherapie mit Gleichaltrigen zur Förderung des Umgangs miteinander; die Eltern sind über die Inhalte informiert und unterstützen die Hausaufgaben im Alltag [3]"soll", Grad A (14)
Erwachsene ohne Intelligenzminderungeine auf drei bis sechs Monate befristete, geprüfte Gruppentherapie in einer festen Gruppe, unter anderem mit Training von Gesprächstechniken, Freundschaften, Umgang mit Stress und Einsamkeit und Regulation von Gefühlen [3]"soll", Grad A (17)
Erwachsene mit Intelligenzminderungalltagspraktische Fertigkeiten in strukturierten Beschäftigungsangeboten fördern; eine zeitlich begrenzte Gruppentherapie kann angeboten werden [3]"sollte", "kann", Expertenkonsens (16)

Für Klein-, Vorschul- und Grundschulkinder hat die Leitlinie einige psychosoziale Verfahren als nicht ausreichend wirksam bewertet; sie sollen für die Förderung von Kontakt und Kommunikation nicht eingesetzt werden, weil wirksamere Therapien zur Verfügung stehen. Dazu gehören unter anderem reine Elterntrainings ohne das Kind, die sensorische Integrationstherapie nach Ayres, die auditorische Integrationstherapie, Reittherapie und andere tiergestützte Therapien und die gestützte Kommunikation [3]. Zeigt ein Kind oppositionelles oder aggressives Verhalten, soll den Eltern ein Elterntraining angeboten werden [3]. Als mögliche Bausteine eines Behandlungsplans für Kinder nennt das IQWiG Verhaltenstherapie einschließlich sozialem Kompetenztraining, Logopädie, Ergotherapie und Information und Beratung (Psychoedukation); Erwachsene können ebenfalls eine Psychotherapie in Anspruch nehmen [6]. Mehr unter Psychotherapie und Medikamente.

Ausdrücklich warnt die Leitlinie vor Verfahren, die gesundheitsschädlich oder ethisch bedenklich sind. Sie sollen in keinem Fall angewendet werden, unter anderem sogenannte Ausleitetherapien und Chelatbildner, die Behandlung mit Chlorbleiche, Darmreinigungen, Diäten und Nahrungsergänzungsmittel ohne besondere medizinische Begründung und zusätzliche Medikamente ohne besondere medizinische Begründung, die über die Empfehlungen der Leitlinie hinausgehen [3]. Eine Behandlung in einer Tagesklinik oder Klinik kommt laut Leitlinie infrage, wenn die ambulante Therapie nicht ausreichend hilft, vor allem bei schwerer ausgeprägten Begleiterkrankungen; nach einer Krisenintervention sollte sie zur Stabilisierung angeboten werden (siehe Klinik und Tagesklinik) [3].

Medikamente bei Autismus

Es gibt laut S3-Leitlinie derzeit kein Medikament, das Kontakt und Kommunikation verbessert; Psychopharmaka oder andere Medikamente sollten für dieses Ziel nicht eingesetzt werden (Expertenkonsens) [3]. Autismus selbst ist laut IQWiG mit Medikamenten weder behandelbar noch heilbar [6]. Medikamente können aber bei bestimmten Begleitbeschwerden infrage kommen, zum Beispiel bei schwerem aggressivem Verhalten, bei einer ADHS, bei Angst, Depression oder Schlafstörungen [3, 6].

Die Leitlinie nennt nur Wirkstoffe, die in Deutschland erhältlich sind. Ob sie für die jeweilige Altersgruppe und Erkrankung zugelassen sind, hat sie laut eigenem Vorwort nicht geprüft; das liegt in der Verantwortung der verordnenden Ärztin oder des verordnenden Arztes [3]. Wird ein Mittel für einen anderen Zweck verordnet, geschieht das außerhalb der Zulassung (off-label). Die Reihenfolge folgt den Kapiteln der Leitlinie und ist keine Rangfolge.

Medikamente in der S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 2 Therapie (Stand 2021, Gültigkeit abgelaufen), mit der Zulassung laut Fachinformation
MittelWas die Leitlinie dazu sagtZulassung laut FachinformationZu beachten (Beispiele)
Antipsychotika: Risperidon, Aripiprazolbei schwerem oppositionellem und aggressivem Verhalten von Kindern und Jugendlichen nicht routinemäßig, aber dann, wenn psychosoziale Hilfen allein nicht ausreichen und das Verhalten schwerwiegend ist, eine Gefährdung bedeutet, den Alltag stark beeinträchtigt oder andere Hilfen behindert ("soll", Grad A, 64); immer zusammen mit psychosozialen Hilfen, besonders einem Elterntraining; bei Erwachsenen unter denselben Bedingungen ("kann", 65); bei stark ausgeprägten wiederholenden Verhaltensweisen kann eine befristete Gabe erwogen werden ("kann", 28, 29) [3]Risperidon: zugelassen nur bei Schizophrenie, manischen Episoden, kurzzeitig bei anhaltender Aggression bei Alzheimer-Demenz und bei Kindern ab 5 Jahren und Jugendlichen zur Kurzzeitbehandlung (bis zu 6 Wochen) anhaltender Aggression bei Verhaltensstörung, wenn eine unterdurchschnittliche intellektuelle Funktion oder geistige Behinderung besteht; Autismus nennt die Fachinformation nicht, die übrigen Einsätze aus der Leitlinie sind nicht zugelassen [7]. Aripiprazol: zugelassen nur bei Schizophrenie ab 15 Jahren und manischen Episoden der Bipolar-I-Störung; bei Autismus nicht zugelassen [8]laut Leitlinie unter anderem Gewichtszunahme und weitere Stoffwechselwirkungen, Wirkungen auf Herz und Kreislauf, Bewegungsstörungen und ein erhöhter Prolaktinwert [3]; laut Fachinformation von Risperidon bei Kindern Dämpfung (Sedierung) mit möglichen Auswirkungen auf das Lernen, Gewicht vor Beginn und regelmäßig kontrollieren [7]
ADHS-Medikamente: Methylphenidat, Atomoxetin, Guanfacinbei einer zusätzlichen ADHS sollen Methylphenidat und Atomoxetin vorrangig eingesetzt werden ("soll", Grad A, 69); Guanfacin kann als dritte Möglichkeit eingesetzt werden; Erwachsene sollen wie Kinder und Jugendliche behandelt werden (70) [3]zugelassen bei ADHS, nicht bei Autismus: Methylphenidat ab 6 Jahren und bei Erwachsenen, wenn andere Maßnahmen allein nicht ausreichen [9]; Atomoxetin ab 6 Jahren, bei Jugendlichen und Erwachsenen [10]; Guanfacin von 6 bis 17 Jahren, wenn Stimulanzien nicht infrage kommen, nicht vertragen werden oder nicht wirken [11]laut Leitlinie sollten unter anderem verminderter Appetit, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel und Müdigkeit regelmäßig überwacht werden; Nebenwirkungen von Methylphenidat, Amphetaminen und Atomoxetin treten bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus laut Leitlinie häufiger und ausgeprägter auf [3]
SSRI: unter anderem Sertralin, Fluoxetinbei stark ausgeprägter Angst nach höchstens drei Monaten ohne ausreichende Wirkung psychosozialer Hilfen ein Versuch mit einem SSRI zusätzlich ("sollte", 77); bei mittelgradigen bis schweren Depressionen von Kindern und Jugendlichen ergänzend ein SSRI ("sollte", 87), dabei Fluoxetin und Sertralin bevorzugen ("soll"); trizyklische Antidepressiva sollen bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus nicht gegen Depressionen eingesetzt werden (86); bei Zwangsstörungen zusätzlich zur Verhaltenstherapie möglich (91) [3]Sertralin: bei Kindern und Jugendlichen nur bei Zwangsstörung (6 bis 17 Jahre), bei Erwachsenen unter anderem bei Depression, Panikstörung, sozialer Angststörung und Zwangsstörung [13]. Fluoxetin: bei Kindern ab 8 Jahren nur bei mittelgradigen bis schweren Depressionen zusammen mit psychologischer Behandlung [14]laut Fachinformationen traten bei Kindern und Jugendlichen unter Antidepressiva in Studien häufiger Suizidgedanken, Suizidversuche und Feindseligkeit auf als unter einem Scheinmedikament (siehe Wann Sie sofort Hilfe brauchen) [13, 14]
Melatoninbei Kindern zuerst körperliche Ursachen ausschließen ("soll"); bei Ein- oder Durchschlafstörungen ohne körperliche Ursache zunächst Aufklärung über Schlafhygiene und ein Schlaftagebuch über mindestens 14 Tage ("sollte"); reichen verhaltensorientierte Hilfen nicht aus, soll Melatonin begonnen werden (Grad A, 94); bei Jugendlichen und Erwachsenen entsprechend (95) [3]Retardtabletten für Kinder und Jugendliche: zugelassen zur Behandlung von Schlafstörungen (Insomnie) bei Kindern und Jugendlichen von 2 bis 18 Jahren mit Autismus-Spektrum-Störung und/oder neurogenetischen Störungen mit abweichender tageszeitlicher Melatonin-Ausschüttung und/oder nächtlichem Erwachen sowie von 6 bis 17 Jahren mit ADHS, jeweils wenn Maßnahmen der Schlafhygiene nicht ausgereicht haben [12]laut Fachinformation häufig unter anderem Stimmungsschwankungen, Aggressivität, Reizbarkeit, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen und morgendliche Müdigkeit; Kontrolle mindestens alle 6 Monate, nach mindestens 3 Monaten Prüfung, ob die Behandlung wirkt [12]

Für andere Wirkstoffgruppen sieht die Leitlinie bei aggressivem Verhalten von Kindern und Jugendlichen keine oder ungenügende Belege; darunter sind Antiepileptika, SSRI, Atomoxetin, Amantadin, Naltrexon, N-Acetylcystein und Cannabinoide, die dafür nicht eingesetzt werden sollen [3]. Werden Kindern und Jugendlichen Antipsychotika verordnet, sollen laut Leitlinie unter anderem Gewicht, Körpergröße, Bauchumfang, Puls und Blutdruck bei jedem Termin gemessen und Laborwerte und Bewegungsstörungen in festen Abständen untersucht werden [3]. Mehr zu den Kontrollen unter Kontrollen und Blutwerte.

Bestehen neben Schlafstörungen zugleich behandlungsbedürftige wiederholende Verhaltensweisen und oppositionelles oder aggressives Verhalten, können laut Leitlinie zusätzlich zu Melatonin dämpfende Antipsychotika gegen Einschlafstörungen eingesetzt werden. Andere Wirkstoffe sollten dafür wegen fehlender Belege zu Wirkung und Sicherheit nicht eingesetzt werden [3]. Mehr unter Schlafstörungen.

Nebenwirkungen und Dosierung laut Packungsbeilage stehen auf den Wirkstoffseiten. Ob ein Medikament infrage kommt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt; ändern oder beenden Sie eine Behandlung nicht eigenständig. Mehr unter Kinder und Jugendliche und ADHS.

Verlauf und Dauer der Behandlung

Autismus bleibt laut IQWiG in der Regel ein Leben lang bestehen, kann aber sehr unterschiedlich verlaufen. Häufig nehmen die typischen Symptome im Lauf der Jahre ab oder verändern sich; einzelne Merkmale können sich auch vorübergehend oder dauerhaft verstärken. Viele Kinder und Jugendliche lernen mit der Zeit, besser zu kommunizieren und mit anderen umzugehen [6]. Wie gut der Umgang mit dem Autismus gelingt, hängt laut IQWiG stark von Unterstützung und Förderung ab und davon, wie sich Begleiterkrankungen auswirken [6].

Frühe Anzeichen können laut IQWiG mit der Zeit verschwinden oder sich als andere Ursache herausstellen, vor allem bei weniger auffälligen Ausprägungen [6]. Laut Leitlinie soll eine bei kleinen Kindern gestellte Diagnose eines Asperger-Syndroms oder atypischen Autismus spätestens im Jahr vor der Einschulung erneut überprüft werden [1]. Während Therapie und Förderung sollen Entwicklungsstand und neu aufgetretene körperliche oder psychische Störungen regelmäßig überprüft werden, damit die Ziele angepasst werden können [1]. Mehr unter Wie lange behandeln?

Selbsthilfe und Alltag

Frau Ende zwanzig geht mit ihrer Mutter Mitte fünfzig an einem ruhigen Vormittag durch einen botanischen Garten, beide wirken entspannt
Bild: KI-generiert

Im Alltag hilft laut Leitlinie, die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse von Menschen mit Autismus zu beachten. Hilfreich sind unter anderem die Möglichkeit, ohne Worte Kontakt aufzunehmen, eine konkrete und direkte Ansprache, eine klare Struktur von Umgebung und Abläufen, etwa mit Bildern, Vorhersehbarkeit und gleichbleibenden Bezugspersonen, körperlicher Abstand und das Vermeiden starker Reize wie Lärm, Gerüche oder Licht [3]. Für Jugendliche und Erwachsene geht es laut IQWiG auch darum, den Autismus als Teil der eigenen Identität zu akzeptieren und den Alltag daran anzupassen [6].

Viele Hilfen bezahlt laut IQWiG nicht die Krankenkasse, sondern die Eingliederungshilfe, die beim Jugend- oder Sozialamt beantragt wird. Ab einem Grad der Behinderung von 50 kann ein Schwerbehindertenausweis ausgestellt werden; ab einem Grad von mindestens 30 kann eine Gleichstellung mit schwerbehinderten Menschen beantragt werden [6]. Menschen mit Autismus und ihre Angehörigen sollten Kontaktinformationen zu Angeboten der Selbsthilfe erhalten und ermutigt werden, sie zu nutzen [3]. Elterninitiativen und Selbsthilfegruppen findet man laut IQWiG zum Beispiel über Autismus Deutschland e. V. und Aspies e. V. [6].

Für Angehörige

Eltern, Sorgeberechtigte oder andere wichtige Bezugspersonen sollen laut Leitlinie in die Therapie von Kindern einbezogen werden; Jugendliche sollten nach Möglichkeit mitentscheiden, wie weit ihre Eltern beteiligt sind [3]. Allen Eltern soll nach der Diagnose eine Aufklärung über Autismus und mögliche Begleiterkrankungen angeboten werden, in der Gruppe oder einzeln [3]. Im Vorschulalter sollen Eltern systematisch im fördernden Umgang mit dem Kind angeleitet werden, ohne selbst zu Therapeuten zu werden [3]. Geschwistern sollte eine angemessene Unterstützung angeboten werden [3].

Bei Erwachsenen können Eltern und andere Angehörige auf Wunsch der Person mit Autismus in jede Form der Therapie einbezogen werden; haben die Eltern die gesetzliche Betreuung übernommen, sollten sie über jede Maßnahme aufgeklärt werden und ihr zustimmen [3]. Laut IQWiG ist es meist sinnvoll, Familie, Freundeskreis, Schule oder Arbeitgeber über Autismus zu informieren; Eltern können sich unter anderem in Autismus-Zentren beraten lassen [6]. Mehr unter Angehörige.

Wann Sie sofort Hilfe brauchen

Krisen, in denen Betroffene die Belastung nicht mehr bewältigen (Dekompensationen), sind bei Menschen mit Autismus laut S3-Leitlinie häufig. Bei Jugendlichen und Erwachsenen mit hochfunktionalem Autismus zeigen sie sich eher als akute suizidale Zustände oder als Anspannung mit Selbstverletzung, bei Kindern und Jugendlichen und bei Menschen mit Intelligenzminderung häufiger als Aggression gegen andere [2]. Auslöser können für Außenstehende schwer zu erkennen sein, etwa leichte Berührungen, Verständigungsprobleme, eine Überflutung mit Reizen oder Änderungen der gewohnten Abläufe [2]. Akute Suizidalität kommt laut Leitlinie bei Autismus gehäuft vor; als Risikofaktoren werden unter anderem Depressionen, selbstverletzendes Verhalten und, im Jugendalter, Mobbing in der Schule beschrieben [2].

Suizidalität soll laut Leitlinie regelmäßig abgeklärt und bei Bedarf umgehend eine Krisenintervention eingeleitet werden; dabei sollen die Besonderheiten der Kommunikation von Menschen mit Autismus beachtet werden [3]. In einer akuten Krise soll zunächst eine Stabilisierung erfolgen, zum Beispiel durch Deeskalation, weniger Überforderung oder einen Rückzugsort, zusammen mit einer zeitnahen Analyse möglicher Ursachen. Helfen sollten möglichst wenige, der Person bekannte Menschen, und frühzeitig sollten individuelle Krisenpläne und Krisenpässe erstellt werden [3].

Einen eigenen Plan für Krisen mit Warnzeichen, hilfreichen Schritten und Telefonnummern können Sie mit dem Krisenplan anlegen, auch gemeinsam mit Angehörigen.

Alle Hilfsangebote mit Erreichbarkeit stehen unter Hilfe in der Krise.

Quellen

  1. Leitlinie S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik, Langversion (AWMF-Register-Nr. 028-018). Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Stand Stand Text 23.02.2016; laut DGPPN-Übersicht gültig bis 04.04.2021 (abgelaufen). abgerufen am 23.10.2026
  2. Leitlinie S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 2: Therapie, Langversion (AWMF-Register-Nr. 028-047). Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Stand Stand Text 02.05.2021, Version 1.1; laut DGPPN-Übersicht gültig bis 23.03.2026 (abgelaufen). abgerufen am 23.10.2026
  3. Leitlinie S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 2: Therapie, Kurzversion mit allen Empfehlungen (AWMF-Register-Nr. 028-047). Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) und Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Stand Vorwort vom 04.05.2021, Version 1.1; laut DGPPN-Übersicht gültig bis 23.03.2026 (abgelaufen). abgerufen am 23.10.2026
  4. Leitlinien (Übersicht der S3-Leitlinien mit Gültigkeit), Einträge Autismus-Spektrum-Störungen Teil 1 und Teil 2. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). abgerufen am 23.10.2026
  5. Behörde ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V, Gruppe F80 bis F89: Entwicklungsstörungen. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand Version 2026, Stand 12.09.2025. abgerufen am 23.10.2026
  6. Autismus (gesundheitsinformation.de). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stand erstellt am 19.06.2024, nächste geplante Aktualisierung 2027. abgerufen am 23.10.2026
  7. Fachinformation Risperidon AbZ Filmtabletten. AbZ-Pharma GmbH. Stand 03/2026. abgerufen am 23.10.2026
  8. EMA-Produktinformation ABILIFY (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation) ABILIFY Tabletten. Otsuka Pharmaceutical Netherlands B.V. (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 01/2026 (zuletzt aktualisiert 12.01.2026). abgerufen am 23.10.2026
  9. Fachinformation Methylphenidat-HCl-ratiopharm Retardtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 09/2025. abgerufen am 23.10.2026
  10. Fachinformation Atomoxetin-ratiopharm Hartkapseln. ratiopharm GmbH. Stand 09/2024. abgerufen am 23.10.2026
  11. EMA-Produktinformation Intuniv (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation). Takeda Pharmaceuticals International AG Ireland Branch (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 10/2026 (zuletzt aktualisiert 13.10.2026). abgerufen am 23.10.2026
  12. EMA-Produktinformation Slenyto (EPAR), Anhang I: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (Fachinformation) Slenyto 1 mg und 5 mg Retardtabletten. RAD Neurim Pharmaceuticals EEC SARL (Zulassungsinhaber)/Europäische Arzneimittel-Agentur. Stand 06/2026 (zuletzt aktualisiert 10.06.2026). abgerufen am 23.10.2026
  13. Fachinformation Sertralin-ratiopharm Filmtabletten. ratiopharm GmbH. Stand 09/2026. abgerufen am 23.10.2026
  14. Fachinformation Fluoxetin-ratiopharm 20 mg Tabletten. ratiopharm GmbH. Stand 08/2026. abgerufen am 23.10.2026
  15. Embryotox: Valproinsäure. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Universitätsmedizin Berlin. abgerufen am 23.10.2026

Häufige Fragen

Gibt es einen Autismus-Test?

Es gibt Fragebögen, mit denen Fachleute einen Verdacht einschätzen können. Laut S3-Leitlinie kann ein solcher Fragebogen eine Diagnose aber weder stellen noch ausschließen, und ein Screening der ganzen Bevölkerung soll nicht stattfinden, weil die deutschsprachigen Fragebögen häufig falsche Ergebnisse liefern. Erhärtet sich ein Verdacht, soll eine auf Autismus spezialisierte Stelle die vollständige Diagnostik übernehmen, mit Befragung, Verhaltensbeobachtung und Untersuchungen.

Woran erkennt man Autismus bei Erwachsenen?

Auch bei Erwachsenen geht es um Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, Besonderheiten in der Kommunikation und starke Vorlieben für Routinen und bestimmte Interessen, die schon in der Kindheit bestanden. Bei Erwachsenen ohne Intelligenzminderung können laut S3-Leitlinie selbst erarbeitete Ausgleichsstrategien die Symptome verdecken; laut IQWiG haben viele Erwachsene gelernt, bestimmte Merkmale zu unterdrücken, um nicht aufzufallen, und das nennt man Masking. Die Diagnose stellt eine spezialisierte Stelle unter Beteiligung einer Fachärztin oder eines Facharztes für Psychiatrie, möglichst mit einer Person, die Sie seit der Kindheit kennt, und mit Unterlagen aus der Kindheit.

Zeigt sich Autismus bei Mädchen und Frauen anders?

Jungen und Männer sind laut S3-Leitlinie etwa zwei- bis dreimal so häufig betroffen. Einige Studien legen nahe, dass Mädchen und Frauen häufiger unerkannt bleiben und, vor allem ohne Intelligenzminderung, später diagnostiziert werden. Laut einer in der Leitlinie zitierten Studie scheinen Mädchen bei gleich starken autistischen Symptomen mehr begleitende Verhaltens- und kognitive Probleme zeigen zu müssen, um eine Diagnose zu erhalten; das kann auf eine Verzerrung zugunsten der Jungen oder auf bessere Ausgleichsstrategien hinweisen.

Gibt es Medikamente gegen Autismus?

Für die Kernsymptome nicht: Laut S3-Leitlinie gibt es derzeit kein Medikament, das Kontakt und Kommunikation verbessert, und das IQWiG schreibt, dass Autismus mit Medikamenten weder behandelbar noch heilbar ist. Medikamente können bei bestimmten Begleitbeschwerden infrage kommen, etwa bei schwerem aggressivem Verhalten, ADHS, Angst, Depression oder Schlafstörungen. Ein Melatonin-Präparat ist laut Fachinformation zur Behandlung von Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen von 2 bis 18 Jahren mit Autismus-Spektrum-Störung zugelassen, wenn Maßnahmen der Schlafhygiene nicht ausgereicht haben.

Helfen ADHS-Medikamente bei Autismus?

Bei einer zusätzlichen ADHS sollen laut S3-Leitlinie Methylphenidat und Atomoxetin vorrangig eingesetzt werden, Guanfacin kann eine dritte Möglichkeit sein. Zugelassen sind diese Mittel für die ADHS, nicht für Autismus: Methylphenidat und Atomoxetin ab 6 Jahren und bei Erwachsenen, Guanfacin von 6 bis 17 Jahren unter bestimmten Bedingungen. Nebenwirkungen von Methylphenidat und Atomoxetin treten bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus laut Leitlinie häufiger und ausgeprägter auf; über die Behandlung entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Werden Neuroleptika bei Autismus eingesetzt?

Antipsychotika (Neuroleptika) wie Risperidon und Aripiprazol sollen laut S3-Leitlinie nicht routinemäßig eingesetzt werden, sondern bei schwerem aggressivem Verhalten, wenn psychosoziale Hilfen allein nicht ausreichen, und immer zusammen mit diesen Hilfen. Zugelassen ist Risperidon bei Kindern ab 5 Jahren und Jugendlichen nur zur Kurzzeitbehandlung anhaltender Aggression bei Verhaltensstörung mit unterdurchschnittlicher intellektueller Funktion; Aripiprazol ist bei Autismus nicht zugelassen. Zu beachten sind unter anderem Gewichtszunahme, Bewegungsstörungen und ein erhöhter Prolaktinwert.

Hilft Melatonin Kindern mit Autismus beim Schlafen?

Bei Ein- oder Durchschlafstörungen ohne körperliche Ursache sieht die S3-Leitlinie zuerst Aufklärung über Schlafhygiene und ein Schlaftagebuch über mindestens 14 Tage vor. Reichen verhaltensorientierte Hilfen nicht aus, soll Melatonin begonnen werden. Ein Melatonin-Präparat ist laut Fachinformation für Kinder und Jugendliche von 2 bis 18 Jahren mit Autismus-Spektrum-Störung zugelassen, wenn Maßnahmen der Schlafhygiene nicht ausgereicht haben; nach mindestens 3 Monaten sollte die Ärztin oder der Arzt beurteilen, ob es wirkt.

Können Impfungen Autismus auslösen?

Nein. Laut S3-Leitlinie gehen Impfungen, auch der Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln, nicht mit einem erhöhten Autismus-Risiko einher. Auch das IQWiG schreibt, dass Autismus weder durch Impfungen noch durch die Erziehung der Eltern ausgelöst wird. Gut belegte Risikofaktoren sind laut Leitlinie unter anderem genetische Faktoren, ein höheres Alter der Eltern, bestimmte Medikamente wie Valproat und eine Röteln-Infektion in der Schwangerschaft.

Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu

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