ErkrankungenErkrankung
Somatoforme Störungen
Bei einer somatoformen Störung bestehen wiederholt körperliche Beschwerden, die sich durch körperliche Befunde nicht ausreichend erklären lassen; die ICD-10-GM führt sie unter F45, die S3-Leitlinie spricht allgemeiner von funktionellen Körperbeschwerden. Im Mittelpunkt stehen laut Leitliniengruppe ein gemeinsames Erklärungsmodell, körperliche Aktivität und die Stärkung der Selbsthilfe, bei schweren Verläufen eine Psychotherapie; Medikamente empfiehlt sie nur zur vorübergehenden Linderung, bei bestimmten Schmerzsyndromen oder bei begleitenden psychischen Erkrankungen. Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, gibt es sofort Hilfe, etwa über den Notruf 112 oder die TelefonSeelsorge.

Somatoforme Störungen sind Erkrankungen, bei denen körperliche Beschwerden im Vordergrund stehen, die sich durch körperliche Befunde nicht ausreichend erklären lassen. Kennzeichen ist laut ICD-10-GM die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome zusammen mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen, obwohl die Ergebnisse wiederholt unauffällig sind und Ärztinnen und Ärzte versichern, dass die Symptome nicht körperlich begründbar sind [1]. Wenn körperliche Erkrankungen vorhanden sind, erklären sie laut ICD-10-GM nicht die Art und das Ausmaß der Symptome, das Leiden und die innerliche Beteiligung der Betroffenen [1]. Die Klassifikation führt die somatoformen Störungen unter dem Schlüssel F45 in der Gruppe "Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen" (F40 bis F48) [1].
Die deutsche S3-Leitlinie zu diesem Thema heißt "Funktionelle Körperbeschwerden" (AWMF-Register 051-001); die Fachgesellschaft DGPM führt sie in ihrer Übersicht unter dem Titel "Nicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden, Umgang mit Patienten" [2, 3]. Federführend sind das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) und die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Die Vorgängerfassung war im März 2017 abgelaufen; die Leitliniengruppe hat die Leitlinie von November 2016 bis Juli 2018 aktualisiert und im August 2019 eine Zusammenfassung im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht [2]. Grundlage dieser Seite ist die frei zugängliche englische Fassung dieser Zusammenfassung. Ein Gültigkeitsdatum nennt sie nicht; die Langfassung steht laut Zusammenfassung auf der Website der AWMF [2].
Unter funktionellen Körperbeschwerden fasst die Leitliniengruppe ein breites Spektrum unterschiedlich schwerer Beschwerdebilder zusammen [2]:
- anhaltende unspezifische Beschwerden, die belastend genug für einen Arztbesuch sind, aber nicht als Krankheit eingeordnet werden; sie können den Alltag spürbar beeinträchtigen [2]
- festgelegte Gruppen von Beschwerden über längere Zeit, die funktionellen somatischen Syndrome, etwa das Fibromyalgiesyndrom oder das Reizdarmsyndrom; sie schränken den Alltag meist deutlich ein [2]
- ausgeprägte somatoforme Störungen mit vielen Beschwerden und die neu definierten somatischen Belastungsstörungen; sie setzen eine erhebliche Einschränkung im Alltag voraus und gehen mit psychischen und Verhaltensmerkmalen einher [2]
Davon zu unterscheiden sind vorübergehende Befindlichkeitsstörungen, die selten zu einem Arztbesuch führen und den Alltag höchstens kurz und gering beeinträchtigen; sie haben laut Leitliniengruppe keine medizinische Bedeutung [2]. Funktionelle Körperbeschwerden betreffen etwa 10 Prozent der Bevölkerung. In Hausarztpraxen werden Anteile von 20 bis 50 Prozent der Patientinnen und Patienten berichtet, in einzelnen Fachgebieten wie Rheumatologie, Schmerzmedizin und Frauenheilkunde 25 bis 66 Prozent [2].
Anzeichen und Formen
Die ICD-10-GM unterscheidet mehrere Formen. Bei der Somatisierungsstörung können sich die Beschwerden auf jeden Körperteil und jedes Organsystem beziehen [1].
| Form | Schlüssel | Kennzeichen laut ICD-10-GM |
|---|---|---|
| Somatisierungsstörung | F45.0 | viele, wiederholt auftretende und häufig wechselnde körperliche Symptome, die wenigstens zwei Jahre bestehen; der Verlauf ist chronisch und schwankend, häufig mit langer Behandlungsgeschichte und vielen unauffälligen Untersuchungen [1] |
| Undifferenzierte Somatisierungsstörung | F45.1 | zahlreiche, unterschiedliche und hartnäckige Beschwerden, die das vollständige Bild einer Somatisierungsstörung nicht erfüllen, zum Beispiel weil sie kürzer als zwei Jahre bestehen [1] |
| Hypochondrische Störung | F45.2 | beharrliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden; normale Körperwahrnehmungen werden oft als krankhaft und belastend gedeutet; dazu gehört die Hypochondrie [1] |
| Somatoforme autonome Funktionsstörung | F45.3- | Beschwerden, die so geschildert werden, als beruhten sie auf einer Krankheit eines Organs, das weitgehend vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird, etwa Herz und Kreislauf, Verdauung, Atmung oder Harn- und Geschlechtsorgane [1] |
| Anhaltende somatoforme Schmerzstörung | F45.40 | andauernder, schwerer und quälender Schmerz, der sich körperlich nicht hinreichend erklären lässt und mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Belastungen verbunden ist [1] |
| Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren | F45.41 | seit mindestens sechs Monaten Schmerzen, die von einem körperlichen Vorgang ausgehen; psychische Faktoren spielen eine wichtige Rolle für Schwere, Verschlimmerung oder Fortbestehen, nicht aber für den Beginn [1] |
| Sonstige und nicht näher bezeichnete | F45.8, F45.9 | sonstige Störungen der Wahrnehmung, der Körperfunktion und des Krankheitsverhaltens, die nicht über das vegetative Nervensystem vermittelt werden, auf bestimmte Teile oder Systeme des Körpers begrenzt sind und eng mit belastenden Ereignissen oder Problemen zusammenhängen, zum Beispiel psychogenes Zähneknirschen oder Juckreiz; F45.9 umfasst die psychosomatische Störung ohne nähere Angabe [1] |
Bei der somatoformen autonomen Funktionsstörung finden sich laut ICD-10-GM meist zwei Gruppen von Beschwerden: zum einen Zeichen einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems wie Herzklopfen, Schwitzen, Erröten und Zittern, zum anderen unbestimmte und wechselnde Beschwerden wie flüchtige Schmerzen, Brennen, Schwere, Enge oder das Gefühl, aufgebläht zu sein, die einem bestimmten Organ zugeschrieben werden [1]. Bei der hypochondrischen Störung richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf ein oder zwei Organe oder Organsysteme; Depression und Angst finden sich häufig [1].
Ausfälle wie Lähmungen, Bewegungsstörungen, Anfälle oder Gefühlsstörungen ohne körperliche Ursache ordnet die ICD-10-GM nicht als somatoforme, sondern als dissoziative Störungen (Konversionsstörungen, F44) ein. Störungen mit Schmerz und anderen komplexen körperlichen Empfindungen, die über das vegetative Nervensystem vermittelt werden, sind dagegen unter den Somatisierungsstörungen (F45.0) einzuordnen [1]. Eine bewusste Simulation ordnet die ICD-10-GM ausdrücklich nicht hier ein, sondern unter einem eigenen Schlüssel (Z76.8) [1].
Ursachen und Risiken
Die gängigen Erklärungsmodelle gehen laut Leitliniengruppe von mehreren Ursachen aus: Biologische, psychische und soziokulturelle Faktoren wirken bei der Anfälligkeit, beim Auslösen und beim Fortbestehen der Beschwerden zusammen [2]. Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden können durchaus auch körperliche Befunde haben, etwa Normvarianten, Nebenbefunde ohne Bedeutung oder eine körperliche Erkrankung; eine rasche, eindeutige Einordnung als funktionell ist deshalb selten möglich [2]. Etwa die Hälfte hat laut Leitliniengruppe zusätzlich eine psychische Erkrankung, vor allem Angst oder Depression; ebenso häufig überschneiden sich verschiedene funktionelle Syndrome [2].
Für einen chronischen und schwierigen Verlauf nennt die Leitliniengruppe unter anderem diese Risikofaktoren [2]:
- viele Beschwerden zugleich, häufig auftretende oder anhaltende Beschwerden [2]
- belastende Gedanken und Einstellungen wie Katastrophisieren, Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit und eine ausgeprägte Angst um die Gesundheit [2]
- passives, überaktives oder unterdrückendes Verhalten, etwa Schon- und Vermeidungsverhalten, ständiges Durchhalten oder Absicherungsverhalten [2]
- mittlere bis hohe psychosoziale Belastung, zum Beispiel Stress am Arbeitsplatz oder Einsamkeit, und psychische Begleiterkrankungen wie Depression, Angststörung, Abhängigkeit oder posttraumatische Belastungsstörung [2]
- eine Behandlung, die Beschwerden ungewollt verfestigt, etwa durch beunruhigende Botschaften, unnötige Untersuchungen und Behandlungen oder die Bestärkung passiven Verhaltens [2]
Für einen günstigen Verlauf sprechen laut Leitliniengruppe unter anderem Humor und Selbstvertrauen, aktive Bewältigung wie Sport und die Fähigkeit, sich zu entspannen, Hobbys, gute soziale Unterstützung, ein weitgehend erhaltener Alltag und eine tragfähige Beziehung zur Ärztin oder zum Arzt [2]. Bei der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung kommt laut ICD-10-GM emotionalen Konflikten oder psychosozialen Belastungen die Hauptrolle für Beginn, Schwere, Verschlimmerung oder Fortbestehen der Schmerzen zu [1].
Wie die Diagnose gestellt wird
Die Grundversorgung übernehmen laut Leitliniengruppe die Hausarztpraxis oder die passende Facharztpraxis; sie koordiniert auch eine spätere Behandlung durch mehrere Fachrichtungen [2]. Die Leitliniengruppe empfiehlt, früh an funktionelle Körperbeschwerden zu denken und sorgfältig zu fragen und zu untersuchen [2]:
- nach den Hauptbeschwerden und weiteren Beschwerden oder Problemen, danach, wie es Ihnen mit den Beschwerden geht, wie sie Ihren Alltag beeinflussen und was Sie tun, um sie zu lindern oder zu vermeiden [2]
- eine gründliche körperliche Untersuchung, um weitere Befunde oder Einschränkungen zu erkennen [2]
- weitere Untersuchungen planvoll und zurückhaltend, mit einer beruhigenden Erklärung; Ziel ist, ernsthafte Erkrankungen und Komplikationen auszuschließen, nicht unbedingt für jede Beschwerde eine klare Ursache zu finden [2]
- keine wiederholten Untersuchungen, vor allem keine eingreifenden, wenn sie in erster Linie der Beruhigung dienen; ist eine Untersuchung unnötig, erklärt die Ärztin oder der Arzt, warum [2]
Finden sich keine Warnzeichen, empfiehlt die Leitliniengruppe, Sie zu beruhigen, ohne die Beschwerden herunterzuspielen oder abzustreiten; vermittelt werden die Glaubwürdigkeit der Beschwerden und die Sorgfalt der ärztlichen Einschätzung, auch ohne dass gleich eine Diagnose benannt wird [2]. Bei Bedarf wird ein weiterer Termin in zwei bis vier Wochen angeboten, mit dem Hinweis, dass die Beschwerden wahrscheinlich abklingen oder auch bei Fortbestehen kein Grund zur Sorge besteht [2]. Kommen Sie wieder, weil die Beschwerden anhalten oder Lebensqualität und Alltag beeinträchtigen, werden körperliche und psychosoziale Faktoren gleichzeitig und gleichgewichtig untersucht [2]. Lässt sich keine gesicherte Diagnose stellen, empfiehlt die Leitliniengruppe, eher die ICD-Schlüssel für Symptome zu verwenden als eine Verlegenheitsdiagnose [2].
Die psychosomatische Grundversorgung durch Ärztinnen und Ärzte dient laut Psychotherapie-Richtlinie einer möglichst frühen Klärung, welche Rolle seelische und körperliche Faktoren bei einem Krankheitsbild spielen; sie umfasst auch eine Basistherapie funktioneller und psychosomatischer Erkrankungen durch Gespräche und übende Verfahren [5]. Fragen für den Termin können Sie mit den Fragen fürs Arztgespräch vorbereiten.
Behandlung im Überblick
Weil Verlauf und Schwere sehr unterschiedlich sind, ordnet die Leitliniengruppe ihre Empfehlungen in drei Stufen; die Empfehlungen der frühen Stufen gelten bei schwereren Verläufen weiter und werden ergänzt [2]. Von Anfang an empfiehlt sie, körperliche und psychosoziale Seiten der Beschwerden gleichermaßen zu berücksichtigen [2].
| Stufe | Wann | Was laut Leitliniengruppe im Vordergrund steht |
|---|---|---|
| Erste Grundversorgung | bei den ersten Arztkontakten [2] | sorgfältige Befragung und Untersuchung, Beruhigung und Beratung; Behandlung in der Regel als Ermutigung zu einem gesunden, körperlich aktiven Lebensstil, am besten mit vertrauten Aktivitäten; abwartendes Beobachten [2] |
| Erweiterte Grundversorgung | wenn die Beschwerden anhalten oder Lebensqualität und Alltag beeinträchtigen [2] | gleichzeitige Untersuchung körperlicher und psychosozialer Faktoren, feste Termine unabhängig von den Beschwerden, ein gemeinsames Erklärungsmodell, kleine erreichbare Ziele, Information und Selbsthilfe [2] |
| Multimodale Behandlung, Psychotherapie, Rehabilitation | bei schweren Verläufen mit erheblicher Einschränkung im Alltag und vielen Arztkontakten [2] | weitere Behandlungsformen ambulant, in der Tagesklinik oder stationär, ein Netz der Behandelnden, das die Hausarztpraxis oder die Facharztpraxis koordiniert, Psychotherapie und gegebenenfalls Rehabilitation [2] |
Ein zentraler Schritt ist ein persönliches Erklärungsmodell. Die Leitliniengruppe empfiehlt unter anderem, zu erklären, dass Beschwerden sehr oft ohne körperliche Krankheit auftreten; Teufelskreise verständlich zu machen, etwa "je mehr Schmerz, desto weniger Bewegung, je weniger Bewegung, desto mehr Schmerz"; Beschwerden wie Zittern oder Herzklopfen als körperlichen Ausdruck von Anspannung und Stress zu erklären; einseitige, rein seelische oder rein körperliche Erklärungen zu vermeiden und zu sagen, dass die Lebenserwartung normal bleibt [2]. Daraus werden konkrete, realistische Ziele in kleinen Schritten abgeleitet [2].
Nachhaltiger als passive, organbezogene Maßnahmen sind laut Leitliniengruppe in der Regel aktive Wege, die die Selbstwirksamkeit und die Fähigkeiten zur Selbsthilfe stärken: soziale und vor allem körperliche Aktivität wieder aufnehmen, sich dem wieder aussetzen, was vermieden oder geschont wurde, Selbsthilfeliteratur und Selbsthilfegruppen, kurzzeitig Physio- oder Ergotherapie und Angebote außerhalb des Gesundheitswesens wie Volkshochschulkurse [2]. Ausgewählte passive Maßnahmen wie Schmerzmittel, Psychopharmaka, physikalische Anwendungen oder Akupunktur können laut Leitliniengruppe zur Linderung empfohlen werden, mit dem Hinweis, dass ihre Wirkung meist vorübergehend ist und sie nur begleiten [2]. Als einzige passive Begleitbehandlung, die seit der Vorgängerfassung neu empfohlen werden kann, nennt sie Bäder- und Wasseranwendungen bei Beschwerdebildern, in denen Schmerzen im Vordergrund stehen, vor allem beim Fibromyalgiesyndrom [2].
Eine Psychotherapie empfiehlt die Leitliniengruppe vor allem bei starken psychosozialen Belastungen, psychischen Begleiterkrankungen, belastenden Krankheitsvorstellungen, deutlicher Einschränkung im Alltag oder einer dauerhaft konfliktreichen Beziehung zu den Behandelnden [2]. Gut belegt ist laut Leitliniengruppe die Wirksamkeit von (kognitiver) Verhaltenstherapie, psychodynamischer Psychotherapie und Hypnotherapie; in multimodalen Programmen haben sich auch körperorientierte und achtsamkeitsbasierte Ansätze bewährt [2]. Die Therapie richtet sich zunächst auf die körperlichen Beschwerden und das bestehende Erklärungsmodell; seelische Hintergründe empfiehlt die Leitliniengruppe nur indirekt oder erst später anzusprechen [2]. Somatoforme Störungen gehören laut Psychotherapie-Richtlinie zu den Erkrankungen, bei denen Psychotherapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung angewendet werden kann [5]. Reicht eine ambulante Behandlung nicht aus, ist laut Leitliniengruppe eine multimodale Behandlung in einer Tagesklinik oder im Krankenhaus angezeigt [2]. Mehr unter Psychotherapie und Medikamente und Klinik und Tagesklinik.
Medikamente bei somatoformen Störungen
Wegen der Risiken, der Nebenwirkungen und der geringen Akzeptanz bei Betroffenen empfiehlt die Leitliniengruppe Medikamente, vor allem Psychopharmaka und darunter besonders Antidepressiva, nur noch für eine vorübergehende Linderung von Beschwerden wie Schlafstörungen oder Nervosität, für bestimmte Schmerzsyndrome wie das Fibromyalgiesyndrom oder bei einer begleitenden psychischen Erkrankung [2]. Für die medikamentöse Behandlung einzelner Syndrome wie des Fibromyalgiesyndroms, des Reizdarmsyndroms oder bestimmter Schmerzsyndrome wie des Spannungskopfschmerzes verweist sie auf die jeweiligen eigenen Leitlinien [2]. Medikamente und eingreifende Maßnahmen empfiehlt die Leitliniengruppe erst nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen, etwa einer vorübergehenden Linderung, und Risiken, etwa einer ungewollten Verfestigung der Beschwerden [2].
| Mittel | Was Leitliniengruppe bzw. Fachinformation dazu sagen |
|---|---|
| Opipramol | laut Fachinformation zugelassen bei somatoformen Störungen und bei generalisierter Angststörung; bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren nicht empfohlen, weil Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit fehlen. Häufig sind laut Fachinformation, besonders zu Beginn, Müdigkeit, Mundtrockenheit und eine verstopfte Nase sowie niedriger Blutdruck und Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen [4] |
| Antidepressiva | nur zur vorübergehenden Linderung, bei bestimmten Schmerzsyndromen wie dem Fibromyalgiesyndrom oder bei begleitender psychischer Erkrankung; für einzelne Syndrome gelten deren eigene Leitlinien [2] |
| Opiate, Cannabispräparate, Benzodiazepine | bei rein funktionellen Körperbeschwerden laut Leitliniengruppe nicht angezeigt [2] |
| Antipsychotika, angstlösende Mittel und Beruhigungsmittel | nur in Krisen oder bei einer entsprechenden Begleiterkrankung gerechtfertigt; als Beispiel nennt die Leitliniengruppe ausdrücklich Fluspirilen als Spritze [2] |
| Pregabalin | beim Fibromyalgiesyndrom laut Leitliniengruppe nur angezeigt, wenn zusätzlich eine generalisierte Angststörung besteht; Wirkung nach zwei und vier Wochen prüfen, absetzen, wenn es nach vier Wochen nicht wirkt [2]. Zugelassen ist Pregabalin laut Fachinformation nur bei Erwachsenen mit neuropathischen Schmerzen, mit generalisierter Angststörung oder als Zusatzbehandlung bei partiellen epileptischen Anfällen; für das Fibromyalgiesyndrom ist es nicht zugelassen [6] |
Ausdrücklich nennt die Fachinformation von Opipramol die somatoformen Störungen als Anwendungsgebiet; ob ein anderes Mittel dafür zugelassen ist, steht in seiner Fachinformation und auf der Wirkstoffseite unter Anwendungsgebiet. Opipramol sollte laut Fachinformation mindestens zwei Wochen regelmäßig eingenommen werden, weil die Wirkung allmählich eintritt; ratsam ist eine Behandlungsdauer von durchschnittlich ein bis zwei Monaten [4]. Es sollte nicht abrupt abgesetzt werden, weil vor allem nach längerer, hoch dosierter Behandlung Unruhe, Schweißausbrüche und Schlafstörungen auftreten können [4]. Alle Behandelten sollten laut Fachinformation unabhängig vom Anwendungsgebiet engmaschig auf eine Verschlechterung, Suizidgefahr und andere psychische Beschwerden überwacht werden, besonders zu Beginn und nach Dosisänderungen (siehe Wann Sie sofort Hilfe brauchen) [4]. Die Dosierung steht auf der Wirkstoffseite unter Dosierung.
Ob und welches Medikament für Sie infrage kommt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nicht eigenständig; Absetzen geschieht gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt. Mehr unter Absetzen und Abhängigkeit.
Verlauf und Dauer
Funktionelle Körperbeschwerden klingen laut Leitliniengruppe häufig von selbst ab [2]. Bei Menschen mit vielen Beschwerden, die die Kriterien einer ausgeprägten somatoformen Störung erfüllen, bleiben sie in mindestens 20, wahrscheinlich eher 50 von 100 Fällen bestehen. Im Lauf der Zeit berichten 50 bis 75 von 100 Betroffenen eine Besserung, bei 10 bis 30 von 100 werden die Beschwerden stärker [2]. Die Somatisierungsstörung verläuft laut ICD-10-GM chronisch und schwankend und ist häufig mit lang andauernden Schwierigkeiten im sozialen und familiären Leben verbunden [1].
Eine feste Behandlungsdauer nennt die Zusammenfassung nicht; wie die Behandlung aufgebaut ist, hängt von der Stufe ab (siehe Behandlung im Überblick) [2]. Die zusätzliche Zeit für die erweiterte Grundversorgung ist laut Leitliniengruppe wegen ihrer Bedeutung für den Verlauf gut investiert [2]. In der Psychotherapie ist die Motivation für die Behandlung das erste wichtige Ziel [2]. Mehr unter Wie lange behandeln?
Selbsthilfe und Alltag

Zu den aktiven Maßnahmen, die die Leitliniengruppe hervorhebt, gehören vor allem Information, Entspannung und Achtsamkeit, Selbsthilfe und körperliche Aktivierung [2]. Körperliche Aktivität geht laut Leitliniengruppe von Ihrer eigenen Initiative aus und kann von Bewegung, die Freude macht, bis zu planmäßigen Aktivierungsprogrammen reichen [2]. Neu aufgenommen hat sie Verfahren, die Körper und Geist verbinden, etwa die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR), als begleitende Behandlung, die erwogen werden kann [2].
Ungünstig sind laut Leitliniengruppe Rückzug und Abschirmung, etwa das Meiden öffentlicher Verkehrsmittel oder von Kommunikationsmedien, weil das Beweglichkeit und soziale Beziehungen beeinträchtigen kann. Auch einseitige Diäten und die Dauereinnahme von Antibiotika oder sogenannten Chelatbildnern können der Darmflora und dem Haushalt an Vitaminen, Metallen und Mineralstoffen schaden [2]. Angebote außerhalb des Gesundheitswesens, etwa ein Kurs an der Volkshochschule, haben laut Leitliniengruppe den Vorteil, dass Sie dort nicht in der Rolle als Patientin oder Patient sind [2].
Für Angehörige
Eine Somatisierungsstörung ist laut ICD-10-GM häufig mit einer lang andauernden Störung des sozialen, zwischenmenschlichen und familiären Verhaltens verbunden [1]. Im Rahmen einer Psychotherapie können relevante Bezugspersonen laut Psychotherapie-Richtlinie in die Behandlung einbezogen werden, wenn das für den Behandlungserfolg nötig ist [5].
Gute soziale Unterstützung zählt die Leitliniengruppe zu den Faktoren für einen günstigen Verlauf. Als ungünstig nennt sie unter anderem eine Behandlung, die Beschwerden ungewollt verfestigt, etwa durch beunruhigende Botschaften, die Bestärkung passiven Verhaltens oder unnötige Untersuchungen und Behandlungen [2]. Angehörige können die aktiven Schritte unterstützen, die mit den Behandelnden vereinbart sind. Mehr unter Angehörige.
Wann Sie sofort Hilfe brauchen
Die Lebenserwartung scheint bei funktionellen Körperbeschwerden laut Leitliniengruppe nicht verkürzt zu sein, abgesehen von einem häufigeren Auftreten von suizidalem Verhalten [2]. Als Warnzeichen nennt die Leitliniengruppe unter anderem Selbstschädigung oder Suizidalität, etwa Mangelernährung und Untergewicht, körperliche Folgen von Schonverhalten sowie Suizidgedanken und -pläne, außerdem schwere psychische Begleiterkrankungen [2].
Warnzeichen sind laut Leitliniengruppe auch Hinweise auf eine körperliche Erkrankung, zum Beispiel Blut im Stuhl bei Magen-Darm-Beschwerden, und eine drohende Schädigung durch ungeeignete Behandlungen, etwa nicht angezeigte Operationen [2]. Die Leitliniengruppe empfiehlt, die klinische und körperliche Untersuchung bei Bedarf in regelmäßigen Abständen zu wiederholen, auch um Warnzeichen einer neu auftretenden körperlichen Erkrankung zu erkennen [2]. Lassen Sie neue oder deutlich veränderte Beschwerden ärztlich ansehen.
Alle Hilfsangebote mit Erreichbarkeit stehen unter Hilfe in der Krise.
Quellen
- Behörde ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V, Gruppe F40 bis F48: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand Version 2026, Stand 12.09.2025. abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinie Clinical Practice Guideline: Functional Somatic Symptoms (englische Fassung der Zusammenfassung der S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden, AWMF-Register 051-001), Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 553-60, DOI 10.3238/arztebl.2019.0553. Roenneberg C, Sattel H, Schaefert R, Henningsen P, Hausteiner-Wiehle C für die Leitliniengruppe; Deutsches Ärzteblatt International. Stand 19.08.2019 (Aktualisierung der Leitlinie November 2016 bis Juli 2018). abgerufen am 23.10.2026
- Leitlinien (Übersicht der federführenden Leitlinien), Eintrag 051-001. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Opipramol STADA 50 mg/100 mg Filmtabletten. STADAPHARM GmbH. Stand 04/2018. abgerufen am 23.10.2026
- Behörde Richtlinie über die Durchführung der Psychotherapie (Psychotherapie-Richtlinie). Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Stand zuletzt geändert am 19.03.2026, in Kraft getreten am 17.06.2026. abgerufen am 23.10.2026
- Fachinformation Pregabalin-ratiopharm Hartkapseln. ratiopharm GmbH. Stand 11/2025. abgerufen am 23.10.2026
Häufige Fragen
Was ist eine somatoforme Störung?
Bei einer somatoformen Störung bestehen wiederholt körperliche Beschwerden, die sich durch körperliche Befunde nicht ausreichend erklären lassen. Kennzeichen ist laut ICD-10-GM die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome mit hartnäckigen Forderungen nach Untersuchungen, obwohl die Ergebnisse unauffällig sind. Bestehen körperliche Erkrankungen, erklären sie Art und Ausmaß der Beschwerden nicht. Die S3-Leitlinie spricht allgemeiner von funktionellen Körperbeschwerden.
Welchen ICD-10-Code haben somatoforme Störungen?
Die ICD-10-GM führt somatoforme Störungen unter F45: F45.0 Somatisierungsstörung, F45.1 undifferenzierte Somatisierungsstörung, F45.2 hypochondrische Störung, F45.3- somatoforme autonome Funktionsstörung, F45.40 anhaltende somatoforme Schmerzstörung, F45.41 chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, F45.8 sonstige und F45.9 nicht näher bezeichnete somatoforme Störung.
Welche Medikamente helfen bei somatoformen Störungen?
Ausdrücklich nennt die Fachinformation von Opipramol somatoforme Störungen als Anwendungsgebiet. Die Leitliniengruppe empfiehlt Medikamente, auch Antidepressiva, nur zur vorübergehenden Linderung etwa von Schlafstörungen oder Nervosität, bei bestimmten Schmerzsyndromen wie dem Fibromyalgiesyndrom oder bei einer begleitenden psychischen Erkrankung. Opiate, Cannabispräparate und Benzodiazepine sind bei rein funktionellen Beschwerden laut Leitliniengruppe nicht angezeigt. Welches Mittel passt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Gibt es einen Test für somatoforme Störungen?
Einen Selbsttest nennt die Zusammenfassung der Leitlinie nicht. Die Diagnose entsteht aus einer sorgfältigen Befragung und körperlichen Untersuchung, bei anhaltenden Beschwerden aus einer gleichzeitigen Abklärung körperlicher und psychosozialer Faktoren. Wiederholte Untersuchungen, die in erster Linie der Beruhigung dienen, empfiehlt die Leitliniengruppe zu vermeiden.
Kann eine somatoforme Störung neurologische Symptome machen?
Ausfälle wie Lähmungen, Bewegungsstörungen, Anfälle oder Gefühlsstörungen ohne körperliche Ursache ordnet die ICD-10-GM als dissoziative Störungen (Konversionsstörungen, F44) ein, nicht als somatoforme Störungen. Störungen mit Schmerz und anderen komplexen Empfindungen, die über das vegetative Nervensystem vermittelt werden, gehören zur Somatisierungsstörung (F45.0). Lassen Sie neue neurologische Ausfälle zeitnah ärztlich abklären.
Was bedeutet "somatoforme Störung, nicht näher bezeichnet"?
Das ist der Schlüssel F45.9 der ICD-10-GM. Er wird verwendet, wenn eine somatoforme Störung vorliegt, die keiner der genaueren Formen zugeordnet wird; eingeschlossen ist die psychosomatische Störung ohne nähere Angabe. Lässt sich keine gesicherte Diagnose stellen, empfiehlt die Leitliniengruppe, eher die ICD-Schlüssel für Symptome zu verwenden als eine Verlegenheitsdiagnose.
Ist Hypochondrie eine somatoforme Störung?
Ja, die ICD-10-GM ordnet die Hypochondrie der hypochondrischen Störung (F45.2) und damit den somatoformen Störungen zu. Kennzeichen ist eine beharrliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden; normale Körperwahrnehmungen werden oft als krankhaft gedeutet. Depression und Angst finden sich laut ICD-10-GM häufig.
Bilde ich mir die Beschwerden nur ein?
Eine bewusste Simulation schließt die ICD-10-GM bei der Somatisierungsstörung ausdrücklich aus und führt sie unter einem eigenen Schlüssel (Z76.8); bei der chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren wird der Schmerz laut ICD-10-GM nicht absichtlich erzeugt oder vorgetäuscht. Die Leitliniengruppe empfiehlt, die Glaubwürdigkeit der Beschwerden zu vermitteln und sie zum Beispiel als körperlichen Ausdruck von Anspannung und Stress zu erklären, etwa bei Zittern oder Herzklopfen. Sie empfiehlt außerdem, einseitige, rein seelische oder rein körperliche Erklärungen zu vermeiden.
Medizinischer Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Setzen Sie ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache ab. Vermutete Nebenwirkungen können Sie selbst melden: nebenwirkungen.bund.de. Mehr dazu
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