Was ist Fluvoxamin?
Fluvoxamin ist ein Antidepressivum aus der Gruppe der SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), das sich besonders bei der Behandlung von Zwangsstörungen bewährt hat. Es war das erste SSRI mit Zulassung für Zwangsstörungen weltweit.
Fluvoxamin wurde in den 1980er Jahren entwickelt und ist in Deutschland unter dem Handelsnamen Fevarin sowie als günstiges Generikum erhältlich. Im Vergleich zu neueren SSRI wie Cipralex oder Sertralin wird es heute seltener verschrieben, bleibt aber bei Zwangsstörungen eine wichtige Option.
🔍 Fluvoxamin vs. andere SSRI
Was macht Fluvoxamin besonders?
- Spezialisierung: Besonders wirksam bei Zwangsstörungen (OCD)
- Zweimal täglich: Anders als die meisten modernen SSRI (wegen kürzerer Halbwertszeit)
- Sedierend: Macht eher müde statt wach (Vorteil bei Schlafproblemen)
- Starke CYP-Hemmung: Viele Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
- Weniger bekannt: Wird seltener verschrieben als Sertralin oder Escitalopram
Wie wirkt Fluvoxamin?
Fluvoxamin erhöht die Verfügbarkeit von Serotonin im Gehirn. Bei Zwangsstörungen und Depressionen ist der Serotoninhaushalt gestört.
Fluvoxamin blockiert die Wiederaufnahme von Serotonin in die Nervenzellen, sodass mehr Serotonin im synaptischen Spalt verfügbar bleibt. Dies führt zu einer Verbesserung der Symptome – bei Zwängen oft erst nach 8-12 Wochen, da hier besonders hohe Dosen und lange Behandlungszeiten nötig sind.
Sedierend oder aktivierend?
Im Gegensatz zu Fluoxetin wirkt Fluvoxamin eher sedierend und beruhigend:
- Macht müde: Kann Schläfrigkeit verursachen, vor allem zu Beginn
- Gut bei Schlafproblemen: Vorteilhaft bei Patienten mit Einschlafstörungen
- Weniger aktivierend: Nicht ideal bei starker Antriebslosigkeit
- Beruhigend bei Unruhe: Kann bei innerer Anspannung helfen
Wofür wird Fluvoxamin eingesetzt?
Fluvoxamin hat folgende offizielle Zulassungen:
Off-Label (ohne offizielle Zulassung, aber teilweise eingesetzt) bei:
- Sozialer Phobie
- Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)
- Panikstörung
- Generalisierter Angststörung
✅ Vorteile von Fluvoxamin
Spezialist für Zwänge: Erstes SSRI mit Zulassung für Zwangsstörungen, gut erforscht für OCD
Sedierend: Vorteilhaft bei Schlafproblemen und innerer Unruhe
Bewährt: Jahrzehntelange Erfahrung in der klinischen Anwendung
Günstig: Als Generikum sehr preiswert
⚠️ Nachteile von Fluvoxamin
Zweimal täglich: Aufwendigere Einnahme als bei neueren SSRI
Viele Wechselwirkungen: Starker CYP-Hemmer, kompliziert bei Begleitmedikationen
Müdigkeit: Kann tagsüber müde machen
Übelkeit häufig: Besonders zu Beginn ausgeprägt
Weniger modern: Neuere SSRI sind oft besser verträglich
Dosierung und Einnahme
Standarddosierung
| Indikation |
Startdosis |
Erhaltungsdosis |
Maximaldosis |
| Depression |
50 mg/Tag (abends) |
100 mg/Tag |
300 mg/Tag |
| Zwangsstörung |
50 mg/Tag (abends) |
150-200 mg/Tag |
300 mg/Tag |
| Ältere Patienten |
50 mg/Tag |
100 mg/Tag |
200 mg/Tag |
💡 Warum zweimal täglich?
Kurze Halbwertszeit: Mit etwa 15 Stunden hat Fluvoxamin eine relativ kurze Halbwertszeit im Vergleich zu anderen SSRI.
Aufteilung der Dosis: Bei Dosen über 100 mg wird empfohlen, die Tagesdosis auf zwei Einnahmen zu verteilen (morgens und abends), um einen stabilen Wirkspiegel zu gewährleisten.
Bis 100 mg: Kann einmal täglich abends eingenommen werden
Über 100 mg: Zweimal täglich (z.B. 100 mg morgens, 100 mg abends bei 200 mg Tagesdosis)
Praktische Einnahme-Hinweise
- Niedrige Dosen (50-100 mg): Abends einnehmen wegen sedierender Wirkung
- Hohe Dosen (>100 mg): Morgens und abends aufteilen für stabilen Wirkspiegel
- Mit oder ohne Essen: Unabhängig von Mahlzeiten, bei Übelkeit mit Essen einnehmen
- Regelmäßigkeit: Täglich zur gleichen Zeit einnehmen
- Langsam aufdosieren: Alle 4-7 Tage um 50 mg erhöhen bis zur Zieldosis
Dosierung bei Zwangsstörungen
Bei Zwängen werden oft höhere Dosen benötigt als bei Depression:
- Start: 50 mg abends
- Erhöhung: Alle 4-7 Tage um 50 mg steigern
- Zieldosis: 150-200 mg/Tag (aufgeteilt auf 2 Einnahmen)
- Maximum: Bis 300 mg/Tag möglich bei schweren Fällen
- Lange Geduld: Bei Zwängen oft erst nach 8-12 Wochen deutliche Wirkung!
⚠️ Wichtig bei der Dosierung
Langsam starten: Mit 50 mg beginnen, nicht schneller erhöhen – Übelkeit ist häufig!
Zwänge = höhere Dosen: Bei Zwangsstörungen meist 150-300 mg nötig, deutlich mehr als bei Depression
Geduld bei Zwängen: Wirkung kann 10-12 Wochen dauern
Behandlungsdauer
- Depression: Mindestens 6-9 Monate nach vollständiger Besserung
- Zwangsstörung: Langzeittherapie üblich (1-2 Jahre oder länger), da Rückfälle häufig
- Ohne Psychotherapie: Rückfallrate bei Zwängen sehr hoch – Kombination wichtig!
Nebenwirkungen von Fluvoxamin
Fluvoxamin kann wie alle SSRI Nebenwirkungen verursachen. Die Verträglichkeit gilt als etwas schlechter als bei neueren SSRI, vor allem wegen Übelkeit und Müdigkeit.
Sehr häufige und häufige Nebenwirkungen
- Übelkeit: Sehr häufig (30-40% der Patienten), besonders zu Beginn. Oft stärker als bei anderen SSRI!
- Müdigkeit, Schläfrigkeit: Durch sedierende Wirkung, kann tagsüber störend sein
- Kopfschmerzen: Häufig, meist vorübergehend
- Schlaflosigkeit: Paradoxerweise trotz sedierender Wirkung möglich
- Mundtrockenheit: Häufiger als bei anderen SSRI
- Schwitzen: Vermehrtes Schwitzen, besonders nachts
- Zittern (Tremor): Leichtes Händezittern
- Schwindel: Vor allem zu Beginn
- Verstopfung: Durch anticholinerge Effekte
- Sexuelle Funktionsstörungen: Libidoverlust, Orgasmusprobleme (20-30%)
- Nervosität, Agitiertheit: Besonders zu Beginn
Gelegentliche Nebenwirkungen
- Gewichtszunahme (seltener als bei manchen anderen SSRI)
- Durchfall oder Verstopfung
- Appetitveränderungen
- Konzentrationsstörungen
- Sehstörungen
- Hautausschlag
Seltene, aber ernste Nebenwirkungen
🚨 Sofort zum Arzt bei:
- Serotonin-Syndrom: Unruhe, Fieber, Muskelzuckungen, Verwirrtheit – medizinischer Notfall!
- Suizidgedanken: Besonders zu Beginn bei jungen Erwachsenen
- Leberschädigung: Gelbfärbung, dunkler Urin, starke Müdigkeit
- Krampfanfälle
- Schwere allergische Reaktionen
- Manie oder Hypomanie: Extreme Hochstimmung, Größenwahn
Vergleich zu anderen SSRI
Fluvoxamin im Vergleich:
- Mehr Übelkeit: Übelkeit ist häufiger und stärker als bei Sertralin oder Escitalopram
- Mehr Müdigkeit: Sedierender als die meisten anderen SSRI
- Mehr Mundtrockenheit: Anticholinerge Effekte stärker ausgeprägt
- Ähnliche sexuelle Nebenwirkungen: Wie bei anderen SSRI
Praktische Tipps gegen Nebenwirkungen
💡 So lindern Sie Nebenwirkungen
Gegen Übelkeit: Mit Essen einnehmen (sehr wichtig!), sehr langsam aufdosieren (alle 4-7 Tage), kleine Mahlzeiten, Ingwertee
Bei Müdigkeit: Abends einnehmen nutzt die sedierende Wirkung. Falls tagsüber zu müde: Dosisreduktion mit Arzt besprechen
Mundtrockenheit: Viel Wasser trinken, zuckerfreie Bonbons, spezielle Mundsprays
Verstopfung: Ballaststoffreiche Ernährung, viel trinken, Bewegung
Sexuelle Probleme: Mit Partner und Arzt besprechen – eventuell Dosisanpassung oder Wechsel zu Bupropion
Anfängliche Verschlechterung
In den ersten 1-2 Wochen können sich Angst, Unruhe und Nervosität vorübergehend verstärken. Dies ist normal und lässt nach. Bei sehr starker Belastung kann der Arzt vorübergehend ein Beruhigungsmittel verschreiben.
Wann wirkt Fluvoxamin?
Fluvoxamin benötigt – wie alle Antidepressiva – Geduld. Bei Zwangsstörungen ist die Wartezeit besonders lang!
Typischer Wirkverlauf bei Depression
| Zeitraum |
Was zu erwarten ist |
| Woche 1-2 |
Hauptsächlich Nebenwirkungen (Übelkeit, Müdigkeit, Unruhe). Keine positive Wirkung. Mögliche anfängliche Verschlechterung. |
| Woche 2-3 |
Nebenwirkungen lassen langsam nach. Erste zaghafte Verbesserungen: besserer Schlaf durch sedierende Wirkung. |
| Woche 3-4 |
Erste spürbare Besserung: Stimmung hebt sich, Angst nimmt ab. Die meisten Patienten bemerken jetzt eine Wirkung. |
| Woche 4-6 |
Weitere Verbesserung. Volle therapeutische Wirkung entwickelt sich. Nebenwirkungen deutlich reduziert. |
Wirkung bei Zwangsstörungen – viel Geduld nötig!
Bei Zwangsstörungen dauert es länger als bei Depression:
- Woche 1-4: Meist noch keine Besserung der Zwänge spürbar
- Woche 4-8: Erste zaghafte Verbesserungen bei manchen Patienten
- Woche 8-12: Deutliche Besserung wird spürbar – Zwänge nehmen ab, werden weniger belastend
- Nach 12 Wochen: Volle Wirkung erreicht bei den meisten Patienten
💡 Wichtig bei Zwangsstörungen
Sehr lange Geduld nötig: Bei Zwängen kann es 10-12 Wochen dauern, bis Fluvoxamin wirkt. Dies ist normal und kein Zeichen, dass es nicht wirkt!
Hohe Dosen nötig: Oft werden 200-300 mg benötigt – deutlich mehr als bei Depression
Therapie unverzichtbar: Medikamente allein reichen bei Zwängen nicht – kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen ist entscheidend!
Teilweise Besserung: Vollständiges Verschwinden der Zwänge ist selten – Reduktion um 30-50% ist oft ein gutes Ergebnis
Was tun, wenn Fluvoxamin nicht wirkt?
Falls nach 6-8 Wochen bei Depression bzw. 12 Wochen bei Zwängen keine Besserung:
- Dosiserhöhung: Besonders bei Zwängen auf 200-300 mg erhöhen
- Anderes SSRI versuchen: Sertralin oder Fluoxetin auch gut bei Zwängen
- SNRI erwägen: Venlafaxin kann bei Therapieresistenz helfen
- Augmentation: Bei Zwängen manchmal Hinzufügen von niedrig dosiertem Aripiprazol
- Therapie intensivieren: Ohne Verhaltenstherapie mit Exposition kaum Erfolg bei Zwängen!
- Clomipramin erwägen: Trizyklisches Antidepressivum, oft wirksamer bei schweren Zwängen
Fluvoxamin absetzen
Fluvoxamin sollte wie alle SSRI niemals abrupt abgesetzt werden. Ein langsames Ausschleichen ist wichtig.
Absetzerscheinungen
Beim Absetzen von Fluvoxamin können bei 20-40% der Patienten Entzugssymptome auftreten:
- Schwindel, Benommenheit
- Kopfschmerzen
- "Brain Zaps" (elektrische Schläge im Kopf)
- Übelkeit
- Schlafstörungen, intensive Träume
- Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen
- Grippe-ähnliche Symptome
- Kribbeln, Taubheitsgefühle
⚠️ Absetzprobleme bei Fluvoxamin
Mittlere Absetzproblematik: Fluvoxamin hat mehr Absetzprobleme als Fluoxetin (wegen kürzerer Halbwertszeit), aber weniger als Paroxetin oder Venlafaxin.
Kurze Halbwertszeit: Mit 15 Stunden relativ kurz, daher können Absetzerscheinungen schneller auftreten
Empfohlener Ausschleichplan
Ein typischer Absetzplan bei 150 mg Ausgangsdosis:
| Phase |
Dosierung |
Dauer |
| Ausgangsdosis |
150 mg/Tag |
- |
| Reduktion 1 |
100 mg/Tag |
2-4 Wochen |
| Reduktion 2 |
50 mg/Tag |
2-4 Wochen |
| Optional |
50 mg jeden 2. Tag |
1-2 Wochen |
| Absetzen |
0 mg |
- |
Bei höheren Dosen (200-300 mg) entsprechend langsamer vorgehen.
💡 Tipps für erfolgreiches Absetzen
- Langsam vorgehen: Alle 2-4 Wochen um 50 mg reduzieren
- Richtiger Zeitpunkt: Nicht in stressigen Phasen
- Bei Symptomen: Zur letzten verträglichen Dosis zurückkehren
- Besonders bei Zwängen: Ohne stabile Verhaltenstherapie-Erfolge hohes Rückfallrisiko!
- Selbstfürsorge: Regelmäßiger Schlaf, Bewegung, gesunde Ernährung
Besonderheit bei Zwangsstörungen
Bei Zwängen ist das Absetzen besonders heikel:
- Hohes Rückfallrisiko: Ohne Medikation kehren Zwänge oft zurück
- Langzeittherapie üblich: Viele Patienten nehmen Fluvoxamin jahrelang
- Therapie muss stabil sein: Nur absetzen, wenn Verhaltenstherapie-Erfolge stabil sind
- Engmaschige Kontrolle: Nach Absetzen regelmäßige therapeutische Anbindung wichtig
Dauer der Absetzerscheinungen
- Bei ordnungsgemäßem Ausschleichen: Meist 1-3 Wochen
- Bei zu schnellem Absetzen: 2-6 Wochen oder länger
- Vergessene Einzeldosen können bereits Symptome auslösen
Wechselwirkungen und Gegenanzeigen
Wichtige Wechselwirkungen
⚠️ Fluvoxamin hat VIELE Wechselwirkungen!
Starker CYP-Hemmer: Fluvoxamin hemmt mehrere CYP-Enzyme sehr stark (vor allem CYP1A2, CYP2C19, CYP3A4). Dies führt zu vielen Arzneimittelinteraktionen – mehr als bei den meisten anderen SSRI!
Vorsicht bei Begleitmedikamenten: Informieren Sie Ihren Arzt über ALLE Medikamente, die Sie einnehmen, auch rezeptfreie!
Gefährliche Kombinationen
- MAO-Hemmer: Absolut verboten! Mindestens 14 Tage Abstand (Gefahr des Serotonin-Syndroms)
- Tizanidin: Kontraindiziert – Fluvoxamin erhöht Tizanidin-Spiegel massiv!
- Ramelteon, Melatonin: Wirkspiegel können stark ansteigen
- Theophyllin: Gefährlicher Anstieg des Theophyllin-Spiegels möglich
- Clozapin: Wirkspiegel kann stark ansteigen → Toxizität!
- Warfarin: Blutungsrisiko stark erhöht, INR-Kontrolle nötig
Medikamente, die erhöhte Vorsicht erfordern
- Koffein: Abbau verzögert → mehr Nebenwirkungen von Koffein möglich
- Antipsychotika (Olanzapin, Clozapin): Wirkspiegel steigen
- Benzodiazepine (Diazepam, Alprazolam): Verstärkte und verlängerte Wirkung
- Betablocker (Propranolol): Wirkspiegel steigen
- Trizyklische Antidepressiva: Wirkspiegel können stark ansteigen
- Methadon: Wirkspiegel steigt
- Bestimmte Statine: Erhöhtes Risiko für Muskelschäden
Andere serotonerge Medikamente
Erhöhtes Risiko für Serotonin-Syndrom bei Kombination mit:
- Andere Antidepressiva
- Triptane (Migränemittel)
- Tramadol (Schmerzmittel)
- Tryptophan-Präparate
- Johanniskraut
Gegenanzeigen
Fluvoxamin darf nicht eingenommen werden bei:
- Bekannter Überempfindlichkeit gegen Fluvoxamin
- Gleichzeitiger Einnahme von MAO-Hemmern
- Gleichzeitiger Einnahme von Tizanidin
Besondere Vorsicht geboten
- Epilepsie: Kann Krampfschwelle senken
- Bipolare Störung: Kann manische Episoden auslösen
- Leber-/Nierenerkrankungen: Dosisanpassung nötig
- Blutungsneigung: Erhöhtes Risiko
- Glaukom: Vorsicht bei Engwinkelglaukom
💡 Wichtig zu wissen
Komplexe Wechselwirkungen: Wegen der vielen Interaktionen wird Fluvoxamin heute seltener verschrieben als neuere SSRI mit weniger Wechselwirkungen (z.B. Sertralin, Escitalopram).
Bei Begleitmedikation: Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob ein anderes SSRI mit weniger Wechselwirkungen besser geeignet ist.
Fluvoxamin in Schwangerschaft und Stillzeit
Schwangerschaft
Fluvoxamin hat weniger Sicherheitsdaten in der Schwangerschaft als andere SSRI. Es gibt bessere Alternativen.
⚠️ Vorsicht in der Schwangerschaft
Begrenzte Daten: Fluvoxamin ist in der Schwangerschaft weniger gut untersucht als Sertralin oder Fluoxetin.
Bessere Alternativen verfügbar: Sertralin oder Fluoxetin haben mehr Sicherheitsdaten
Umstellung erwägen: Falls möglich vor Schwangerschaft auf besser untersuchtes SSRI wechseln
Was zeigen die verfügbaren Daten?
- Bisher keine eindeutigen Hinweise auf erhöhtes Fehlbildungsrisiko
- Aber: Deutlich weniger Daten als für Sertralin oder Fluoxetin
- Mögliche Anpassungsstörungen beim Neugeborenen im 3. Trimester
Empfehlungen
- Vor Schwangerschaft: Wenn möglich auf Sertralin oder Fluoxetin umstellen
- Nicht eigenmächtig absetzen: Bei ungeplanter Schwangerschaft sofort Arzt kontaktieren
- Nutzen-Risiko-Abwägung: Individuell besprechen
- Besonders bei Zwängen: Rückfall kann schwerwiegend sein
Stillzeit
Fluvoxamin geht in die Muttermilch über. Die Datenlage ist begrenzt.
Empfehlung: Stillen unter Fluvoxamin ist mit Vorsicht möglich, aber besser dokumentierte Alternativen wie Sertralin oder Paroxetin werden bevorzugt. Falls Fluvoxamin fortgesetzt wird, Kind engmaschig beobachten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum wird Fluvoxamin zweimal täglich eingenommen?
Fluvoxamin hat eine relativ kurze Halbwertszeit von etwa 15 Stunden. Bei Dosen über 100 mg wird empfohlen, die Tagesdosis auf zwei Einnahmen zu verteilen (morgens und abends), um einen stabilen Wirkspiegel zu gewährleisten und Nebenwirkungen zu minimieren.
Ist Fluvoxamin wirklich besser bei Zwangsstörungen?
Ja. Fluvoxamin war das erste SSRI mit Zulassung für Zwangsstörungen und ist sehr gut bei OCD erforscht. Allerdings sind andere SSRI wie Sertralin oder Fluoxetin ähnlich wirksam. Der Hauptvorteil von Fluvoxamin ist die lange Erfahrung speziell bei Zwängen.
Warum wird Fluvoxamin heute seltener verschrieben?
Mehrere Gründe:
- Zweimal täglich: Aufwendigere Einnahme als neuere SSRI
- Viele Wechselwirkungen: Kompliziert bei Begleitmedikation
- Mehr Nebenwirkungen: Besonders Übelkeit häufiger als bei neueren SSRI
- Neuere Alternativen: Escitalopram, Sertralin sind besser verträglich
Fluvoxamin bleibt aber eine gute Option bei Zwangsstörungen, besonders wenn andere SSRI nicht gewirkt haben.
Macht Fluvoxamin müde oder wach?
Fluvoxamin wirkt eher sedierend und kann müde machen. Dies ist ein Vorteil bei Patienten mit Schlafproblemen oder innerer Unruhe, kann aber tagsüber als Nebenwirkung störend sein. Gegensatz zu Fluoxetin, das aktivierend wirkt.
Kann ich Koffein trinken unter Fluvoxamin?
Vorsicht mit Koffein! Fluvoxamin hemmt den Abbau von Koffein (CYP1A2), sodass Koffein länger und stärker wirkt. Sie können nervöser werden, Herzrasen bekommen oder schlechter schlafen. Reduzieren Sie Kaffee, Tee und Energydrinks oder verzichten Sie ganz darauf.
Was ist besser bei Zwängen: Fluvoxamin oder Clomipramin?
Clomipramin ist oft wirksamer bei schweren Zwangsstörungen, hat aber deutlich mehr Nebenwirkungen (trizyklisches Antidepressivum). Fluvoxamin wird meist zuerst versucht wegen besserer Verträglichkeit. Bei unzureichender Wirkung kann zu Clomipramin gewechselt werden.
Nimmt man von Fluvoxamin zu?
Gewichtsveränderungen sind möglich, aber weniger häufig als bei manchen anderen SSRI. Manche Patienten nehmen leicht zu (2-3 kg), andere verlieren Gewicht. Die Gewichtsauswirkungen sind geringer als bei Paroxetin oder Mirtazapin.
Wie lange dauert die Behandlung bei Zwangsstörungen?
Bei Zwangsstörungen ist meist eine Langzeitbehandlung nötig:
- Mindestens 1-2 Jahre nach Besserung
- Oft mehrjährige oder unbegrenzte Behandlung
- Rückfallrate ohne Medikation sehr hoch (70-90%)
- Nur in Kombination mit stabiler Verhaltenstherapie Absetzen erwägen
Kann ich unter Fluvoxamin Auto fahren?
Vorsicht, besonders zu Beginn! Fluvoxamin kann Müdigkeit, Schwindel und Benommenheit verursachen. Testen Sie Ihre Fahrtüchtigkeit in sicherer Umgebung. Nach der Eingewöhnungsphase ist Autofahren meist möglich, aber achten Sie auf sedierende Effekte.
Zusammenfassung
📋 Fluvoxamin im Überblick
Wirkstoff: Fluvoxamin, ein SSRI-Antidepressivum
Handelsname: Fevarin (und Generika)
Hauptanwendungen: Zwangsstörungen (OCD), Depression
Dosierung: 100-300 mg täglich, aufgeteilt auf 2 Dosen bei >100 mg
Einnahme: Zweimal täglich (morgens + abends) bei höheren Dosen
Wirkungseintritt: 3-4 Wochen bei Depression, 8-12 Wochen bei Zwängen
Charakteristik: Sedierend, macht eher müde
Besonderheit: Erstes SSRI mit Zulassung für Zwangsstörungen
Nachteil: Viele Arzneimittelwechselwirkungen (starker CYP-Hemmer)
Wichtigste Botschaften
- Spezialist für Zwänge: Besonders bei Zwangsstörungen gut erforscht und wirksam
- Viel Geduld bei Zwängen: 8-12 Wochen Wirklatenz, hohe Dosen nötig (200-300 mg)
- Zweimal täglich: Bei Dosen über 100 mg morgens und abends einnehmen
- Sedierend: Gut bei Schlafproblemen, aber kann tagsüber müde machen
- Viele Wechselwirkungen: Vorsicht bei Begleitmedikation, Koffein reduzieren!
- Therapie essenziell: Besonders bei Zwängen – ohne Verhaltenstherapie kaum Erfolg
- Langsam starten: Wegen Übelkeit sehr langsam aufdosieren
- Alternative erwägen: Neuere SSRI oft besser verträglich und einfacher
Für wen ist Fluvoxamin geeignet?
- Patienten mit Zwangsstörungen
- Menschen mit Schlafproblemen (sedierende Wirkung vorteilhaft)
- Bei innerer Unruhe (beruhigender als andere SSRI)
- Wenn andere SSRI bei Zwängen nicht gewirkt haben
Wann eher nicht Fluvoxamin?
- Bei vielen Begleitmedikamenten (Wechselwirkungen!)
- Bei Antriebslosigkeit (zu sedierend)
- Wenn einfache Einnahme gewünscht (zweimal täglich aufwendiger)
- In Schwangerschaft (bessere Alternativen verfügbar)
- Bei starkem Koffeinkonsum (Abbau verzögert)