Was ist Valproat?
Valproat, auch als Valproinsäure bekannt, ist ein Wirkstoff mit zwei Hauptanwendungsgebieten: als Antiepileptikum zur Behandlung von Epilepsie und als Stimmungsstabilisierer bei bipolaren Störungen. Es gehört zu den ältesten und am häufigsten eingesetzten Medikamenten in beiden Bereichen.
In Deutschland ist Valproat unter verschiedenen Handelsnamen erhältlich, die bekanntesten sind Ergenyl, Orfiril und Depakine. Der Wirkstoff kann als Natriumvalproat, Valproinsäure oder Valproat-Semisodium vorliegen – alle haben die gleiche Wirkung.
Verschiedene Darreichungsformen
- Tabletten/Dragees: Schnell freisetzend
- Retardtabletten/-kapseln: Verzögerte Freisetzung für gleichmäßigere Wirkung
- Sirup/Lösung: Für Kinder oder bei Schluckbeschwerden
- Injektionslösung: Für Notfälle im Krankenhaus
Wie wirkt Valproat?
Die genaue Wirkweise von Valproat ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es greift an mehreren Stellen im Gehirn an:
Wirkmechanismen
- GABA-Erhöhung: Valproat erhöht den Spiegel von GABA (Gamma-Aminobuttersäure), dem wichtigsten beruhigenden Botenstoff im Gehirn. Dies wirkt stabilisierend und krampfhemmend
- Natriumkanal-Blockade: Hemmt überschießende elektrische Aktivität in Nervenzellen
- Kalziumkanal-Beeinflussung: Reduziert die Erregbarkeit von Nervenzellen
- Histon-Deacetylase-Hemmung: Beeinflusst die Genexpression und kann neuroprotektiv wirken
Wirkungen
Diese vielfältigen Mechanismen führen zu:
- Antikonvulsiver Wirkung: Verhindert epileptische Anfälle
- Stimmungsstabilisierung: Dämpft manische Episoden, wirkt vorbeugend gegen neue Phasen
- Antiaggressiver Wirkung: Reduziert Impulsivität und Aggressivität
Anwendungsgebiete
Bipolare Störungen (psychiatrische Anwendung)
Valproat ist ein wichtiger Stimmungsstabilisierer bei bipolaren Störungen:
- Akute Manie: Behandlung manischer Episoden mit Übererregung, vermindertem Schlafbedürfnis und Größenideen
- Prophylaxe: Vorbeugung neuer manischer und depressiver Episoden
- Rapid Cycling: Besonders wirksam bei schnellem Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen
- Gemischte Episoden: Wenn manische und depressive Symptome gleichzeitig auftreten
Epilepsie (neurologische Anwendung)
Als Antiepileptikum wird Valproat eingesetzt bei:
- Generalisierte Anfälle: Grand-Mal-Anfälle, Absencen
- Fokale Anfälle: Mit oder ohne sekundäre Generalisierung
- Verschiedene Epilepsieformen: Besonders wirksam bei idiopathischer generalisierter Epilepsie
Weitere Anwendungen
- Migräneprophylaxe: Vorbeugung häufiger Migräneanfälle
- Aggressive Verhaltensweisen: Bei bestimmten neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen
- Schizoaffektive Störungen: In Kombination mit Antipsychotika
Dosierung und Einnahme
Dosierung bei bipolaren Störungen
- Startdosis: 500-750 mg pro Tag, aufgeteilt auf 2-3 Einzeldosen
- Dosissteigerung: Schrittweise um 250-500 mg alle paar Tage
- Zieldosis: 1000-2000 mg pro Tag
- Therapeutischer Bereich: Blutspiegel von 50-100 mg/l (µg/ml)
- Maximaldosis: Bis zu 2500-3000 mg pro Tag in Ausnahmefällen
Dosierung bei Epilepsie
- Erwachsene: 600-2100 mg pro Tag
- Kinder: 20-30 mg pro kg Körpergewicht pro Tag
- Höherer Bedarf: Bei Epilepsie oft höhere Dosen als bei bipolaren Störungen
Einnahmehinweise
- Zu den Mahlzeiten: Einnahme mit oder nach dem Essen reduziert Magenbeschwerden
- Retardformen: Nicht teilen oder zerkauen – ganz schlucken für gleichmäßige Wirkstofffreisetzung
- Regelmäßigkeit: Immer zur gleichen Tageszeit einnehmen
- Bei Vergessen: Nicht doppelte Dosis nehmen, sondern nächste Dosis normal einnehmen
- Langsame Dosissteigerung: Verträglichkeit verbessern, Nebenwirkungen reduzieren
💡 Blutspiegel-Kontrollen
Regelmäßige Blutspiegelkontrollen sind wichtig: Der therapeutische Bereich ist relativ eng. Zu niedrige Spiegel bedeuten unzureichende Wirkung, zu hohe erhöhen das Risiko für Nebenwirkungen. Kontrollen erfolgen anfangs häufiger, später alle 3-6 Monate.
Wirkungseintritt und Behandlungsdauer
Wirkungseintritt
- Bei akuter Manie: Erste Besserung nach 3-7 Tagen, volle Wirkung nach 1-2 Wochen
- Bei Epilepsie: Anfallsschutz baut sich über mehrere Tage auf
- Prophylaktische Wirkung: Entwickelt sich über Wochen bis Monate
Behandlungsdauer
Valproat ist ein Medikament für die Langzeittherapie:
- Bipolare Störung: Mindestens 2 Jahre nach Stabilisierung, oft lebenslang
- Epilepsie: Meist mehrjährige Behandlung, manchmal lebenslang
- Absetzen: Nur unter ärztlicher Aufsicht und mit langsamer Dosisreduktion
Nebenwirkungen
Valproat kann verschiedene Nebenwirkungen verursachen. Viele sind dosisabhängig und lassen sich durch Dosisanpassung reduzieren.
Sehr häufige Nebenwirkungen
- Gewichtszunahme: Häufigste Nebenwirkung, betrifft viele Patienten. Durchschnittlich 5-10 kg möglich
- Zittern (Tremor): Feinschlägiges Zittern der Hände
- Magen-Darm-Beschwerden: Übelkeit, Erbrechen (besonders zu Beginn)
- Haarausfall: Vorübergehend, Haare wachsen meist wieder nach. Manchmal veränderte Haarstruktur (lockiger)
Häufige Nebenwirkungen
- Müdigkeit und Schläfrigkeit: Besonders zu Therapiebeginn
- Schwindel
- Appetitssteigerung: Trägt zur Gewichtszunahme bei
- Durchfall oder Verstopfung
- Kopfschmerzen
Gelegentliche, aber wichtige Nebenwirkungen
- Leberfunktionsstörungen: Erhöhte Leberwerte, in seltenen Fällen schwere Leberschädigung
- Bauchspeicheldrüsenentzündung: Selten, aber potenziell gefährlich
- Blutbildveränderungen: Thrombozytopenie (verringerte Blutplättchen), erhöhte Blutungsneigung
- Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS): Bei Frauen, kann Fruchtbarkeit beeinträchtigen
- Hyperammonämie: Erhöhte Ammoniakwerte im Blut
Regelmäßige Kontrollen notwendig
⚠️ Wichtige Laborkontrollen
Folgende Werte müssen regelmäßig kontrolliert werden:
- Leberwerte: Vor Therapiebeginn, dann regelmäßig (besonders in ersten 6 Monaten)
- Blutbild: Thrombozyten, Gerinnungswerte
- Valproat-Blutspiegel: Zur Dosisoptimierung
- Ammoniak: Bei Symptomen wie Verwirrtheit
- Gewicht: Regelmäßig überwachen
Schwangerschaft und Stillzeit – Kritische Risiken
🚨 Absolutes Schwangerschaftsrisiko
Valproat ist eines der gefährlichsten Medikamente in der Schwangerschaft. Die Risiken sind so gravierend, dass die Europäische Arzneimittelbehörde strenge Maßnahmen erlassen hat:
Risiken für das ungeborene Kind:
- Fehlbildungen (ca. 10%): Neuralrohrdefekte (Spina bifida), Herzfehler, Gesichtsspalten, Fehlbildungen der Gliedmaßen
- Entwicklungsstörungen (30-40%): Verzögerte Sprachentwicklung, niedrigerer IQ, Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS
- Verhaltensauffälligkeiten: Soziale Schwierigkeiten, Lernprobleme
Das Risiko besteht während der gesamten Schwangerschaft!
Schwangerschaftsverhütungsprogramm
Für Frauen im gebärfähigen Alter (12-55 Jahre) gelten strenge Vorschriften:
- Valproat nur als letzte Option: Wenn alle anderen Medikamente versagt haben oder nicht verträglich sind
- Sichere Verhütung zwingend: Mindestens eine, besser zwei zuverlässige Verhütungsmethoden
- Regelmäßige Beratungsgespräche: Mindestens jährlich über Risiken aufklären
- Schwangerschaftstests: Vor Therapiebeginn und regelmäßig während der Behandlung
- Behandlungsformular: Muss jährlich ausgefüllt und unterschrieben werden
- Patientenkarte: Immer bei sich tragen
Bei Kinderwunsch
Wenn ein Kinderwunsch besteht:
- Umstellung planen: Mindestens 6 Monate vor geplanter Schwangerschaft mit Arzt besprechen
- Alternative Medikamente: Lamotrigin hat deutlich geringere Risiken
- Niemals abrupt absetzen: Kann zu Krampfanfällen oder manischen Episoden führen
- Folsäure-Supplementierung: Mindestens 5 mg täglich bereits vor der Schwangerschaft
Ungeplante Schwangerschaft
Wenn Sie unter Valproat schwanger werden:
- Sofort Arzt kontaktieren: Nicht einfach absetzen!
- Spezialisierte Beratung: Embryotox (Beratungsstelle für Medikamente in Schwangerschaft)
- Intensive Überwachung: Engmaschige Schwangerschaftsvorsorge, spezielle Ultraschalluntersuchungen
Stillzeit
Valproat geht in die Muttermilch über, allerdings in geringen Mengen. Stillen ist unter ärztlicher Überwachung möglich, das Kind sollte aber beobachtet werden auf Zeichen von Schläfrigkeit, Trinkschwäche oder schlechter Gewichtszunahme.
Wechselwirkungen
Wichtige Arzneimittel-Wechselwirkungen
- Andere Antiepileptika: Komplexe Wechselwirkungen mit Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital – gegenseitige Beeinflussung der Blutspiegel
- Lamotrigin: Valproat erhöht Lamotrigin-Spiegel stark – Lamotrigin-Dosis muss reduziert werden
- Carbapenem-Antibiotika: Können Valproat-Spiegel drastisch senken – Krampfanfälle möglich! Alternative Antibiotika verwenden
- Antidepressiva (SSRI): Können Valproat-Spiegel erhöhen
- Acetylsalicylsäure (Aspirin): Erhöht freies (wirksames) Valproat im Blut
- Gerinnungshemmende Mittel: Verstärkte Blutungsneigung
Alkohol
Alkohol sollte gemieden werden, da er:
- Die sedierende Wirkung von Valproat verstärkt
- Das Anfallsrisiko bei Epilepsie erhöht
- Die Leber zusätzlich belastet
- Manische oder depressive Episoden auslösen kann
Absetzen von Valproat
⚠️ Niemals abrupt absetzen!
Das plötzliche Absetzen von Valproat kann gefährlich sein:
- Bei Epilepsie: Hohes Risiko für schwere Krampfanfälle, Status epilepticus (lebensbedrohlich)
- Bei bipolarer Störung: Schneller Rückfall in manische oder depressive Episode
Richtiges Ausschleichen
Wenn Valproat abgesetzt werden soll:
- Nur unter ärztlicher Aufsicht
- Sehr langsame Dosisreduktion: Über mindestens 4-8 Wochen, oft länger
- Schrittweise: Maximal 10-25% der Dosis pro Woche reduzieren
- Umstellung: Oft wird gleichzeitig ein anderes Medikament eingeschlichen
- Überwachung: Engmaschige Kontrolle auf Anfälle oder Stimmungsschwankungen
Vergleich mit anderen Stimmungsstabilisierern
| Medikament | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Valproat | Schnelle Wirkung bei Manie, auch bei Rapid Cycling wirksam, keine Blutspiegelkontrollen wie bei Lithium | Gewichtszunahme, KRITISCH in Schwangerschaft, Haarausfall, Leberwertkontrollen |
| Lithium | Beste Evidenz, suizidpräventiv, günstig | Enge therapeutische Breite, häufige Blutkontrollen, Nieren-/Schilddrüsenfunktion |
| Lamotrigin | Gut bei Depression, wenig Gewichtszunahme, sicherer in Schwangerschaft | Langsame Aufdosierung, Hautreaktionen möglich, schwächer bei Manie |
| Carbamazepin | Alternative bei Unverträglichkeit | Viele Wechselwirkungen, Blutbildkontrollen, ebenfalls teratogen |
Praktische Tipps für die Valproat-Therapie
💡 Erfolgreiche Therapie mit Valproat
- Regelmäßige Einnahme: Immer zur gleichen Tageszeit für stabile Blutspiegel
- Nicht vergessen: Medikamentenwecker oder App nutzen
- Kontrollen einhalten: Alle Labortermine wahrnehmen
- Gewichtsmanagement: Auf Ernährung achten, Sport treiben
- Symptomtagebuch: Stimmung und Nebenwirkungen dokumentieren
- Medikamentenpass: Immer bei sich tragen, besonders bei Notfällen
- Zahnarztbesuche: Wegen erhöhter Blutungsneigung vorher informieren
- Bei Infekten: Antibiotika-Wahl mit Arzt besprechen (keine Carbapeneme)
Umgang mit Gewichtszunahme
Da Gewichtszunahme sehr häufig ist, hier einige Strategien:
- Frühzeitig gegensteuern: Nicht erst reagieren, wenn viel Gewicht zugenommen wurde
- Ernährungsberatung: Professionelle Unterstützung suchen
- Bewegung: Regelmäßiger Sport, schon 30 Minuten täglich helfen
- Portionen kontrollieren: Oft ist Appetitssteigerung das Problem
- Keine Crash-Diäten: Langsame, nachhaltige Gewichtsreduktion
- Bei starker Zunahme: Mit Arzt über Alternativen sprechen
Häufige Fragen zu Valproat
Warum ist Valproat in der Schwangerschaft so gefährlich?
Valproat greift in die Entwicklung des Nervensystems und anderer Organe ein. Es beeinflusst die Genexpression durch Hemmung der Histon-Deacetylase, was zu Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen führt. Die Risiken sind so gravierend, dass Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter nur noch als absolute letzte Option eingesetzt werden darf.
Kann ich von Valproat auf ein anderes Medikament wechseln?
Ja, ein Wechsel ist möglich, sollte aber nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Bei bipolaren Störungen sind Lithium oder Lamotrigin Alternativen. Der Wechsel muss schrittweise erfolgen, um Rückfälle oder Anfälle zu vermeiden.
Macht Valproat abhängig?
Nein, Valproat macht nicht abhängig. Es besteht kein Suchtpotenzial oder Verlangen nach dem Medikament. Die Notwendigkeit der Langzeiteinnahme ergibt sich aus der Erkrankung.
Kann ich unter Valproat Auto fahren?
Zu Beginn der Therapie und bei Dosisänderungen kann die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt sein. Bei stabiler Einstellung ist Autofahren in der Regel möglich. Bei Epilepsie gelten besondere Vorschriften (anfallsfrei für bestimmte Zeit). Besprechen Sie dies mit Ihrem Arzt.
Warum nehme ich unter Valproat zu?
Valproat steigert den Appetit und kann den Stoffwechsel verändern. Es beeinflusst auch die Insulinregulation. Die Gewichtszunahme ist dosisabhängig und tritt bei 40-70% der Patienten auf. Durch bewusste Ernährung und Bewegung kann dem entgegengewirkt werden.
Was passiert mit meinen Haaren unter Valproat?
Haarausfall tritt bei etwa 10% auf, meist vorübergehend. Die Haare wachsen in der Regel wieder nach, manchmal mit veränderter Struktur (lockiger). Zink- und Selengaben können manchmal helfen. Bei starkem Haarausfall mit Arzt über Alternativen sprechen.
Zusammenfassung
Valproat ist ein wirksamer Stimmungsstabilisierer und Antiepileptikum mit über 50 Jahren klinischer Erfahrung. Es ist besonders effektiv bei der Behandlung akuter manischer Episoden und bipolarer Störungen mit schnellem Phasenwechsel.
Die wichtigsten Punkte:
- Wirksam bei bipolaren Störungen und Epilepsie
- KRITISCH: Absolut kontraindiziert in der Schwangerschaft – hohes Fehlbildungsrisiko
- Frauen im gebärfähigen Alter nur unter strengsten Auflagen und mit Verhütung
- Häufigste Nebenwirkung: Gewichtszunahme
- Regelmäßige Blut- und Leberwertkontrollen notwendig
- Alternative bei Frauen: Lamotrigin (sicherer)
- Niemals abrupt absetzen – Krampfanfälle und Rückfälle drohen
- Gute Alternative zu Lithium bei bestimmten Bipolar-Verläufen
Eine erfolgreiche Valproat-Therapie erfordert gute ärztliche Überwachung und aktive Mitarbeit des Patienten. Bei Frauen im gebärfähigen Alter sollten aufgrund der gravierenden Schwangerschaftsrisiken bevorzugt Alternativen wie Lamotrigin oder Lithium in Betracht gezogen werden.