Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt, ist eine psychische Erkrankung, die vor allem durch intensive und schnell wechselnde Gefühle gekennzeichnet ist.
Menschen mit Borderline erleben ihre Emotionen oft extrem stark und haben Schwierigkeiten, diese zu regulieren. Was andere als normalen Ärger empfinden, kann sich für sie wie unerträgliche Wut anfühlen. Kleine Zurückweisungen können wie der Weltuntergang wirken.
Der Name "Borderline" (deutsch: Grenzlinie) entstand historisch, weil Ärzte die Störung früher an der Grenze zwischen Neurose und Psychose einordneten. Heute wissen wir, dass es sich um eine eigenständige Persönlichkeitsstörung handelt.
Wie häufig ist Borderline?
Etwa 1-2% der Bevölkerung sind von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen. Das sind in Deutschland etwa 1 Million Menschen. Die Störung wird meist im jungen Erwachsenenalter diagnostiziert, kann aber auch schon in der Jugend beginnen.
Früher dachte man, dass vor allem Frauen betroffen sind. Heute weiß man, dass Männer ähnlich häufig betroffen sind, aber seltener Hilfe suchen oder anders diagnostiziert werden.
Die 9 Hauptsymptome nach DSM-5
Für die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung müssen mindestens 5 der folgenden 9 Kriterien erfüllt sein:
1. Angst vor dem Verlassenwerden
Verzweifelte Bemühungen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. Die Angst, allein gelassen zu werden, kann überwältigend sein.
2. Instabile Beziehungen
Intensive, aber instabile zwischenmenschliche Beziehungen. Der Wechsel zwischen Idealisierung ("Du bist perfekt") und Abwertung ("Ich hasse dich").
3. Identitätsstörung
Unstabiles Selbstbild. Nicht wissen, wer man ist, was man will oder wofür man steht. Das Selbstbild kann sich schnell ändern.
4. Impulsivität
Impulsives Verhalten in mindestens zwei Bereichen, die selbstschädigend sein können: unkontrollierte Geldausgaben, riskanter Sex, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essanfälle.
5. Selbstverletzung und Suizidalität
Wiederholte Suiziddrohungen, Suizidversuche oder selbstverletzendes Verhalten wie Schneiden, Brennen oder Schlagen.
6. Emotionale Instabilität
Starke Stimmungsschwankungen. Die Grundstimmung ist oft dysphorisch (gedrückt, gereizt, ängstlich), unterbrochen von Phasen intensiver Verzweiflung, Wut oder Angst.
7. Innere Leere
Chronisches Gefühl der Leere. Ein Gefühl, innerlich hohl zu sein, als fehle etwas Wesentliches. Dies ist oft sehr quälend.
8. Unangemessene Wut
Unangemessen starke oder schwer kontrollierbare Wut. Intensive Wutausbrüche, ständige Wut oder Schwierigkeiten, Ärger zu kontrollieren.
9. Dissoziative Symptome
Vorübergehende stressbedingte paranoide Gedanken oder schwere dissoziative Symptome. Sich unwirklich fühlen oder von sich selbst getrennt sein.
Typische Verhaltensweisen bei Borderline
Neben den diagnostischen Kriterien gibt es weitere Verhaltensweisen, die bei vielen Menschen mit Borderline auftreten:
Schwarz-Weiß-Denken
Menschen mit Borderline neigen dazu, in Extremen zu denken. Etwas ist entweder komplett gut oder komplett schlecht, es gibt keine Grautöne. Eine Person ist entweder perfekt oder furchtbar. Diese Denkweise wird auch "Spaltung" genannt.
Hochsensibilität für Ablehnung
Bereits kleine Anzeichen von Zurückweisung werden als katastrophal erlebt. Ein nicht sofort beantworteter Anruf oder ein kritischer Blick können intensive emotionale Krisen auslösen.
Selbstverletzendes Verhalten
Viele Betroffene verletzen sich selbst, um mit überwältigenden Gefühlen umzugehen. Häufige Formen sind Schneiden, Brennen oder Schlagen. Die Selbstverletzung dient oft dazu:
Unerträgliche innere Spannung abzubauen
Sich wieder zu spüren (bei Dissoziation)
Sich selbst zu bestrafen
Mit anderen zu kommunizieren (unbewusst)
Unstete Beziehungen
Beziehungen sind oft sehr intensiv, aber auch sehr instabil. Es gibt einen schnellen Wechsel zwischen großer Nähe und völligem Rückzug. Die Angst vor Verlassenwerden führt manchmal dazu, dass die Person den anderen verlässt, bevor sie selbst verlassen werden kann.
Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Entstehung von Borderline ist komplex und es gibt nicht die eine Ursache. Meist spielen mehrere Faktoren zusammen:
Traumatische Erfahrungen
Viele Menschen mit Borderline haben in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht:
Emotionale, körperliche oder sexuelle Misshandlung
Vernachlässigung der emotionalen Bedürfnisse
Trennung von wichtigen Bezugspersonen
Invalidierendes Umfeld (Gefühle wurden nicht ernst genommen)
Aber nicht jeder mit Borderline hatte ein Trauma, und nicht jeder mit Trauma entwickelt Borderline.
Biologische Faktoren
Es gibt Hinweise auf eine genetische Komponente. Wenn jemand in der Familie Borderline oder andere psychische Erkrankungen hat, ist das Risiko erhöht. Auch neurobiologische Unterschiede in der Emotionsregulation wurden gefunden.
Temperament
Manche Menschen kommen mit einer erhöhten emotionalen Sensibilität auf die Welt. Sie reagieren intensiver auf Reize und brauchen länger, um sich zu beruhigen.
Das biosoziale Modell
Die Psychologin Marsha Linehan, die die DBT-Therapie entwickelte, beschreibt das biosoziale Modell: Ein emotional sehr sensibles Kind wächst in einem invalidierenden Umfeld auf (wo Gefühle nicht ernst genommen werden). Das Kind lernt nicht, seine Emotionen angemessen zu regulieren, und entwickelt dysfunktionale Bewältigungsstrategien.
Begleiterkrankungen
Menschen mit Borderline haben oft zusätzliche psychische Erkrankungen:
Depression: Sehr häufig, etwa 75% der Betroffenen erleben depressive Episoden
Angststörungen: Panikstörung, soziale Phobie oder generalisierte Angststörung
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Bei früher Traumatisierung
Essstörungen: Bulimie oder Binge-Eating
Substanzmissbrauch: Alkohol oder Drogen als Selbstmedikation
ADHS: Überlappende Symptome mit Impulsivität und Emotionsregulation
Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Diagnose sollte von einem Facharzt für Psychiatrie oder einem Psychotherapeuten gestellt werden. Sie basiert auf:
Ausführliches Gespräch: Über aktuelle Beschwerden, Lebensgeschichte und Beziehungen
Standardisierte Fragebögen: Spezielle Interviews für Persönlichkeitsstörungen
Beobachtung über Zeit: Persönlichkeitsstörungen zeigen sich in dauerhaften Mustern
Ausschluss anderer Erkrankungen: Körperliche Ursachen oder andere psychische Störungen
Eine Diagnose kann erleichternd sein, weil sie zeigt: "Ich bilde mir das nicht ein, es gibt einen Namen dafür und es gibt Hilfe!"
Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die gute Nachricht: Borderline ist behandelbar! Die wichtigste Behandlung ist Psychotherapie. Medikamente spielen nur eine unterstützende Rolle.
Psychotherapie – Die Hauptbehandlung
Psychotherapie ist bei Borderline unverzichtbar und die wirksamste Behandlung. Es gibt mehrere spezialisierte Therapieformen:
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Die am besten erforschte und wirksamste Therapie für Borderline. Entwickelt von Marsha Linehan speziell für Menschen mit Borderline.
Was macht die DBT?
Achtsamkeit: Im Hier und Jetzt bleiben, Gefühle wahrnehmen ohne zu bewerten
Emotionsregulation: Lernen, mit starken Gefühlen umzugehen
Zwischenmenschliche Fertigkeiten: Beziehungen aufbauen und aufrechterhalten
Stresstoleranz: Krisen überstehen ohne selbstschädigendes Verhalten
Aufbau: Einzeltherapie (1x wöchentlich) plus Gruppentherapie (Skillstraining) plus telefonische Erreichbarkeit des Therapeuten in Krisen.
Dauer: Mindestens 1-2 Jahre, manchmal länger.
Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)
Fokus auf dem Verstehen der eigenen mentalen Zustände und der anderer Menschen. Ziel ist es, zu verstehen, warum man selbst und andere so handeln, wie sie handeln.
Hilfreich besonders bei Beziehungsproblemen und dem Gefühl, sich selbst nicht zu verstehen.
Schematherapie
Arbeitet mit verschiedenen "Modi" oder Persönlichkeitsanteilen. Ziel ist es, dysfunktionale Muster (Schemata) aus der Kindheit zu erkennen und zu verändern.
Besonders hilfreich bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen in der Kindheit.
Übertragungsfokussierte Therapie (TFP)
Psychodynamische Therapie, die die Beziehung zwischen Patient und Therapeut nutzt, um Beziehungsmuster zu verstehen und zu verändern.
Welche Therapie ist die richtige?
Die DBT hat die beste wissenschaftliche Evidenz und sollte bevorzugt werden, wenn verfügbar. Aber auch die anderen Therapieformen können sehr wirksam sein. Am wichtigsten ist:
Ein spezialisierter Therapeut mit Erfahrung in der Behandlung von Borderline
Eine gute therapeutische Beziehung
Ihre Bereitschaft, aktiv mitzuarbeiten
Medikamentöse Behandlung
Wichtig zu wissen: Es gibt kein spezielles Medikament gegen Borderline. Medikamente können aber bestimmte Symptome lindern:
Keine Heilung: Medikamente behandeln die Symptome, nicht die Ursache
Ergänzung zur Therapie: Niemals alleinige Behandlung, immer plus Psychotherapie
Vorsicht bei Benzodiazepinen:Benzodiazepine wie Tavor können schnell abhängig machen und sind bei Borderline problematisch
Individuelle Anpassung: Was bei einem hilft, muss bei anderen nicht wirken
Klinikaufenthalt bei Borderline
Ein Klinikaufenthalt kann sinnvoll sein bei:
Akuter Suizidgefahr
Schweren Krisen, die ambulant nicht bewältigt werden können
Beginn einer intensiven Therapie
Schweren Begleiterkrankungen
Spezialisierte Borderline-Stationen: Es gibt Kliniken und Stationen, die sich auf die Behandlung von Borderline spezialisiert haben. Dort arbeiten Therapeuten nach DBT oder anderen spezialisierten Konzepten.
Tagesklinik als Alternative: Intensive Behandlung tagsüber, nachts und am Wochenende zu Hause. Guter Kompromiss zwischen ambulanter und stationärer Behandlung.
Selbsthilfe und Skills
Neben der professionellen Behandlung können Sie selbst viel tun:
DBT-Skills im Alltag
Achtsamkeitsübungen:
5-4-3-2-1-Übung: Nenne 5 Dinge, die du siehst, 4 die du hörst, 3 die du spürst, 2 die du riechst, 1 das du schmeckst
Bewusst atmen: Auf den Atem konzentrieren
Eine Sache nach der anderen: Voll bei einer Tätigkeit sein
Spannungsregulation:
Eiswürfel halten statt sich zu verletzen
Scharfes essen (Chilischote, Tabasco)
Intensive Bewegung (laufen, Liegestütze)
Kalt duschen
Igelball oder Massagerolle nutzen
Skills-Koffer: Viele Menschen mit Borderline haben einen "Skills-Koffer" mit Dingen, die in Krisen helfen: Fotos, Lieblingsdüfte, Gummiband zum Schnalzen, beruhigende Musik, Notfallnummern.
Strukturierter Tagesablauf
Ein regelmäßiger Tagesablauf hilft, Stabilität zu schaffen:
Feste Aufsteh- und Schlafenszeiten
Regelmäßige Mahlzeiten
Aktivitäten einplanen
Soziale Kontakte pflegen
Gesunder Lebensstil
Schlaf: Ausreichend und regelmäßig schlafen
Bewegung: Sport hilft bei Emotionsregulation
Ernährung: Regelmäßig und ausgewogen essen
Substanzen vermeiden: Alkohol und Drogen verschlimmern die Symptome
Selbsthilfegruppen
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein. Sie merken: "Ich bin nicht allein!" Es gibt Selbsthilfegruppen speziell für Menschen mit Borderline.
Für Angehörige: Leben mit einem Menschen mit Borderline
Als Partner, Elternteil oder Freund eines Menschen mit Borderline können Sie viel tun, aber es ist auch wichtig, auf sich selbst zu achten.
Was Angehörige wissen sollten
Es ist eine Erkrankung: Das Verhalten ist nicht böswillig, sondern Ausdruck einer Störung
Sie können nicht heilen: Nur professionelle Hilfe kann die Störung behandeln
Grenzen sind wichtig: Sie dürfen und sollten Ihre eigenen Grenzen setzen
Keine Verstärkung: Versuchen Sie, dysfunktionales Verhalten nicht zu verstärken
Validierung hilft: Gefühle ernst nehmen, ohne das Verhalten gutzuheißen
Kommunikationstipps
Bleiben Sie ruhig: Auch wenn es emotional wird
Validieren Sie: "Ich verstehe, dass du dich furchtbar fühlst"
Keine Diskussionen in Krisen: Später besprechen, wenn beide ruhig sind
Konsequent bleiben: Sagen Sie, was Sie tun werden, und tun Sie es
Selbstfürsorge für Angehörige
Eigene Grenzen kennen und kommunizieren
Zeit für sich selbst nehmen
Eigene Hobbys und Freundschaften pflegen
Angehörigengruppen besuchen
Bei Bedarf selbst Therapie in Anspruch nehmen
Sie sind nicht verantwortlich für die Gefühle oder das Verhalten des anderen! Sie können unterstützen, aber nicht heilen.
Prognose: Wie verläuft Borderline?
Die Prognose ist besser als oft gedacht! Lange Zeit galt Borderline als nicht behandelbar. Heute wissen wir: Das stimmt nicht!
Was Studien zeigen
Besserung ist die Regel: Die meisten Menschen zeigen mit der Zeit deutliche Besserung
Therapie wirkt: Mit spezialisierter Psychotherapie verbessern sich die Symptome signifikant
Langfristig stabil: Viele erreichen nach Jahren eine stabile Besserung
Normale Lebensführung möglich: Arbeit, Beziehungen, Familie – alles ist möglich
Was die Prognose verbessert
Früher Behandlungsbeginn
Konsequente Therapieteilnahme
Stabile soziale Beziehungen
Keine Substanzprobleme
Bereitschaft zur Veränderung
Realistische Erwartungen
Heilung ist ein Prozess, kein Ereignis. Es wird Rückschläge geben, und das ist normal. Fortschritt bedeutet nicht, dass alle Symptome verschwinden, sondern dass man lernt, besser damit umzugehen.
Viele Menschen mit Borderline führen nach erfolgreicher Therapie ein erfülltes Leben. Sie haben stabile Beziehungen, gehen einer Arbeit nach und sind zufrieden.
Mythen über Borderline
Es gibt viele Vorurteile über Borderline. Hier die Fakten:
Mythos: "Menschen mit Borderline sind manipulativ und gefährlich." Fakt: Das Verhalten ist nicht manipulativ gemeint, sondern Ausdruck von Not. Die meisten Menschen mit Borderline sind eher selbst gefährdet als gefährlich für andere.
Mythos: "Borderline ist nicht behandelbar." Fakt: Borderline ist mit der richtigen Therapie gut behandelbar! Die Prognose ist deutlich besser als früher angenommen.
Mythos: "Nur Frauen haben Borderline." Fakt: Männer sind ähnlich häufig betroffen, werden aber oft anders diagnostiziert oder suchen seltener Hilfe.
Mythos: "Menschen mit Borderline suchen nur Aufmerksamkeit." Fakt: Selbstverletzung und Suizidversuche sind Ausdruck extremer innerer Not, kein Aufmerksamkeitssuchverhalten.
Leben mit Borderline: Betroffene berichten
Viele Menschen mit Borderline haben gelernt, mit ihrer Erkrankung zu leben. Einige sind sogar öffentlich damit umgegangen und helfen so, Vorurteile abzubauen.
Gemeinsame Botschaften von Betroffenen:
"Therapie hat mir das Leben gerettet"
"Es wird besser, auch wenn es Zeit braucht"
"Ich bin mehr als meine Diagnose"
"Mit den richtigen Skills kann ich Krisen bewältigen"
"Heute habe ich ein normales Leben"
Fazit
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine ernsthafte psychische Erkrankung, die mit großem Leid verbunden ist. Aber es gibt wirksame Behandlungen!
Die wichtigsten Punkte:
Borderline ist gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und Schwierigkeiten in Beziehungen
Die Hauptbehandlung ist spezialisierte Psychotherapie, besonders DBT
Medikamente können unterstützend wirken, heilen aber nicht
Mit der richtigen Behandlung können die meisten Betroffenen ein stabiles Leben führen
Angehörige sollten sich informieren und eigene Grenzen wahren
Wenn Sie betroffen sind: Suchen Sie professionelle Hilfe. Je früher Sie beginnen, desto besser. Verlieren Sie nicht die Hoffnung – es gibt Wege aus dem Leiden!
Wenn Sie Angehöriger sind: Informieren Sie sich, holen Sie sich Unterstützung, aber vergessen Sie nicht, auch auf sich selbst zu achten.