Nortriptylin (Nortrilen)

Trizyklisches Antidepressivum mit besserer Verträglichkeit - bei Depression, chronischen Schmerzen und Migräne

Was ist Nortriptylin?

Nortriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das zur gleichen Medikamentengruppe gehört wie Amitriptylin. Eine Besonderheit: Nortriptylin ist der aktive Hauptmetabolit von Amitriptylin - das bedeutet, Amitriptylin wird im Körper zu Nortriptylin umgewandelt.

Das Medikament wird hauptsächlich unter dem Handelsnamen Nortrilen vertrieben. Nortriptylin gilt als besser verträglich als Amitriptylin, da es weniger sedierende und anticholinerge Nebenwirkungen hat. Es wird bei Depressionen, chronischen Schmerzen und zur Migräneprophylaxe eingesetzt.

✅ Vorteile von Nortriptylin gegenüber Amitriptylin

  • Weniger sedierend: Geringere Müdigkeit am Tag
  • Weniger anticholinerge Effekte: Weniger Mundtrockenheit, Verstopfung, Sehstörungen
  • Besser für ältere Menschen: Geringeres Verwirrungs- und Sturzrisiko
  • Aktivierender: Kann bei Antriebsmangel vorteilhaft sein
  • Stillzeit: Möglicherweise besser geeignet als Amitriptylin
  • Vorhersagbarere Wirkung: Therapeutisches Drug Monitoring möglich

💡 Schnellübersicht Nortriptylin

  • Wirkstoff: Nortriptylin
  • Handelsname: Nortrilen (auch als Generikum)
  • Wirkstoffklasse: Trizyklisches Antidepressivum (TCA), sekundäres Amin
  • Verschreibungspflichtig: Ja
  • Verfügbare Stärken: 10 mg, 25 mg, 50 mg, 75 mg (Kapseln/Tabletten); Lösung (Tropfen)
  • Darreichungsformen: Kapseln, Tabletten, Tropfen
  • Besonderheit: Aktiver Metabolit von Amitriptylin, besser verträglich

Unterschied zu Amitriptylin

Der chemische Unterschied zwischen Nortriptylin und Amitriptylin ist klein, aber therapeutisch bedeutsam:

Wie wirkt Nortriptylin?

Nortriptylin beeinflusst die Konzentration verschiedener Botenstoffe im Gehirn, wobei die Wirkung auf Noradrenalin im Vordergrund steht.

Hauptwirkmechanismus

Nortriptylin hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin und in geringerem Maße von Serotonin in die Nervenzellen. Dadurch bleiben diese stimmungsaufhellenden und antriebssteigernden Botenstoffe länger im synaptischen Spalt verfügbar.

Im Vergleich zu Amitriptylin:

Therapeutisches Drug Monitoring: Bei Nortriptylin kann der Blutspiegel gemessen werden, um die optimale Dosis zu finden. Es gibt ein "therapeutisches Fenster" (50-150 ng/ml), in dem die Wirkung am besten ist. Zu niedrige oder zu hohe Spiegel sind weniger wirksam.

Wann setzt die Wirkung ein?

Pharmakologische Eigenschaften

Wofür wird Nortriptylin eingesetzt?

Nortriptylin hat ein breites Anwendungsspektrum, ähnlich wie Amitriptylin, wird aber seltener verschrieben.

Zugelassene Anwendungsgebiete

Häufige Off-Label-Anwendungen

Ärzte verschreiben Nortriptylin oft für Erkrankungen außerhalb der offiziellen Zulassung:

Besondere Eignung

Nortriptylin ist besonders geeignet bei:

💡 Vorteil bei älteren Menschen

Aufgrund der geringeren anticholinergen Effekte und weniger Sedierung ist Nortriptylin bei älteren Patienten oft besser verträglich als Amitriptylin. Das Risiko für Verwirrtheit, Stürze und Gedächtnisprobleme ist geringer - dennoch ist Vorsicht geboten.

Dosierung von Nortriptylin

Die Dosierung wird individuell angepasst und hängt vom Anwendungsgebiet und der Verträglichkeit ab.

Übliche Dosierungen nach Indikation

Indikation Startdosis Übliche Dosis Maximaldosis
Depression 25-50 mg abends 75-100 mg/Tag 150 mg/Tag
Chronische Schmerzen 10-25 mg abends 25-75 mg/Tag 100 mg/Tag
Migräneprophylaxe 10-25 mg abends 50-100 mg/Tag 150 mg/Tag
Raucherentwöhnung 25 mg/Tag 75-100 mg/Tag 100 mg/Tag
Ältere Patienten 10-25 mg abends 30-50 mg/Tag 75 mg/Tag

Wichtige Hinweise zur Einnahme

💡 Therapeutisches Drug Monitoring

Bei Nortriptylin ist eine Blutspiegelmessung sinnvoll, um die optimale Dosis zu finden:

  • Therapeutischer Bereich: 50-150 ng/ml
  • Unter 50 ng/ml: Oft unwirksam
  • Über 150 ng/ml: Kann paradoxerweise weniger wirksam sein und mehr Nebenwirkungen verursachen
  • Messzeitpunkt: Morgens vor der nächsten Einnahme (Talspiegel)

⚠️ Besondere Vorsicht bei

  • Älteren Patienten: Mit 10-25 mg beginnen, sehr langsam steigern
  • Leberfunktionsstörungen: Dosisreduktion erforderlich
  • Nierenfunktionsstörungen: Vorsichtige Dosistitration
  • Herzerkrankungen: EKG-Kontrollen vor und während der Behandlung
  • Langsamen Metabolisierern (CYP2D6): Niedrigere Dosen nötig

Dosissteigerung

Die Behandlung beginnt mit einer niedrigen Dosis, die dann schrittweise erhöht wird:

EKG-Kontrollen

Wie bei allen trizyklischen Antidepressiva sollten EKG-Kontrollen erfolgen:

Nebenwirkungen von Nortriptylin

Nortriptylin hat weniger Nebenwirkungen als Amitriptylin, dennoch können unerwünschte Wirkungen auftreten.

Häufige Nebenwirkungen

Gelegentliche Nebenwirkungen

✅ Weniger Nebenwirkungen als Amitriptylin

  • Weniger Tagesmüdigkeit und Sedierung
  • Weniger Mundtrockenheit und Verstopfung
  • Geringeres Risiko für Verwirrtheit (besonders bei Älteren)
  • Weniger Gewichtszunahme
  • Geringeres Sturzrisiko
  • Weniger Akkommodationsstörungen (Sehprobleme)

🚨 Seltene, aber ernste Nebenwirkungen

Kontaktieren Sie sofort einen Arzt bei:

  • Herzrhythmusstörungen: Unregelmäßiger oder sehr schneller Herzschlag
  • Krampfanfällen: Besonders bei höheren Dosen
  • Akutem Harnverhalt: Unfähigkeit, Wasser zu lassen
  • Akutem Engwinkelglaukom: Plötzliche Augenschmerzen, Sehverschlechterung
  • Schwerer Verwirrtheit: Delir, besonders bei älteren Menschen
  • Leberfunktionsstörungen: Gelbfärbung der Haut
  • Suizidgedanken: Besonders zu Behandlungsbeginn
  • Manie: Bei bipolarer Störung

Aktivierende Wirkung

Im Gegensatz zum sedierenden Amitriptylin kann Nortriptylin manchmal aktivierend wirken:

Tipps zum Umgang mit Nebenwirkungen

Überdosierung

Wie alle trizyklischen Antidepressiva ist Nortriptylin bei Überdosierung sehr gefährlich und kann lebensbedrohlich sein.

🚨 Zeichen einer Überdosierung

Bei Verdacht auf Überdosierung sofort den Notruf 112 wählen!

  • Starke Schläfrigkeit bis Bewusstlosigkeit
  • Verwirrtheit, Halluzinationen
  • Krampfanfälle
  • Schwere Herzrhythmusstörungen
  • Sehr niedriger oder hoher Blutdruck
  • Atemstörungen
  • Weite Pupillen

Nortriptylin absetzen - So geht's richtig

Das Absetzen von Nortriptylin sollte immer schrittweise erfolgen. Ein abruptes Absetzen kann zu Entzugssymptomen führen.

⚠️ Niemals plötzlich absetzen!

Auch wenn Nortriptylin nicht abhängig macht, können beim abrupten Absetzen unangenehme Beschwerden auftreten. Setzen Sie Nortriptylin nur nach Rücksprache mit Ihrem Arzt ab.

Typische Absetzerscheinungen

Bei zu schnellem Absetzen können auftreten:

Empfohlenes Ausschleichschema

Ein typisches Ausschleichschema bei Nortriptylin:

Zeitraum Dosisreduktion Beispiel bei 100 mg
Woche 1-2 Reduktion um 25 mg 75 mg
Woche 3-4 Weitere Reduktion um 25 mg 50 mg
Woche 5-6 Reduktion um 25 mg 25 mg
Woche 7-8 Reduktion um 12,5 mg 12,5 mg
Woche 9-10 Absetzen 0 mg

Bei niedrigeren Ausgangsdosen kann schneller reduziert werden. Bei höheren Dosen oder langer Behandlungsdauer kann ein noch langsameres Ausschleichen über mehrere Monate nötig sein.

💡 Tipps für erfolgreiches Absetzen

  • Wählen Sie eine stressfreie Lebensphase
  • Informieren Sie nahestehende Personen
  • Führen Sie ein Symptomtagebuch
  • Bereiten Sie alternative Strategien vor (z.B. für Schmerzen oder Migräne)
  • Bei starken Absetzerscheinungen: Dosis wieder erhöhen und langsamer vorgehen
  • Regelmäßige Arzttermine während des Absetzens

Wann kann Nortriptylin abgesetzt werden?

Wechselwirkungen und Gegenanzeigen

Wichtige Wechselwirkungen

Nortriptylin interagiert mit zahlreichen Medikamenten. Informieren Sie Ihren Arzt über alle Medikamente, die Sie einnehmen.

🚨 Gefährliche Kombinationen - Nicht einnehmen mit:

  • MAO-Hemmern: Mindestens 14 Tage Abstand einhalten - Lebensgefahr!
  • QT-Zeit verlängernde Medikamente: Erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen
  • Adrenalin (Epinephrin): Schwere Blutdruckkrisen möglich

Vorsicht bei Kombination mit:

Besonderheit: CYP2D6-Interaktionen

Nortriptylin wird hauptsächlich durch das Enzym CYP2D6 abgebaut. Medikamente, die dieses Enzym hemmen, können den Nortriptylin-Spiegel erheblich erhöhen:

Alkohol und Drogen

Alkohol sollte während der Behandlung mit Nortriptylin vermieden werden. Die Kombination verstärkt die sedierende Wirkung und kann zu gefährlichen Zuständen führen. Der Konsum von Drogen ist äußerst gefährlich.

Rauchen

Rauchen kann den Abbau von Nortriptylin beschleunigen. Bei Rauchstopp kann der Wirkstoffspiegel ansteigen - informieren Sie Ihren Arzt.

Absolute Gegenanzeigen

Nortriptylin darf nicht eingenommen werden bei:

Besondere Vorsicht erforderlich bei:

Nortriptylin in Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangerschaft

Die Einnahme von Nortriptylin in der Schwangerschaft sollte nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Die Datenlage ist ähnlich wie bei Amitriptylin.

Mögliche Risiken:

💡 Hinweis für Schwangere

Wenn Sie schwanger sind oder eine Schwangerschaft planen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Setzen Sie Nortriptylin nicht eigenmächtig ab. Möglicherweise ist ein Wechsel auf ein besser untersuchtes Antidepressivum wie Sertralin sinnvoll, oder die Fortführung kann bei schwerer Depression notwendig sein.

Stillzeit

Nortriptylin geht in geringen Mengen in die Muttermilch über. Die Konzentrationen beim gestillten Kind sind niedrig.

Vorteile von Nortriptylin in der Stillzeit:

Empfehlungen für die Stillzeit:

Nortriptylin im Vergleich mit anderen Antidepressiva

Nortriptylin vs. Amitriptylin

Der direkte Vergleich mit Amitriptylin:

Vorteile von Nortriptylin:

Vorteile von Amitriptylin:

Nortriptylin vs. SSRI

Im Vergleich zu modernen SSRI wie Cipralex oder Sertralin:

Vorteile von Nortriptylin:

Nachteile von Nortriptylin:

Wann ist Nortriptylin erste Wahl?

Nortriptylin ist besonders geeignet bei:

Wann andere Medikamente bevorzugen?

Praktische Tipps für die Behandlung mit Nortriptylin

Optimale Einnahme

Umgang mit aktivierender Wirkung

Falls Nortriptylin aktivierend wirkt:

Blutspiegel-Monitoring

Nutzen Sie die Möglichkeit der Blutspiegel-Kontrolle:

Gewichtskontrolle

Gewichtszunahme ist möglich, aber geringer als bei Amitriptylin:

Autofahren und Bedienen von Maschinen

⚠️ Vorsicht im Straßenverkehr

Nortriptylin kann die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen, besonders zu Behandlungsbeginn. Verzichten Sie auf Autofahren, bis Sie wissen, wie das Medikament auf Sie wirkt. Dies gilt besonders für die ersten Wochen und nach Dosiserhöhungen.

Bei chronischen Schmerzen

Wenn Nortriptylin gegen Schmerzen eingesetzt wird:

Bei Migräneprophylaxe

Für die Migräneprophylaxe:

Bei älteren Menschen

Besondere Hinweise für ältere Patienten:

Häufig gestellte Fragen zu Nortriptylin

Ist Nortriptylin besser als Amitriptylin?

Nicht unbedingt besser, aber anders. Nortriptylin ist besser verträglich mit weniger Sedierung und anticholinergen Nebenwirkungen. Es ist besonders geeignet für ältere Menschen und Patienten, die Amitriptylin wegen Müdigkeit nicht vertragen. Bei schweren Schlafstörungen ist Amitriptylin oft vorteilhafter.

Macht Nortriptylin abhängig?

Nein, Nortriptylin macht nicht abhängig. Es verursacht keine Toleranzentwicklung und kein Verlangen. Allerdings können beim Absetzen Entzugssymptome auftreten, weshalb ein langsames Ausschleichen wichtig ist.

Wie lange dauert es, bis Nortriptylin wirkt?

Die antidepressive Wirkung setzt nach 2-4 Wochen ein, die volle Wirkung nach 4-6 Wochen. Bei chronischen Schmerzen kann die Wirkung schon nach 1-2 Wochen eintreten.

Kann ich mit Nortriptylin Alkohol trinken?

Nein, auf Alkohol sollte während der Behandlung verzichtet werden. Die Kombination verstärkt die sedierende Wirkung und kann gefährlich sein.

Warum soll der Blutspiegel kontrolliert werden?

Nortriptylin hat ein "therapeutisches Fenster" (50-150 ng/ml). Unterhalb dieses Bereichs ist es oft unwirksam, oberhalb kann die Wirkung paradoxerweise abnehmen und Nebenwirkungen zunehmen. Die Blutspiegel-Kontrolle hilft, die optimale Dosis zu finden.

Nimmt man mit Nortriptylin zu?

Gewichtszunahme ist möglich, aber meist geringer als bei Amitriptylin. Durch bewusste Ernährung und Bewegung kann sie begrenzt werden. Im Vergleich zu Mirtazapin oder Amitriptylin ist das Risiko niedriger.

Kann ich Nortriptylin in der Stillzeit nehmen?

Nortriptylin geht in geringeren Mengen in die Muttermilch über als Amitriptylin und wird von manchen Experten als besser geeignet angesehen. Eine Behandlung unter Stillen ist möglich, das Kind sollte aber beobachtet werden. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt.

Wirkt Nortriptylin aktivierend oder sedierend?

Nortriptylin ist weniger sedierend als Amitriptylin und kann bei manchen Patienten sogar leicht aktivierend wirken. Dies kann bei Depression mit Antriebsmangel vorteilhaft sein, zu Behandlungsbeginn aber auch zu Unruhe führen.

Ist Nortriptylin gefährlich für das Herz?

Wie alle trizyklischen Antidepressiva kann Nortriptylin die Herzfunktion beeinflussen. EKG-Kontrollen sind wichtig. Bei Herzerkrankungen ist besondere Vorsicht geboten. Moderne Antidepressiva wie SSRI sind für das Herz sicherer.

Kann ich von Amitriptylin auf Nortriptylin wechseln?

Ja, ein Wechsel ist möglich. Da Nortriptylin der Metabolit von Amitriptylin ist, kann oft direkt gewechselt werden. Die Äquivalenzdosis beträgt etwa 1:1 oder 2:3. Ihr Arzt wird das genaue Vorgehen festlegen.

Hilft Nortriptylin bei Migräne?

Ja, Nortriptylin wird zur Migräneprophylaxe eingesetzt und ist ähnlich wirksam wie Amitriptylin. Aufgrund der geringeren Sedierung wird es manchmal bevorzugt, besonders wenn Müdigkeit am Tag ein Problem ist.